Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4926451-6352326-6352439--0017-4929300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
andere aufhört. Daher scheint der Versuch, einer Trennung der in ihr enthaltenen Elemente verfehlt, weil gerade in der Harmonie des Ganzen die eigentliche Größe liegt. Man kann aus einem herrlichen Bilde nicht die eine Farbe ausschalten, ohne daß das ganze Bild darunter leidet. Das Judentum will vom ganzen Menschen Besitz nehmen, es will ihn als Familienglied, als Mensch und Jude, als denkendes und fühlendes Wesen erfassen und durch das Leben geleiten, weil es ihn nur so beglücken kann. Das Judentum stellt den reinsten Monotheismus dar. Nicht nur, weil hier die Form einheitlicher und schlichter ist, sondern auch weil der Gedanke, das Seelische über das Materielle zu erheben, ja alles Materielle zu vergeistigen, nirgends so klar und tief wie im Judentum ausgesprochen ist. Vielleicht ist dies in den Institutionen noch stärker, als in den Grundsätzen ausgedrückt. Das Judentum hat zuerst einen Tag in der Woche als Ruhe- und Weihetag eingeführt, und damit hat es dem sozialen wie dem moralischen Leben einen idealen Zug, einen gewaltigen, inneren Halt gegeben. Wenn der Mensch erst mit der Erfindung des Feuers beginnt, dann beginnt der sittlich-religiöse Mensch erst mit dem Sabbath. Steinthal hat Recht, hätte das Judentum nur den Sabbath der Menschheit geschenkt, dann hätte es Anspruch auf ihre ewige Dankbarkeit. Als noch weitere höher gelegene Stationen des Innenlebens wurden die Feiertage eingesetzt. Der Talmud sagt psychologisch sehr fein: „Das Ziel der Tage sind die Abende, das Ziel der Abende die Sabbathe, das Ziel der Sabbathe die Feiertage, das Ziel der Feiertage das Neujahrsfest und das höchste Ziel der Versöhnungstag." Ja, man schafft die Tage hindurch freudig, weil die Stunden des Abends mit ihrer beglückenden Ruhe und ihrem seelischen Frieden als Lohn winken. Man arbeitet die ganze Woche und sehnt sich nach dem Tage der Ruhe, wo man ganz sich gehört und den Schönheiten der Innen- und Außenwelt leben darf. Und mit noch mehr Freude denkt man an die Feiertage mit ihrer herrlichen Poesie, mit ihrer Fülle von Erinnerungen und Hoffnungen. Und dann steigert sich die Sehnsucht bis zum hohen Tage der Jahreswende und erreicht ihren Gipfelpunkt im heiligsten Tage des Jahres, in der Versöhnung mit sich, mit der Welt und mit Gott. Je höher die Stationen liegen, desto reicher sind sie an Poesie und Schönheit, einen desto herrlicheren Ausblick bieten sie auf das Leben. Sv ist alles fein abgestuft und abgetönt, man steigt immer höher von Stufe zu Stufe, ruht aus und voller Sehnsucht schweift die Seele in die Ferne und strebt immer aufwärts. Das ist der Sinn des Lebens. Aber auch diese Feste sind nicht vom Himmel als Geschenk gefallen, man mußte sie sich erst erkämpfen und erringen, und erst eine spätere Entwicklung verlieh ihnen diese Fülle von Poesie und Schönheit. Nur die Hülle wurde uns von vornherein gegeben, die Ausfüllung mußte der Fortschritt der Zeit besorgen. Daher zeigen uns die jüdischen Feste in jeder Epoche der Geschichte ein anderes Gepräge, und in jedem Lande, wo die Juden weilen, treten neue Symbole und Formen hinzu. Jedes jüdische Fest hat nicht nur seine Geschichte, sckndern es verkörpert in sich die ganze Geschichte der jüdischen Gemeinschaft. Das ist eben das Schöne und Gewaltige an den jüdischen Festen, daß sich in ihnen die Geschicke der Vergangenheit und die Wandlungen des Seelenlebens wiederspiegeln. Auch sie sind nicht erstarrt und zu toten Formen geworden, sondern sie lebten mit der Zeit und für die Zeit. Es ist sehr interessant, den Entwicklungsgang desjüdischen Neujahrsfestes zu verfolgen. Sein Ursprung ist in der Bibel sehr dunkel. Wohl führt es den Namen „Tag der Erinnerung", aber wir wissen eigentlich nicht, woran er erinnern soll. Wahrscheinlich war dieses Fest am Anfang rein sozialer Natur, wie etwa der heutige bürgerliche Neujahrstag. Daraufhin deutet auch das Blasen der Trompete, das dem Volke den Beginn des neuen Jahres laut kündet. Aber welche grandiose Bedeutung erlangt dieser Tag im Laufe der Geschichte! Der bürgerliche Charakter schwindet immer mehr,, er wird zum Tage der inneren Bilanz, zur Stunde sittlicher Einkehr, wird immer mehr vertieft und verinnerlicht, das Reale wird verklärt zum Symbol, das Religiöse tritt in den Vordergrund, große Erinnerungen rankten sich an diesen Tag heran, eine gewaltige düstere Poesie umgibt ihn, er wird zum Tage des göttlichen Gerichts, zum Tage des Weltenanfangs, zum Schicksalstage für alle Geschöpfe der Erde, und so läutert er sich in die Höhe hinauf und wird geheiligt. Nur in einer Gemeinschaft, in der Sittlichkeit Leben bedeutet, in der die Sehnsucht nach Gott stark ausgeprägt war, konnte dieser merkwürdige Prozeß vor sich gehen. Und mit den anderen Festen, ja selbst mit Jom-Kippur ist es nicht anders. Alle nehmen sie ihren Ausgang vom schlichten bürgerlichen Leben und im Laufe der Zeiten veredeln und verinnerlichen sie sich und werden zu Weihesesten. Darin besteht ihre gewaltige Bedeutung für uns. Sie strahlen eine eigenartige Schönheit und Poesie aus und bereichern unsere Herzen, weil sie so fein für die jüdische Psyche abgestimmt sind. Es kommt eben nicht auf den Ursprung allein au, und es ist der Ruhm des Judentums, daß es den Geist hochhält, und sich nicht an Buchstaben klammert. Was uns eine gesunde Entwicklung gebracht hat, ist uns wertvoll und teuer, weil wir darin unser Leben und das Leben unserer Väter zugleich noch einmal durchleben und stark empfinden. Und daher gibt es keine dankbarere Aufgabe als die, die gewaltige Poesie der jüdischen Feste in ihrer Reinheit zu erhalten und namentlich für unsere Jugend fruchtbar zu machen. Wir bedürfen der jüdischen Feste, um in den Herzen der Jugend die jüdische Poesie des Familienlebens wieder aufkeimen zu lassen. Unsere Jugend soll