Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 2 (1.11.1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Zionistische Vereinigung für Deutschland" ihren Vertretertag in Frankfurt a. M. abgehalten. Hamburg wurde zu einer eindrucksvollen Heerschau der Weltorganisation, die zu der bisherigen praktischen Palästinaarbeit eine neue hochinteressante Aufgabe gesellte, nämlich das von dem Nationalökonomen Dr. Franz Oppenheimer empfohlene Siedelungsgenossenschaftssystem auf palästinensischem Boden versuchsweise zur Ausführung zu bringen. Die Frankfurter Tagung der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" brachte einen Präsidentenwechsel, da Dr. Bodenheimer-Köln wegen zu starker anderweiten Inanspruchnahme, eine Wiederwahl strikte ablehnte. Durch die Nominierung Dr. Handtkes zum Präsidenten ist der Sitz der Vereinigung nunmehr von Köln nach Berlin verlegt, so daß wie der Schwerpunkt der anderen großen Organisationen, so auch derjenige der deutschenLandsmannschaft des Zionismus jetzt in der Reichshauptstadt liegt. Neben den Repräsentantenwahlkämpfen in Berlin, die ein weit über die Reichshauptstadt hinaus gehendes allgemeines Interesse unter den deutschen Juden erregen, hat ein anderes Ereignis, dessen Schauplatz gleichfalls die Reichshauptstadt in diesen Tagen gewesen ist, die Anteilnahme weiter Kreise unserer Glaubensgenossen gefunden: das 100jährigeJubiläum der Berliner Universität. Das ist erklärlich. Haben doch viele Tausende unserer Glaubensgemeinschaft lernend und lehrend bei der alma mater Berolinensis geweilt, und verdankt doch auch heute eine große Anzahl jüdischer Studienbeflissener ihr die Vermittelung der reichen Schätze der Wissenschaft und die Vorbereitung zu den akademischen Berufen. Aber es mischte sich doch in die anteilnehmende Jubiläumsfreude der Staatsbürger jüdischen Glaubens ein kleiner Wermutstropfen. Die Erinnerung wurde wachgerufen, daß es jüdischen geistigen Größen, mögen sie noch so sehr zu vortrefflichen Universitätslehrern sich eignen, nicht zu den ordentlichen Professuren gelangen, es sei denn, sie zahlten den geforderten Preis der Taufe. In den hundert Jahren ihres Bestandes hatte die Berliner Universität nur zwei Ordinarien jüdischen Glaubens, den weltberühmten Kliniker Traube und den hervorragenden Juristen Levin Goldschinidt, der als einer der ersten u. a. auch die Schaffung des „Bürgerlichen Gesetzbuches", eines einheitlichen deutschen Zivilrechtes, anregte. Leuchten der Wissenschaft wie Moritz Lazarus, Munk, von Lebenden Senator und Ehrlich, blieben außerordentliche oder Honorarprofessoren. Und selbst in den Tagen der Jubelfeier selbst lehnte es der Senat ab, gerechten Wünschen der jüdischen Studentenschaft zu entsprechen, am Vorabend des Versöhnungstages keine studentische Feier abhalten zu lassen, sie vielmehr auf einen anderen Tag anzusetzen, damit auch die jüdischen Kommilitonen daran teilnehmen könnten. Gegenüber den andauernden Zurücksetzungen jüdischer Gelehrter kann es uns nur einen schwachen Trost verleihen, wenn man anläßlich dieser Festfeier der Universität zivei um die Wissenschaft und Kunst hochverdiente Männer jüdischen Glaubens, James Simon und Rathenau zu Ehrendoktoren der Philosophie ernannte. Beide figurieren unter den Donatoren, den muniflzenten Spendern für die Errichtung neuer wissenschaftlicher Institute, die für Spezialforschungen bestimmt sind. Man darf erwarten, daß die Stellenbesetzung wenigstens bei diesen, mit reicher Beisteuer jüdischen Geldes geschaffenen Forschungsinstituten nicht auch nach konfessionellen Rücksichten erfolgt. In dem zweiten bedeutsamen Ereignis, das die große Oeffentlichkeit lebhaft beschäftigte, nämlich der portugiesischen Revolution und der Absetzung des Königs Manuel von Portugal, spielten Juden keine Rolle. In ganz Portugal leben überhaupt nur 1200 Juden, davon in Lissabon noch keine 600. In ganz Portugal gibt es denn auch nur eine jüdische Gemeinde, in Lissabon, die eine eigene Synagoge hat. In Portugal besteht formell noch immer das Judenausweisungsdekret aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, das bisher nicht aufgehoben ist, wenn es auch nicht mehr in Anwendung gebracht wird. Trotzdem hat es antisemitische Blödheit fertig gebracht, die gewaltsame Umwälzung in Portugal als „jüdische" Tat zu bezeichnen. Die neue republikanische Regierung, die sich die Politik der benachbarten französischen Schwesterrepublik zum Muster zu nehmen scheint, will die Trennung von Staat und Kirche durchführen und hat bereits die staatsbürgerliche Gleichstellung aller Bürger ohne Unterschied der Konfession proklamiert. Sie hat aber auch die geistlichen Orden aufgelöst und die Jesuiten des Landes verwiesen, die nun andere Staaten aufsuchen. Weil nun ein liberales Blatt sich gegen eine Invasion dieser vertriebenen Jesuiten nach Deutschland gewandt hat, wird diese, die Juden absolut nichts angehende Stellungnahme des liberalen Blattes von den katholischen Organen, wie der „Germania" und der „Köln. Volkszeitung", den Juden in die Schuhe geschoben und zu heftigen Ausfällen gegen die Juden benutzt. Wirklich jüdischen Zeitungen ist es, soweit wir übersehen können, gar nicht eingefallen, sich für" eine solche Zurückweisung der ausgetriebenen Ordensleute auszusprechen. Schließlich haben >vir bei der Nebersicht der Ereignisse der lebten Zeit noch einiger teils freudiger teils weniger angenehmer Erinnerungen Erwähnung zu tun. In weiten Kreisen der Judenheit und auch in den Jugendvereinen hat man an dem 26. Todestage des großen jüdischen Philanthropen Sir Moses Montefiore pietätvoll der Manen desselben gedacht. Eine Reihe solcher Gedenkfeiern stehen in unseren Verbandsvereinen noch bevor. — Ihren 100. Geburtstag konnte in diesen Tagen die Jacobson-Schule in Seesen feiern und das 60jährige Jubiläum die große jüdische Weltorganisation, die „Alliance Jsraelite Universelle". Die Feier desselben mußte aber wegen der Erkrankung des greisen Präsidenten der „Alliance", Herrn Levens, hinausgeschoben werden. Doch mag der Zeitpunkt zu einer Jubiläumsfeier auch aus anderen Gründen jetzt nicht opportun erschienen sein. *—*