Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Antisemit zu sein", fugt Seibert*) hinzu, „kann sich weder ein Herrscher noch ein Thronfolger leisten." In der Ansprache des Kaisers zu Marieuburg, die im übrigen gerade zur konfessionellen Versöhnlichkeit mahnte, hat u. a. ein Passus Beanstandung gefunden, in dem von einer untrennbaren Zusammengehörigkeit von Christentum und Deutschtum die Rede ist. Man weiß, Kaiser Wilhelm ist eine tief religiöse Natur, er hat auch schon einmal bei einer Rekrutenvereidigung darum als Erfordernis eines güten Soldaten das fromme Bekenntnis zum christlichen Glauben bezeichnet. Es wäre aber falsch, darin eine Spitze gegen das Judentum sehen zu wollen. Der Kaiser weiß sehr wohl, daß die Soldaten des alten heidnischen Rom, die Makkabäer in alten Zeiten und die vielen jüdischen Soldaten, die an den großen Kriegen des letzten Jahrhunderts teilgenommen haben, ganz gewiß zu ihrer Zeit das gleiche Maß hervorragender militärischer Tüchtigkeit betätigt haben, wie der Soldat christlichen Glaubensbekenntnisses. Ebenso ist es klar, daß die von gewisser Seite beliebten Kommentare zu dem Satze von der untrennbaren Zusammengehörigkeit des Deutschtums und Christentums, wie dieser Satz selbst, weder durch die Erfahrung noch durch die historischen Tatsachen gestützt werden. Das Christentum ist nicht an das Deutschtum und das Deutschtum nicht an das Christentum gebunden. Das eine beweisen die vielen n i ch t deutschen christlichen Völker, das andere Männer wie Goethe und Fr^drich per Große, Berthold Auerbach und Gabriel Riester, die alle gewiß gute Deutsche waren, mit allen Fasern ihres Herzens, aber gewiß nicht fromme Christen. Keinesfalls aber, dessen sind wir überzeugt, hat der Monarch in jenen Satz eine Spitze gegen uns deutsche Juden legen wollen, wie es einzelne antisemitische Organe ihren Lesern iveis machen wollen. Wendet sich der Blick nun den i n n e r j ü d i - scheu Ereignissen der letzten Zeit zu. so sehen wir, wie die unverwüstlichen Kräfte aller Glieder unserer Gemeinschaft in immer regerem Eifer sich entfalten. Man darf in der Tat von einem blühenden jüdischen Leben in deutschen Landen sprechen. Der Antagonismus, die Geplänkel und selbst scharfen Polemiken zwischen den verschiedenen religiösen Parteiungen erscheinen, von einer höheren Warte gesehen, doch immer nur als der Ausfluß liebevollen Interesses für das Judentum überhaupt. Ihm dienen wollen sie alle, niögen sie sich im übrigen in der Richtung des Weges auch irren, sowohl die „Liberale Vereinigung" wie die „Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentuiu" und die soeben begründete ueueMittelgruppe, die „Freie Jüdische Vereinigung", die als Mittelpartei alle diejenigen unter ihrer Fahne sammeln will, die religiös auf einem Standpunkt stehen, der weder derjenige des Liberalismus, noch der der strengsten Orthodoxie '*) Siehe: Willy Seibert, Der Deutsche Thronfolger im Lichte unserer fjeit, Bering Paul Speyer L- Co, Berlin 1905, Seite 84. ist. Das gesteigerte Feingefühl und Selbstbewußtfein, um deren Stärkung sich der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", der unermüdliche Streiter in unserem andauernden Kampfe ums Recht, und die zionistische Bewegung wesentlich verdient gemacht haben, hat zugleich die Empfindlichkeit gegenüber dem Renegatentum und allem Unjüdischen in unseren eigenen Reihen geschärft, wie die großen Protestkundgebungen gegen die Taufjuden und gegen den in einer jüdischen Zeitung gemachten Vorschlag, jüdische Schüler an christlichen Schulfeiern zwangsweise teilnehmen zu lassen, besonders eindringlich lehrten. Die sozialjüdische Arbeit ist in andauernder Steigerung und fortschreitendem Flusse. Vor wenigen Monden wurde in Steglitz eine jüdische Blindenanstalt eröffnet, die den bedauernswerten, ihres Augenlichtes beraubten Glaubensgenossen das oft entbehrte jüdische Milieu und eine Erziehung iti jüdischem Geiste zuteil werden lassen soll. Ein gleichfalls in diesen Tagen geschaffenes „Arbeitsamt für jüdische Akademiker" dient dem sozialjüdischeu Zwecke, jüdischen Akademikern, bie dessen bedürfen, Gelegenheit zu Erwerb zu schaffen. In Steinhorst in der Provinz Hannover ist dank der Initiative der Simon-Stiftung und unter Mitwirkung der Gesellschaft für Bodenkultur in diesen Tagen ein Lehrgut in Betrieb genommen worden, das jüdischen jungen Leuten den Weg in die Landwirtschaft eröffnen soll. Auf Anregung des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes. dergroßenOrgamsation unserer Gemeinden, ist unter Mitwirkung fast aller anderen großen Vereinigungen, wie des „Hilfsvereins der deutschen Juden", der „Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Jsraelite Universelle" und der Großloge dieser Tage die „Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge" begründet worden, die ihre Tätigkeit am 1.Oktober aufnehmen wird. Sie bedeutet die Organisation des jüdischen Wohltütigkeitswesens für die Wanderarmen, die bisher, vielfach von Haus zu Haus bettelnd, durch die Lande und Provinzen reisend, einen großen Teil des Ertrages ihrer demoralisierenden Wanderbettelei für Eisenbahnen und Verkehrsanstalteu verausgabten. Die neue Institution, die einem Ubelstande, der die deutschen Juden seit vierzig Jahren beschäftigte, ohne daß man den Weg zur Beseitigung gefunden hat, jetzt ein Ende bereiten soll, will einmal die Arbeitskräftigen dieser Wanderarmeu zur selbsterwerbenden geregelten Tätigkeit führen, den wirklich Bedürftigen rationelle Hilfe angedeihen lassen und den Hausbettel beseitigen, indem diese Armen nur an bestimmten Stellen, den jetzt eingerichteten Prvvinzialkassen, dort aber ausreichende und sachgemäße Unterstützung erhalten sollen. Den notorischen Schwindlern, die die jüdische Wohltätigleit bisher ausbeuteten und dadurch die wirklich linierstützungsbedürftigen und Unterstützuugswürdigen schädigten, soll zugleich durch diese Art der Wanderarmenfürsorge das Handwerk gelegt werden. Die Fürsorge für russischeA u s w a n d e r e r aber fällt nicht in das Arbeitsgebiet der neuen Zeutralorganifation. 4