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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1910-10-01 · 1 (1.10.1910) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
1 (1910)
Issue
1 (1.10.1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Für diese kommen nach wie vor unsere großen Humanitären Vereinigungen, in erster Reihe der „Hilfsverein der deutschen Juden" und die „Alliance Jsraelite Universelle" in Betracht. Die in diesem Sommer erfolgten Massenausweisungen russischer Glaubensgenossen aus einer Anzahl russischer Städte, die nicht im Ansiedelungsrayon liegen, in denen die Juden kein Wohnrecht haben, wo sie aber seit Jahren unbehelligt lebten und aus denen sie nun unbarmherzig, zum Teil gesetzwidrig, vertrieben wurden, hat den auch sonst ununterbrochen flutenden Strom der Auswanderer erheblich anschwellcn lassen. Diesen Opfern russischer Willkür, dir nur ihres Glaubens wegen Übermenschliches leiden, wendet sich andauernd das Mitgefühl aller Juden aller Länder zu, ganz besonders aber das Mitleid der deutschen Glaubensgenossen. Wie bei den entsetzlichen blutigen Pogromen in Kischinew, Homel, Siedlce ec., so haben sich auch in diesen Tagen der ebenso entsetzlichen „unblutigen Pogrome" die Herzen und Hände unserer Glaubensgenossen dem so dringlichen Hilfswerk nicht verschlossen. Wenn in eine r Gemeinschaft, so gilt in unserer der Wahlspruch unseres Karl Emil Franzos, der jetzt die Inschrift seines Grabmals ist: „War' Dein auch alle Erdenpracht Und aller Weisheit Blüte, Das, was zum Menschen erst Dich macht, Ist doch allein die Güte." Von allen erfreulichen Erscheinungen des innerjüdischen Lebens der Gegenwart, die sich in dem hier Vorgeführten nicht erschöpfen, die auch zu verzeichnen sind in dem blühenden Gemeindewesen, in den ununterbrochenen Bemühungen auf dem Gebiete des jüdischen Religions- und Volksschulwesens, der Bereitstellung von Mitteln für die leistungsunfähigen Gemeinden, in der Pflege und Ausbreitung jüdischen Wissens, in der Belebung des Eifers für die Kenntnis unserer Vätersprache nsw. — wir sagen, von allen erfreulichen Erscheinungen auf innerjüdischem Gebiete ist die Sammlung der jüdischen Jugend, das.Erwachen des heiligen Feuers in den Herzen unserer Jugend für die unveräußerlichen Ideale des Inden- Erms eine der erfreulichsten. Sie, die jüdische Jugend, bedeutet ja die Zukunft des Judentums. Lodert in ihren Herzen die Flamme treuer Anhänglichkeit^ an das Erbe unserer Väter, waltet in ihr der jüdische Geist, dann sieht die folgende Generation gestählte Kämpfer für unser staatsbürgerliches Recht,uirsere religiöseGemeinschaft, unseren Glauben. DerZusammenschluß der jüdischenJugendvereine im letzten Jahre und die stete VermelMNg neu gegründeter ist daher ein Geschehnis, das auch die Bescheidenheit eine Tat, eine gut jüdische Tat nennen darf. Alb. Jacoby. Unsere Feste. Von I u d a e u s. Nachdruck verboten. Es gibt in der ganzen Welt keine Gemeinschaft, die so sehr mit den anderen in inniger Fühlung steht, wie die jüdische. Und doch gibt es keine Gemeinschaft, die so sehr verkannt wird, wie diese. Man kennt sie eben nicht in ihrer Vergangenheit und man kennt sie auch nicht in ihrem Seelenleben. Man weiß wohl, wie der Jude handelt, wie er sich kleidet, aber nicht, wie er innerlich kämpft und ringt, seine höchsten Freuden und tiefsten Leiden bleiben der Welt unbekannt. Ilnd das Schicksal des „Volkes der Bibel" teilt die Bibel selber. Es gibt kein Buch, das so populär ist, und doch wiederum kein Buch, das so wenig verstanden und so sehr mißverstanden wird, wie die Bibel. Welch wunderbare Schönheiten leuchten demjenigen, der mit dem Aucse der Seele die Bibel liest, immer von neuem aus diesem Buch! entgegen! Fast bei jedem modernen Problem finden wir, daß die Bibel es bereits enthält und uns meistens schlicht und klar die Lösung gibt oder wenigstens andeutet. Die S o z i a l e t h i k ist ein relativ neuer Zweig der Wissenschaft und die Erkenntnis, daß mit der Lösung der Brotfrage allein der Menschheit nicht geholfen werden kann, daß neben dem Kampf ums Dasein auch ein ewiges Ringen nach Glück und Schönheit in der menschlichen Brust lebt, ist jungen Datums, lind doch finden wir bereits in der Bibel die Grundzüge einer einfachen, gesunden und großangelegten Sozialethik. Und das Streben nach höheren Idealen neben dem wirtschaftlichen Fortschritt war nicht bloß Theorie in Israel, sondern es lebte in seinen Institutionen und Organisationen. Freilich präsentiert sich uns, wie alles im Judentum, diese Sozialethik in religiösem Gewände, aber durch ihre himmlische Beleuchtung verliert sie nicht an Klarheit und Festigkeit, sondern sie tritt dein Herzen noch näher. Ja, will man ein Beispiel dafür, wie soziales und religiöses Leben in einander fließen und einander befruchten können, dann studiere man die Struktur des jüdischen Staates. Man hat das jüdische Staatswesen zu Unrecht Hierarchie genannt und damit einen unangenehmen Beigeschmack verbunden. Nein, es war keine Hierarchie, sondern ein eigenartiges Gebilde für ein eigenartiges Volkselement, und wie alles wirklich Ursprüngliche findet es keine Analogie im Leben anderer Völker. Als besonderes Charakteristikon der jüdischen Staatsverfassung tritt uns die gewaltige Harmonie und Geschlossenheit des Ganzen entgegen. Man ahntwohl, daßhierverschiedeneElemente verwoben sind, aber sie sind bereits zu einer Einheit von wunderbarer Schönheit verschmolzen. Die jüdische Religion ist Staatsverfassung, Gesetzbuch. Moralkvdex, Geschichtsbuch. Kunstwerk und Glaubenslehre zugleich, und man weiß nicht, wo das eine anfängt und das

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