Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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nur wer an sich selbst glaubt, kann Ganzes leisten, und der Jude muß besonders Großes leisten, wenn er vorwärts kommen will. Wir müssen also Institutionen schaffen, um unsere Jugend sozial zu stärken, aber auch um ihren Idealismus zu heben. Wir müssen ihr die draußen erfahrenen Zurücksetzungen und Leiden durch innere Freuden vergelte», müssen ihr im Judentum selbst einen Halt geben, daß sie sich hier heimisch fühlt. Das Problem lautet: Wie soll unsere jüdische Jugend ausgerüstet werden, um den Kampf ums Dasein mit Erfolg ausnehmen zu können und dabei freudigen Herzens Juden zu bleiben? Und die Antwort wird lauten: Man mache unsere Söhne zu modernen Menschen und zu guten Juden zugleich. Man suche, den natürlichen Prozeß der Verschmelzung des jüdischen Geistes mit modernen Lebensanschauungen mit aller Kraft zu fördern. Mau statte unsere Jugend mit dem ganzen Rüstzeug des Wissens aus, suche aber auch, in ihnen die Freude am Judentum, den Stolz ihrer Geschichte und ihrer Größe wachzuhalten. Das ist der einzige Weg, der zur Harmonie des Innenlebens führt und nur diese Harmonie verbürgt das wahre Glück. Man unterstütze jedes ernste Streben und bekämpfe das hohle Strebertum. Man hebe den Geist und befreie die Seele durch gesunde Ideale im Sinne der Neuzeit und im Geiste des Judentums. Will man uns draußen nicht anerkennen, dann lassen mir unsere Kräfte nicht verkümmern, dann bauen wir das eigene bescheidene Haus aus, statten es mit Schönheit und Tugend aus, gestalten es traut und warm, daß unsere Jugend sich darin wohl fühle. Nur so kann es gelingen, unsere Zukunft zu retten. Das beste "Mittel ist: z u s a m m e n h a l t e n. Darin ruht unsere Stärke. Festbleiben im Glauben an den Sieg der guten Sache, stack sein im Streben nach Erkenntnis und Wahrheit! Das soll unsere Devise sein. Alle Stände und alle Richtungen müssen znsammenhallen in der Treue zur jüdischen Fahne, Woran wir glauben oder nicht glauben, das ist Sache des Herzens, und das Judeuium ist kein enges Kirchen- >11111, ist nicht durch Dogmen eingeengt und bietet Platz süc alle Rlchtiingen, so weit sie den Boden der Geschichte nicht verlassen. Aber die Ehre gebietet uns, uuszuharren und unsere Pflicht zu erfüllen als Deutsche und als Juden. Wir sind nicht Deutsche und daneben Inden, sondern beide Elemente sind in uns vereinigt, beide durch einander gestärkt. Auch in sozialer Beziehung bildet das Zusammenhalten das beste Mittel. Gäbe es keine Renegaten, die feige und ehrlos das Heiligste äußerer Vorteile wegen verleugnen, dann ivären wir im Kamps um unser Recht schon viel weiter. Denn der Staat und die Gesellschaft können all die Kräfte, die hier häufig brachliegen, für die Dauer garnicht entbehren. Heute hilft man sich mit der Lüge und man gewinnt viele jüdische Kräfte unter falschem Namen. Es ist dies bei den Gelehrten wie bei den Kaufleuten jüdischen Glaubens dasselbe. Der Staat und die Gesellschaft werden sie eines Tages rufen, weil sie sie brauchen, und es gilt nur, treu auszuharren, sich niemand aufzudrängen und mit stolzem Selbstbewußtsein zu warten, bis der Ruf an uns ergeht. Wir sind, wenn wir zusammenhallen, eine Macht. Keine gefährliche, mysteriöse im Sinne des Antisemitismus, wohl aber eine moralische und soziale. Seien wir uns dessen bewußt und machen wir davon den besten Gebrauch zum Nutzen der Gesamtheit und zum Segen des Judentums! Auch die Geselligkeit, die mit dem sozialen Leben stets eng zusammenhängt, ist von großer Wichtigkeit, und von ihrer richtigen Pflege hängt viel für die jüdische Jugend ab. Heute ist, wie die Verhältnisse meistens liegen, eine richtige Geselligkeit für die jüdische reife Jugend nur im eigenen engen Kreise möglich. Aber dieser enge Kreis soll nicht enggefaßt sein, sondern weit und frei wie die jüdische Seele. Dieser Kreis soll alles Schöne und Große umfassen, hier soll alles gepflegt werden, was uns frei, stark und gut macht. Ja, gerade hier, wo mau sich seiner jüdischen Individualität nicht zu schämen braucht, kann sich alles frei entfalten. Hier, wo man nicht zu fürchten braucht, in seinen besten Absichten mißverstanden zu werden, kann sich alles ungehemmt und natürlich auslebeu. Hier auch ist der beste Platz für den Läuterungsprozeß der jüdischen Psyche, für eine gesunde Selbstkritik. Und alle Stände sollen hier in enger Fühlung mit einander bleiben, einander anregen und einander befruchten. Das ist sozial und kulturell ungemein wichtig. Wir sollen nicht im Kastengeist erstarren, weil das Unnatur und unjüdisch wäre. Wir sollen lernen, einander zu verstehen und einander zu lieben. So zeigt sich der Segen gesunder Institutionen für die jüdische Jugend all und überall. Nur kommt es bei uns nicht auf die Ideen allein an, sondern auch auf die Art der Verwirklichung und auf die Männer, die sie verkörpern. Suchen wir unsere Zeit und ihre Bedürfnisse zu erfassen und das jüdische Seelenleben in all seiner Mannigfaltigkeit zu erforschen, und wir werden segensreich für Gegenwart und Zukunft schaffen. i Frankfurter Jsr. Familienblatt Nr. 35 vom it Tcptbr. „Das Problem der jüdischen Jugend": Als Aufgabe der Jugend ganz allgemein dezeichnet der Aussatz: Pflege des Fortschritts und Bewahrung der Tradition. Die Jugend soll Ideen huldigen, die ihre Väter nicht gekannt oder verwarfen und zugleich die Tradition bewahren, durch Studium der jüdischen Gelchichte, Pflege der hebräischen Sprache, Aneignung der Literatur- und Kulturschätze. Altes mit Neuem verbindend, Gegenwart und Zukunft verknüpfend." Tut das die jüdische Jugend? Der Verfasser antwortet mit „Nein I" — Im Osten stürmt die jüdische Jugend zum Fortschritt, aber vollzieht dabei den Bruch mit derTradition, dieJugend des Westens hält an der Tradition fest, ermangelt aber jedes Verständnisses für die Zukunft. (? Red.) Eine dritte Kategorie der jüdischen Jugend bilden die Indifferenten. Der Jugend helfen kann Niemand, sie muß sich selber helfen I Und zwar durch Organisierung, aber weder parteimäßig noch territorial, sondern einheitlich jüdisch und international." — Es zeigt von erfreulicher Uebereinstimmung mit dem Ziele unserer Jugendbewegung, wenn der Verfasser sie nicht auf parteimäßigen, sondern neutralen Boden gestellt sehen will. Wenn er aber Landesorganisationen verwirft und einer Weltorganisation der jüdischen Jugend das Wort redet, so übersieht er, daß es keinen anderen Weg zu seinem Ziele gibt, als zunächst einmal die jüdische Jugend der einzelnen Länder zu organisieren. Es ist keine rationelle Bauweise, erst ein Dach zu errichten und dann darunter das Haus zu bauen. Preffe-Schau. iv