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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-10-01 · 1 (1.10.1910) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
1 (1.10.1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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unserer Auffassung ist die Tatsache, daß wir nur mit wenigen Herren die Freitagabende eröffnet haben, zum Schluffe des Winters aber einen starken, festen Stamm von Besuchern hatten; an den erweiterten Freitagabenden aber unsere Säle oft die Zahl der Erschienenen nicht zu fassen vermochten. Mit Genugtuung dürfen wir feststellen, daß alle Richtungen unserer Gemeinde den Freitagabenden ein ungewöhnlich lebhaftes und tatkräftiges Interesse entgegenbringen. Der Abend wird gegen 9 Uhr mit deni Kiddusch eingeleitet. Nach Möglichkeit wird dieser von einem stimmbegabten Mitglieds vorgetragen. Sodann folgt ein regelmäßig fortlaufender Vortrag über das Wesen des Judentums (Näheres siehe unten). Derselbe dauert durchschnittlich 40—45 Minuten. Au diesen Vortrag schloß sich eine gemütliche Aussprache über das Gehörte, die im Gegensatz zu den sonstigen Vereinsabenden nicht den Charakter einer Diskussion, sondern den einer großen Familienunterhaltung trug. In ungezwungener Rede, — die manch einem die Scheu vor der Jungfernrede nahm — wird alles, auch nicht zum Vorträge Gehörende besprochen. Wird doch auch in der ungewungenen Familienunterhaltimg nicht ein Thema ncrch Schema F starr verfolgt. Durch geeignete Ablenkung wird immer wieder die Plauderei auf wichtigere Gesichtspunkte unauffällig gelenkt. Es wird dies durch en unentgeltlich gereichten Tee und rituell einwandfreies minnicll Gebäck (d. h. solches, das auch nach Fleischmahlzeiten sofort genossen werden darf) erleichtert. So kommen wir von selbst in den dritten Teil hinein, der uns mit dem Besten der jüdischen Literatur bekannt macht. An den regelmäßigen Abenden wird Nachdruck auf den Vortrag der Mitglieder selbst gelegt, die auf diese Weise einen außerordentlichen Wetteifer zur Verschönerung des Abends entfalten. Es ist so viel Treffliches geboten worden. Zwischendurch wurden teilweise auch zugkräftige Episoden aus allen möglichen Gebieten zunr Besten gegeben. So ist Teil I spezifisch jüdisch, Teil II als Uebergang spezifisch gesellig, Teil III allgemeine und jüdische Literatur. An den regelmäßigen Freitagabenden behandelte der Verfasser dieser Zeilen im spezifisch jüdischeir Teile das Wesen des Judentums. In kurzen Strichen ungefähr wie folgt: 1. Wesen und Zweck der Religion überhaupt. 2. Wesen und Zweck der christlichen, der mohamedanischen und der buddhistischen Religion. 3. Sonstige Religionssysteme. 4. Das Judentum. 5. Der jüdische Gottesbegriff, dargestellt auf Grundlage a) der Geschichte, b) der jüdischen Philosophen, unter Zugrundelegung des Maimonides, c) die nichtjüdischen Philosophen des Mittelalters in ihren Beziehungen zum Judentum, d) Die Neuzeit, insbesondere Kant. 0. Die jüdische Ethik, a) Quellen: Gemoroh, Mischnah, ihre Entstehung, Charakter, Inhalt; ihr Verhältnis zum Pentateuch. b) Wesen der jüdischen Ethik, c) System der jüdischen Ethik, d) das jüdische Recht in seinem Verhältnis zur Ethik. 7. Die wichtigsten Abschnitte der jüdischen Geschichte. 8. Zum Chanukahfest: Die Makkabäer, ihre Zeit und Gegner. 9. Wie kann sich auch der Laie mit der Wissenschaft des Judentums befassen? Daneben wurden nachgenannle Spezialvortcäge gehalten: 1. Herr Doktor Scheftelowitz: Jüdische Nächstenliebe. 2. Herr Lehrer Gocdon: Spinoza. 3. Herr stuck. med. Rubensohn: Darwin und Mösts. Im allgemeinen und jüdischen Teil wurden folgende Themata behandelt: 1. Die Dichter unserer Zeit, 2. Neue jüdische Dichtung, 3. Rezitationen. 1—3 von Mitgliedern des Vereins. Dienen diese regelmäßigen Freitagabende zur Vertiefung unseres Wissens und Gefühls, so haben die großen Freitagabende gleichzeitig die Tendenz, in den weitesten Kreisen unserer Gemeinschaft das Interesse au der Sache zu erwecken. Demgeniäß wurde auf die Mitwirkung von Persönlichkeiten, deren Namen für die Bedeutung der Abende bürgte, besonderes Gewicht gelegt. Diese Abende fanden monatlich durchschnittlich einmal statt. Wie bereits oben erwähnt, war der Besuch gerade an diesen Abenden ein erstaunlich großer. An fast allen Abenden wurde mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß der regelmäßige Vcreinsabend nicht leiden dürfe, und daß das Interesse, welches den Freitagabenden entgegengebracht werde, auch den anderen Abenden gegenüber wachbleiben müsse. Tatsächlich haben unsere anderen Abende nicht darunter gelitten. Statt dessen haben wir durch die Freitag- Abende manches neue Mitglied gewonnen. Es seien hier die Programme dreier großer Freitagabende angeführt: I. Abend: a) Kiddusch. Herr Lehrer Gordon, b) Herr Dr. Rosenthal : Der Traum des Judentums. c) Frau Sanitätsrat l)r. Apfel: Vortrag eigner Dichtungen. II. Abend: a) Kiddusch, Herr Lehrer Mayer, b) Herr Dr. Hanovcr: Der Idealismus im Judentum. c) Herr Emil Blumenau: Vortrag eigener Gedichte. III. Abend: Purimfest. a) Kiddusch: Herr Lehrer Mayer. b) Herr Referendar Bernhard Kahn: Wesen und Bedeutung des Purimfestes. c) Humoristische Puvimsitzung. Diese Freitagabende bilden einen—man darf es wohl ohne Ueberlreibung sagen — Denkstein in der Geschichte unseres Vereins. Es ist natürlich noch nicht möglich, den Erfolg dieser Abende in ideeller Hinsicht zu besprechen. Nur soviel wollen mir hier betonen, daß die Anstrengung um das Gelingen der Sache nur durch die allseitige Sympathie für diese ermöglicht wurde. Wir dursten uns nicht beirren lassen durch Schmierigkeiten, die uns von Seiten in den Weg gelegt wurden, deren Legitimation hierzu sich wahrlich nicht auf jüdisches Wissen und Verständnis für die Sache des Judentums und der Judenheit stützte. 8

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