Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 2 (1.11.1910)
- Date
- 1910-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4926451-6352326-6352440--0032-4929314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zweig der zionistischen Weltorganisation, die eine „rechtlich gesicherte Heimstätte für die Juden in Palästina" erstrebt. Die Organisation der deutschen Zionisten ist aber wohl eine der bedeutsamsten Zweige dieser Bewegung. Sie stellt zur Zeit den Präsidenten und ist eine der rührigsten, wenn nicht d i e rührigste Landsmannschaftsgruppe. Auch das Arbeitsgebiet einer anderen, im vorigen Jahre geschaffenen Organisation, der „Allgemeinen Jüdischen Kolonial - Organisation", kurz „A. I. K. O." genannt, berührt Palästina. „Förderung der landwirtschaftlichen und industriellen Kolonisation von Juden im Orient" lautet ihr Programm. Sie ist eigentlich, wie der Name besagt, keine deutsche, sondern eine allgemeine Vereinigung. die aber, von Deutschlands ausgehend, bisher nur noch in England einen kleinen Boden gewonnen hat. Die religiösen Differenzierungen innerhalb der deutschen Jüdenheit haben zu einer dreigleisigen Bahn des Organisationswesens auf diesem Gebiete geführt, die alle die gleiche Endstation: „Judentums-Wohl" haben- Die „FreieVereinigung für das orthodoxe Judentum" auf der rechten Seite, die „Vereinigung für das liberale Judentum" auf der linken Seite, und die kürzlich konstituierte „Neue Jüdische Vereinigung" in der Mitte. Die geistlichen Führer und' Anhänger dieser verschiedenen religiösen Richtungen haben sich zur Wahrung ihrer beruflichen und Standesinteressen im „Rabbinerverband in Deutschland" organisiert, sich daneben aber auch, je nach ihrer religiösen Stellung, die „Vereinigung traditionell gesetztreuer Rabbiner" und die „V e r e i n i g u n g der liberalen Rabbiner Deutschlands" geschaffen. Auch in dem „Verband der jüdischen Lehrervereine. der Gesamtvrganisation des jüdischen Lehrerstandes", haben die in letzter Zeit wieder etwas stärker entfachten religiösen Gegensätze zu einer kleinen Abbröckelung geführt, indem sich vor mehreren Jahren ein Teil der streng gesetzestreuen Lehrer vom großen Verbände jeparierte und sich eine eigene Organisation im „Verband gesetzestreuer Lehrer Deutschlands" schuf. Sowohl die Rabbinerwie Lehrervrganisationen verfolgen auch soziale und wirtschaftliche Ziele, kleben der Pflege der Standesinteressen und neben der Vertiefung und Erweiterung des geistigen und beruflichen Wissens spielt in diesen Berufsorganisationen auch die wirtschaftliche Besserstellung, Sicherung der Existenz besonders für die Zeit der Arbeitsunfähigkeit infolge Alters und die Relikten- Versorgung eine Rolle. Das Gleiche gilt vom Kantoren-Verband. der sich in Anlehnung an den Lehrerverband als eigene Organisation vor kurzem gebildet hat. Auch die j ü d i s ch e W i s s e n s ch a f t entbehrt nicht des fördernden Mittels der Organisation. Die in den Einzelgemeinden zunächst gebildeten „Vereine für jüdische ^Geschichte und Literatur" "führte der Wunsch zur gegenseitigen Förderung zum Zusammenschluß im „Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur". In der „Jüdischen Literarischen Gesellschaft" vereinigte sich eine andere Anzahl von Freupden der jüdischen Literatur aus allen Teilen des Reiches, und die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" umschließt die organisierten Bestrebungen zur Pflege ernstester und tiefster Forschungen auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft. Aus dem engen Kreise der Familie führte die moderne Entwicklung auch die Frauen auf den Markt des öffentlichen Wirkens. Der Betätigungsdrang der jüdischen Frau ruht zwar auch heute noch erfreulicherweise in der Hauptsache in der Häuslichkeit, wo nicht die Schwere des Existenzkampfes und die Not der Zeit, besonders in den Großstädten, auch sie bereits in das Erwerbsleben geschleudert hat. Aber in einer Hinsicht hat sich nichts geändert: Humanitärem und sozialem Wirken hat sie sich nie entzogen. Die vielen Hunderte von jüdischen Frauenvereinen in den einzelnen Gemeinden und deren Arbeit bezeugen es. Und auch die Frauen hat jetzt der Zug zur Gesamtorganisation ergriffen. Sie haben sich im „Jüdischen Frauenbund" zusammengeschlossen, um den „einzelnen Frauenvereinen Gelegenheit zum Gedankenaustausch, zu Vergleichen, zur Kenntnisnahme mustergiltiger Einrichtungen und Anregungen zu selbständigen Schöpfungen" zu geben. Vor zwei Jahren trat der Frauenbund zusammen und heute bereits verkündet eine soziale Tat den Segen dieser jüdischen Frauenorganisation: das mustergiltige Heim des „Jüdischen Frauenbundes" in Neu-Isenburg. Und schon strebt der Organisierungseifer der jüdischen Frau über die Grenzen des Reiches hinaus zur internationalen Vereinigung aller jüdischen Frauenvereine. Die Erkenntnis, daß wir in allen jüdischen Strebungen, auf welchem Gebiete menschlichen Schaffens es auch sei, auf uns allein angewiesen sind, die Einsicht in die Notwendigkeit engen Zusammenhalts aller jüdischen Kräfte auch > der Jugend zu vermitteln und ihrer freudigen Anteilnahme ain Judentum, ihrem Stolz auf ihr Judentum, die feste innere Basis des Wissens und Verstehens zu verleihen, regte die j ü d i s ch e I u g e n d b e w e g u n g und damit die Anwendung des Organisationsgedankens auch ouf die Jugend an. Zuerst in der Gemeinde, wo die Jugendvereine entstanden, dann der Zusammenschluß Am „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands" mit derPerspektive eines über die Grenzen des Reiches hinausreichenden Bundes. Mit all dein hier Aufgeführten ist die Fülle der Organisativnsgebilde innerhalb des deutschen Judentums bei weitem nicht erschöpft. Ein blühendes Vereinsleben, das sich auf spezifisch-jüdischem Boden in fast geschlvssenein Ringe in kulturellen, geistigen, 4