Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 1 (1910)
- Issue
- 1 (1.10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Rundschau. f r Es ist kein idealer Zustand, daß sich< fast alle Geschehnisse des staatlichen und politischen Lebens in uns deutschen Juden doppelt spiegeln. Die Entwickelung derVerfassungszustände im „allermodernsten" Deutschland hat den Staatsbürger jüdischen Glaubens noch immer nicht von dem Zwange erlöst, die Ereignisse des öffentlichen Lebens unter einer doppelten Perspektive, der des Staatsbürgers und der des Juden, zu betrachten. Diesen Zwang beklagt niemand tiefer, als wir selbst. Unsere organisierten Anstrengungen in ihrer Totalität haben gar kein anderes und nur das eine Ziel, uns aus dieser Zwangslage zu befreien, die Stunde zu erkämpfen, die uns gestatten wird, an den Ereignissen des staatsbürgerlichen Lebens gleich unseren Mitbürgern nichtjüdischen Bekenntnisses nur den Maßstab unserer jeweiligen parteipolitischen Überzeugung zu legen. So lange unser Judentum, das Ursprünglichste und Heiligste in uns, von Staat und Gesellschaft als Wertungsmoment in die Rechtssphäre der staatsbürgerlichen Stellung hineingetragen wird, der Verfassungsgrundsatz von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession durch den stillschweigenden Zusatz: „Mit Ausnahme der Juden" modifiziert wird, so lange gibt und muß es neben dem allgemeinen staatsbürgerlichen noch einen spezifisch jüdischen Gesichtspunkt geben, unter dem wir die Begebenheiten und Erscheinungen des öffentlichen Lebens zu beurteilen haben. Die jüdische Jugend aber hat aus diesem Grunde einen zwiefachen Anlaß, über alle politischen Geschehnisse und ihre möglichen Rückwirkungen wie ihre Bedeutung für uns als Staatsbürger und Juden informiert zu sein, nicht minder selbstverständlich über alle Regungen und Begebenheiten, über alles Wissenswerte in unserem ' eigenen innerjüdischen Lager. Die junge Generation für das Judentum zu begeistern, ihr die Quellen der Kenntnis und Erkenntnis der unermeßlichen Schätze unserer Religion zu erschließen, sie zur Würde stolzen, aber prunklosen Selbstbewusstseins zu heben, ihre Geisteskräfte zu stählen in den Kämpfen, denen sie als Juden entgegengehen, das bleibt die Hauptrichtlinie aller unserer Bestrebungen. Sie wird die stille Führeriu auch dieser Revue sein! Das letzte Jahr bedeutet für unser staatsbürgerliches Leben leider keinen Fortschritt. Mit dem Wechsel der leitenden Persönlichkeiten im Reichskanzleramt und einer ganzen Reihe preußischer und Reichsministerien verknüpfte sich keine Kursänderung in den: System der Zurücksetzungen, denen wir seitens der staatlichen Organe ausgesetzt sind. Der konservativ-liberale Block, der unter der Reichskanzlerschaft des Fürsten Bülow die Richtung der inneren Politik bestimmte, ist unter Bethmann- Hollweg von der Vorherrschaft der konservativ-ultramontanen Parteien abgelöst, ohne daß diese neue Parteigruppierung von irgend einem ersichtlichen Einfluß auf unsere staatsbürgerliche Nechtsstelluug geworden ist. Die Wirkungen des wirtschafrspolitischen Zusammenschlusses aller gegen die Vormachtstellung des Landwirtebundes und der Rechten gerichteten Kräfte im H a n s a b u n d werden sich erst noch zu erweisen haben. Allein die in der Richtung der wirtschaftlichen Gleichberechtigung aller Erwerbsstände der Nation liegende Tendenz des „Hansabundes" muß, wenn man dieser Tendenz konsequente Treue bewahrt, zur Propagierung uuö Vertiefung des Gleichftelluugsgedankens aller Staatsbürger an sich führen. Sv konnte die Begründung des Hansabundes ein Ereignis werden, das uns nicht nur als Glieder des deutschen Wirtschaftslebens, wie alle anderen, sondern auch in unserer besonderen Stellung als Staatsbürger jüdischen Glaubens interessiert. Diese Stellung aber läßt zur Zeit so ziemlich alles zu wünschen übrig. Sie wird durch ein paar nur flüchtig hingewvrfene Reminiszenzen hinreichend illustriert. Der neue Herr Kriegsminister von Heeringen sprach am 10. Februar dieses Jahres von dem Mangel „achtunggebietender Persönlichkeit", der den jüdischen Offiziersaspiranten meistens anhafte, um das Wunder zu „erklären", daß unter den vielen Tausenden jüdischer Einjährig- Freiwilliger, die seit 1880 in Preußen ihrer Milctärpflicht genügten, sich auch nicht ein einziger befunden hat, der sich zum Offizier geeignet hätte. Das andere Wunder, daß die Formel von knapp acht Worten: „Ich trete aus „Gewissensbedenkeu" aus dem Judentum aus" den Mangel der „achtunggebietenden Persönlichkeit" auslöscht, hat uns der Herr Kriegsminister aber nicht erklärt. Dennoch fand sein Wort eine Resonanz in Bayern, wo der bayr. Kriegsminister sich im Landtage in ähnlichen Redewendungen erging. Das ist um so bemerkensiverter, als Bayern bis heute noch der einzige deutsche Bundesstaat ist, in dessen Ranglisten auch Juden als Reserve- und sogar aktive Offiziere geführt werden. Zu den ordentlichen Professuren an den deutschen Universitäten gelangt selbst der hervorragendste Gelehrte jüdischen Bekenntnisses nur über beit Weg der Taufe; von einstigen besseren Tagen, besonders unter dem Ministerium Falk, erzählen nur einige wenige Veteranen der akademischen Lehrtätigkeit, die einst ohne den Preis des Renegatentums zur Würde eines ordentlichen Professors gelangten. Unsere Oberlandesgerichte und das Reichsgericht vertrauen sich in ihrer Rechtsfindung und Rechtsprechung zwar jüdischen Kommentatoren der Gesetze vielfach an, allein einen jüdischen Oberlandesgerichtspräsidenten oder Reichsgerichtsrat gibt es ebensowenig, wie einen jüdischen Direktor eines staatlichen qder selbst städtischen Gymnasiums oder einer höheren Unterrichlsanstalt. Allerdings zwei ungetaufte Landgerichtsdirektoren sind nun doch schon zu verzeichnen, aber nicht in Preußen, sondern einer in Hamburg und einer in den Reichslanden, in Straßburg. An der Spitze zentraler oder auch nur lokaler Staatsverwaltungsbehörden, wie in der Regierung / ■ i •* S 2