Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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nicht erkalten, sondern voller Wärme und Begeisterung des Judentums gedenken. Vor allem soll unsere Jugend w i s s e n und erfahren, was Judentum ist, denn das Judentum kenuen, h eißt es lieben. Liebe kann nicht gepredigt werden, wohl aber kann sie gepflegt werden. Das alte Judentum war eine große Familie mit einem Leben voll intimer Schönheiten und verborgener keuscher Reize. Das hat unsere Väter erhalten, das hat ihre sittliche und geistige Kraft konserviert. Suchen wir davon zu retten, was noch zu retten ist. Suchen wir die gewaltige Individualität der Judenheit zu erhalten, denn aus ihr fließt Kraft und Schönheit. Wir wollen moderne Menschen sein und alle wahre Kultur pflegen, dabei aber auch das Jüdische in uns nicht verleugnen. Wir wollen nicht stehen bleiben, sondern weiter bauen im Geiste der Väter und in den Formen unserer Zeit. Blau macht ein teures Erbe fruchtbar, nicht wenn man es vergräbt, sondern wenn man es genießt und vermehrt. Freitag-Avende. Von Referendar I s i K a h n - C ö t n. Daß dem Bekenntnisse die Erkenntnis entspreche, sei Ziel und Zweck der Jugendbewegung, der immer weiter unr sich greifenden Zersplitterung unserer Gemeinschaft vorzubeugen, allen Jünglingen und Mädchen in Israel gleich hohe jüdische Ideale zu schaffen, sei Ausgabe unseres Strebens. Denn wo auch immer man aufschlngen mag die gewaltigen Folianten unserer Geschichte: Nur die^Einheit Israels hat jenes größte Wunder geschaffen: Die Geschichte unseres Volkes. Keine künstliche, durch äußeren Druck und Not zusammengeschweißte Geschlossenheit! Die alle Lebens- Verhältnisse durchdringenden Lehren, die geschöpft wurden aus dem Borne der jüdischen Lebenswissenschaft gaben jene Begeisterung, ohne die das Volk der Jahrtausende seinen mühsamen, qualdurchfurchten Weg nicht znrücklegen kann. Keine Begeisterung der berauschenden Phrase, die nur den Augenblick beherrscht: eine Begeisterung zur Tat, die fortzeugend neue, selbst wiederuni Begeisterung schaffende Taten erzeugte. Den Weg, der zu jener nie erlahmenden Tatbcgeisterung führt, müssen wir uns erarbeiten. Das geistige Moment war es, das die jüdische Geschichte zu einem besonders herrlichen Zweige am Baume der Menschheitskultur entfalten ließ. Oberste Lebensmaxime war das Studium der Wissenschaft des Judentums. Aus ihnl heraus floß der Wille zum Leben, jener Optiinismus, der sich gerade in den Zeiten der höchsten Not in unserer Geschichte offenbart. Wollen auch wir werden ein begeistertes, seiner Väter wertes Geschlecht, dann gilt es, das Erkannte in den Dienst unserer Bewegung zu stellen. Das Studium der Wissenschaft und Ethik des Judentums, die Beschäftigung mir den geistigen jüdischen Problemen allein wird imstande sein, „den Willen zum Leben", das stolze, auf Erkenntnis beruhende Sich-Bekennen zu unserer Gemeinschaft für alle Zeiten zu verbiirgen. Nur wenn der jüdische Jüngling aus innerem Antriebe heraus wieder jene kostbaren Bücher zur Hand nimmt, in denen aufgestapelt ist das Denken, Sinnen und Fühlen unserer Weisen, nur wenn ein jeder von uns kraft seines eigenen hingebungsvollen Studiums unserer Literatur sich die Liebe zum Judentum erwirbt, wird die Wissenschaft des Judentums imstande sein, sich die ihr gebührende Achtung der Mitwelt zu erzwingen. Daß es einjeder von uns selbst tun muß, ist Eigenart unserer Wissenschaft, die sich ja nicht beschränkt auf eine Klasse von Gelehrten, die vielmehr zum Unterschiede von allen anderen Disziplinen ein Gemein- und Lebensgut des gesamten Volkes war und sein will. Dabei beherzigen wir die Anschauung eines Eleosor ben Asarjoh, dem jüdische Wissenschaft nur denkbar ist in brüderlicher Vereinigung mit allgemeiner Weltwissenschaft: „Thora im Derech Erez". Alle Wege die zur Verwirklichung dieses Zieles führen können, müssen beschritten werden. Dieses vorausgeschickt, wird man den Ziveck der Freitagabende erfassen, wird man zugestehen, daß kein Abend zu viel ist, den ein Jugendverein diesem Bestreben widmet. Welcher Abend könnte aber geeigneter sein, als gerade der Abend jenes Tages, der den Juden der ganzen Erde heilig ist. So wird denn im „Gabriel Riesser-Verein" zu Köln auch diese Gelegenheit mit Freude ergriffen, um uns in das Wesen und die Bedeutung des Judentums einführen zu lassen. Wir haben versucht, das Judentum, so wie es objektiv ist, zu erkennen; zu zeigen, daß unsere Weltanschauung und Wissenschaft eine Kultnrträgerin unvergleichlichster Art ist. Die Neberzeugnng, daß, wer auch immer Gelegenheit hat, dies objektive Judentum aus den Quellen heraus, — nicht entstellt von der Parteien Gunst und Hader, — kennen zu lernen, dauernde Begeisterung für unsere Bewegung mit ins Leben hinausnimmt, daß er selbst werbend überall für uns eintritt, hat sich aufs herrlichste bestätigt. Im folgenden sei das System unserer Arbeit wiedergegeben: Die Freitagabende zerfallen in zwei Gruppen: der regelmäßige Abend und der erweiterte große Freitagabend. Beide haben die äußere Form gemeinsam. Langgestreckte, festlich weißgekleidete Tische, Sabbathlichter, angenehm geschmückte Tafel, Sabbathstimmung. Jedermann, auch Nichtmitglieder haben Zutritt. Damit soll lieben der Verbreitung der Idee an sich zugleich auch der Propaganda für den Verein gedient werden. Es ist selbstverständlich das Religionsgesetz für alle Veranstaltungen maßgebend, so daß auch vom religiösen Standpunkte aus keinerlei Bedenken obwalten. Damen und Herren sitzen durcheinander. Soziale Ablichtungen kennen wir nicht. Die Abende sind dreifach gegliedert, so jedoch, daß diese Gliederung äußerlich nicht unbedingt erkennbar ist. Der eine Teil entwickelt sich ganz von selbst aus dein andern. Wir legen das Schwergeivicht auf die nivglichst naturgetrenc Wiedergabe eines echt jüdischen Freitagabends, d. h. die Einführung eines familiären und herzlichen Tones. Es soll damit zugleich das, was an den sonstigen Vereinsabenden nicht in dem Maße möglich ist, herbeigeführt werden: die Annäherung der einzelnen Mitglieder aneinander, das gegenseitige Sichkennen- und Verstehenlernen. Jede Parteitendenz ist serngehalten, immer von dem Standpunkte ausgehend, daß das objektive Judentum in seiner Totalität vor Augen geführt werden soll. Erst einmal kennen gelernt, wirbt es für sich selbst am meisten. Als Beweis für die Richtigkeit 7