Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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überhaupt, befindet sich kein Jude, und wenn sich MeraleStadtverordnetenmajoritäten beikommen ließen, einen Glaubensgenossen zum Bürgermeister zu wählen, so würde die staatliche Aufsichtsbehörde ihre Genehmigung zweifellos versagen. Das Beispiel Roms, wo an der Spitze des hauptstädtischen Gemeinwesens der Jude Nathan steht, oder das Londons, das zu wiederholten Malen einen jüdischen Lordmayor hatte, ist in deutschen Landen einfach eine Unmöglichkeit. Hier ist man „machtlos", wenn es den Zöglingen und gelehrigen Schülern der Stöckermethode einfällt, jüdischen Medizinalpraktikanten den für die Erreichung des beruflichen Zieles erforderlichen Eintritt in ein Kreiskrankenhaus, das von den Mitteln aller, auch jüdischer, Steuerzahler unterhalten wird, zu versperren. wie wir es in diesen Tagen in Britz und, Lübeck erlebt haben. Hier entschließt man sich nur schwer zu einem leisen Tadel, wenn ein Landgerichtsdirektor. Menz in Dresden, in einem landgerichtlichen Urteil, das die höhere Instanz als unhaltbar aufhob, die Israeliten als „des Wuchers besonders suspekt" bezeichnete. Hier hat man nichts dagegen einzuwenden, wenn sich, lvie erst kürzlich bekannt geworden, in Neustettin und Coburg, und gewiß auch anderswo, Schülersportvereinigungen bilden, die jüdische Mitschüler nicht aufnehmen, und solche Statutenbestimmungen von der Schulleitung anstandslos durchgelassen werden. Freilich dem politischen Antisemitismus brachte die letzte Zeit böse Tage. In Sachsen führten die Landtagswahlen zu einer Dezimierung seiner Reihen. In dem Reichstagswahlkreis Eisenach-Dermbach, den der Manager des antisemitischen deutsch-natioualen Handlungsgehilfenvereins Will). Schack vertrat, folgte dem moralischen Dcbacle dieses urteutonischen Mannes der Verlust des Reichstagsmandats; und die durch den Tod des antisemitischest Abgeordneten Zimmermann erforderliche Ersatzwahl in Marienberg-Zschoppau offenbarte den völligen Bankerott dieser politischen Parteigruppe, die es niemals zu der Reputation gebracht hat, daß man sich von ihr Unter den Linden grüßen ließ, selbst diejenigen nicht, die sich im Grunde ihres Herzens mit ihr nahe verwandt fühlten. Mit ehrlicher Genugtuung würde es die deutschen Juden erfüllen, wenn sich nun, wie es den Anschein hat, die konservative Partei, die das traditionelle Reservoir bildet, dem unser höheres Staatsbeamtentum, das Material für unser Offizierkvrps und die leitenden militärischen Stellen entnommen wird, des antisemitischen Einschlags in ihrem Progrannn entledigen wollte. Die „ K r e u z z e i t u n g " , das f ü h r e n d e Organ der konservativen Partei, spricht es in einer ihrer letzten Nummern aus, daß „sich der antisemitische Passus ihres Programms praktisch nicht m e h r rechtfertigen lasse." Bekanntlich wurde vor 18 Jahren, am 8. Dezember 1893, das konservative Parteiprogramm, das sogenannte Tivoliprogramm, geschaffen, das den Antisemitismus zu einem integrierenden Bestandteil des Konservatismus machte. Jenes Tivoliprogramm, das noch heute für die Konservativen bindend ist, enthält folgenden Passus: „Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben. Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schulen." Führt die nun bekundete Einsicht, daß sich dieser antisemitische Passus praktisch nicht mehr rechtfertigen lasse, zu dessen Beseitigung und folgt dieser theoretischen Wandlung des politischen Zieles die Praxis politischer Betätigung in gleichem Sinne, dann würde das von den weitestreichenden Folgen auch für die parteipolitische Frontstellung manches unserer Glaubensgenossen werden. Dem Antisemitismus aber wäre damit der festeste bisherige Rückhalt genommen, ohne den er rettungslos zur völligen Bedeutungslosigkeit verurteilt sein würde. Nur müßte die konservative Absage ehrlich und ernst gemeint sein. Wird hierfür aber der Beweis erbracht, dann wäre das, vom spezifisch jüdischen Gesichtspunkte aus, vielleicht das bedeutungsvollste Ereignis des letzten Vierteljahrhunderts. Allein noch ist es kein Ereignis, die Zeit zu Reflexionen noch nicht gegeben und ein gerüttelt Maß Skepsis am Platze. Also abwarten! — Aus den Ereignissen der letzten Zeit, die die allgemeine Öffentlichkeit lebhaft beschäftigten und ausi) das Interesse der Staatsbürger jüdischen Glaubens tangieren, sind die Reden desKronp rinz en und des Kaisers in Königsberg und Marienburg zu erwähnen. Die uns feindlich gesinnten Presse und Parteien haben aus diesen Reden Kapital für sich zu schlagen versucht und es so dargestellt, als läge in jenen Reden etwas ihnen Weseusverwandtes. Besonders enthusiastischer Lobpreisung von dieser Seite war die Rektvratsrede ausgesetzt, die der deutsche Thronfolger in der Aula der AlbertuS- Universitüt in Königsberg gehalten hat. Es ist richtig, der Kronprinz hat sich dabei einiger Ausdrücke, wie „völkische Eigenart", „deutschnationales Volkstum im Gegensatz zu internationalisierenden Bestrebungen" bedient, die an den antisemitischen Sprachschatz anklingen. Es ist ferner richtig, daß der Kronprinz auch früher einmal der besonders warm gefeierte Gast des judengegnerischen „Vereins deutscher Studenten" geivesen ist. Daraus aber nun den Schluß zu ziehen, der Kronprinz teile die Gesinnung der Antisemiten, erscheint wenig gerechtfertigt. Dem widerspricht schon die Tatsache, daß er, gleich seinem kaiserlichen Vater, warme Beziehungen zu hervorragenden jüdischen Künstlern und anderen Persönlichkeiten unterhält, und daß der Nichtjude Willy Seibert, der einzige, der den Versuch unternommen hat, auf Grund persönlicher Kenntnis ein Charakterbild des Thronfolgers zu zeichnen, es für eine „große Torheit" erklärt, den Kronprinzen für einen Antisemiten zu halten. „Ein