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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-10-01 · 1 (1.10.1910) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
1 (1.10.1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Wir haben versucht, in kurzen Strichen ein ungefähres Bild dessen zu geben, wie die Freitagabende gestaltet und durchgeführt wurden. Wenn auch nur einem jüdischen Jünglinge oder Mädchen die Erkenntnis der hohen Bedeutung unserer Ethik und Wissenschaft geworden, es wäre uns reichlicher Lohn! Möge unsere Arbeit allseitigem Verständnisse begegnen, auf daß die Förderung der Anhänglichkeit an unsere Gemeinschaft, die Stärkung des jüdischen Bewußtseins auf dieser Basis durch allseitige ernste, treue und selbstlose Arbeit gefördert werde. Die jüdische Jugend braucht zur Hebung ihres jüdischen Sinnes keiner anderen Mittel als der, die auch in der vergangenen glorreichen Epoche der Geschichte unseres Volkes ausreichten: Das ist aber nichts anderes, als die Weltanschauung. die niedergelegt ist in der Wissenschaft und Ethik des Judentums. Alle anderen Wege sind nur Ausflüsse davon. Sie laufen nebenher und entbehren ihrer Erprobtheit. Uns aber soll die Geschichte Lehrmeisterin sein: Die Waffen, mit denen unsere Väter den Kampf fochten, sie seien auch die unsrigen: Darum laßt uns eintreten in das Arsenal der Wissenschaft des Judentums! Die jüdische Jugend im sozialen Kampfe. Von F a l i u s Schach. Zu den erfreulichsten Erscheinungen der Gegenwart gehört die Neubelebung des sozialen Gedankens in der jüdischen Welt. Wir singen an, tastend, suchend, im Dunkeln umherirrend, lediglich vom jüdischen Herzen geleitet. Nun schwindet der Nebel allmählich, die Sonne dringt durch, das Ziel wird klar sichtbar, und wo ein Ziel da ist, da ist auch ein Weg. Wie alles Gute im Judentum, bedeutet auch die soziale Erkenntnis eine Rückkehr zum Alten, ein organisches Anknüpfeu über die Gegenwart hinweg an die Vergangenheit, den Lebensqnell Israels. Denn das Judentum >var stets sozial, seinem Geiste und Bernie nach. Eine Religion, biedas ganze Leben ansfüllt, die den ganzen Menschen erfaßt, muß sozial sein. Ein Blick in die Bibel zeigt uns, daß neben der Ethik der Sozialismus die Seele der Gesetzgebung ist. Ja, man verstand es schon damals, die tiefsten Probleme des Lebens von der cchischen und sozialen Seile zugleich anznfassen und so eine Sozialethik großzügiger Natur zu schassen. Die ganzen Institutionen des öffentlichen Lebens, die Sabbathfeier, das Zinsverbot, der Schuldenverfall im siebenten Jahre, die Fürsorge für die Armen und Schwachen — sie alle atmen sozialethischen Geist. Auch später, als die staatliche Selbständigkeit anfhörte, als die Religion alles ersetzen mußte, sehen wir den sozialen Geist sich sortentwickeln und soziale Einrichtungen wunderbarer Natur entstehen. Später im Ghetto vertritt die Gemeinde in ethischer und sozialer Beziehung den Staat, und alle Institutionen, die Bestandteile des jüdischen Charakters bilden, blühen auf und werden zum Wesen der Religion und des Lebens. Nur beim Auszug aus dem Ghetto in das große freie Leben wurden hie und da die sozialen Einrichtungen etwas vernachlässigt. Das lange gefesselte Leben stürmte wie ein Bergbach in die neue Zeit hinein und im wilden Toben dachte man an die kleinen Kostbarkeiten nicht. Man wollte in allem den Anderen gleich sein und vergaß ganz, daß ein organisches Leben wohl in neue Fornren gegossen werden, aber seinein Ursprung nicht entfremdet werden darf. Die Ghettomauern fielen und begruben unter ihrem Schutt auch viele wertvolle Dinge. Die neue Zeit brauste heran und in den Stürmen und Kämpfen fand man keine Muße, die langsame Bahn einer gesunden Entwicklung zu wandeln. Gewaltsam wurde vieles umgeworfen, was später mit vieler Mühe wieder aufgebanl werden mußte. So wurden wir, die wir der ganzen Menschheit die sozialen Bahnen gezeigt haben, eine kurze Epoche in der Entfaltung aufgehalten und heule müssen wir von den anderen lernen. Oder richtiger: wir müssen zur alten Zeit zurückkehren und den alten Geist mit neuen Formen verbinden. Dank den Au° reguugen, die von den Logen ausgingen, bahnt sich langsam ein segensreiches soziales Wirken an und belebt alle unsere Institutionen. 'Das wird man als großen Fortschritt begrüßen müssen. Denn erstens schaffen diese neuen Bestrebungen einen qemeinsanien Boden, auf dem alle Parteien und alle Richtungen des Judentums freudig beisammen arbeiten können, was in einer Zeit der Zersetzung und der Zerklüftung einen sehr trostvollen Ausblick in die Zukunft bildet. Dann aber auch stärken uns diese Ideen nach innen, geben uns neues Leben und neue Kraft: Wie im physischen, so ist auch im sozialen Leben die Stärkung des Organismus das beste Schutzmittel gegen alle Krankheiten. Sind wir innerlich gesund und stark, dann brauchen wir die feindlichen Allgriffe nicht zu fürchten. Die beste Legitimation für unsere sozialen Einrichtungen ist ihre Notwendigkeit. Daß der soziale Kampf für den Juden sich besonders schwierig gestaltet, wird niemand, der das Leben kennt, bestreiten wollen. Jeder Jude hat, ob er will oder nicht, das Judentum mit sich zu tragen. Wohl ihm, wenn er es wie eine Dornenkrone trägt, die Wunden schlägt, aber auch hohe innere Freuden bringt! Aber auch, wenn er gegen alles Jüdische in sich ankänipft und das Beste ui seiner Brust niederdrückt, wird er sein Judentum nicht los. Er muß die ihm von der Natur nuferlegte Bürde, die zugleich eine hohe Würde ist, mit sich durchs Leben tragen, und dieses erschwert ihm den Kampf ums Dasein auf Schritt und Tritt und legt ihm jeden Tag neue Hindernisse in den Weg. Der Akademiker wie der Kaufmann, der Handwerker wie der Beamte, — sie alle spüren es, ivie schwer iijtieu das Leben wird, daß sie neben allen Hindernissen noch das eine große des Judentums mit sich schleppen. Jede Laufbahn wird dem Juden erschwert, jedes Streben verkümmert, und er muß alle seine Kräfte auspauuen und das letzte ans sich cherauspresseu, um in diesem Kampfe nicht uiedergetreten zu werden. Das Schlimmste aber ist, daß durch diese traurigen Erfahrungen, die namentlich der junge Jude am Beginne seiner Laufbahn erlebt, die Zuversicht, der Glaube an uns selbst, das Vertrauen auf unsere Kraft häufig erschüttert werden. Daraus droht uns die größte Gefahr, die Gefahr der Verzweiflung, die zur Schwächung der Energie und zur Verleugnung des Idealismus führt. Hier müssen wir ansetzen und mit aller Kraft dahin arbeiten, daß unsere Jugend stark wird, stark in Arbeit, aber auch stark im Glauben und Hoffen. Denn 8

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