Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 6 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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* in interkonfessionellen Vereinen mitzuarbeiten, was auch geschieht, insbesondere in kaufmännischen Vereinen, da doch ein großer Teil unserer Mitglieder dem Kaufmannsstande angehört. — Auch unser Verband steht mit verschiedenen Organisationen in Verbindung und hat auch die Ehre, Mitglied der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge zu sein. M. D. u. H.! Das Neutralitätsprinzip, oder wenn ich mich so ausdrücken darf, die Sammelpolitik, die wir bei der jüdischen Jugend durchzuführen suchen, würde ich mututis mutanclis auch für die gesamte deutsche Jugend empfehlen. Es müßte ein gemeinsamer Boden geschaffen und die Jugend in unparteiischen Vereinen gesammelt werden, in welchen Söhne und Töchter aus den verschiedenen Parteien zusammenarbeiten. Außer Turnen, Sport und Geselligkeit könnten in diesen Vereinen Vorträge aus den verschiedenen Gebieten des allgemeinen Wissens gehalten werden. Im Gegensatz zu Herrn Dr. Kerschensteiner würde ich keine Bedenken hegen, in diesen Vereinen auch über Politik sprechen zu lassen, über die einzelnen Parteien, über deren Schatten, und Lichtseiten, damit die Jugend über alles orientiert ist. Freilich müßten solche Vorträge in vornehmer, belehrender Weise geschehen ohne jede Demagogie und ohne Propagandatendenz für irgendeine Richtung. Den Parteigeist aber müssen wir, so lange es nur geht, von der Jugend fernhalten, und zwar zunächst im Interesse der Jugend. Die Jugend soll sich frei entwickeln; wir verkrüppeln sie, wenn wir sie frühzeitig in. ein Parteikorsett zwängen. Die Jugend soll freien Blickes die Natur und Menschen betrachten; wir trüben das Augenlicht und schädigen die Sehkraft der Jugend, wenn wir ihr frühzeitig eine Parteibrille aufsetzen. — Die Jugend hat das Recht, die unschuldigen Freuden dieser Welt zu genießen, wir begehen daher eine Sünde, wenn wir sie daran hindern, in die jugendlichen Herzen Haß und Zwietracht säen und ihr frühzeitig das Leben durch Parteizwistigkeiten verbittern. Die Jugend soll unter sachkundiger Leitung suchen, lernen und forschen, Geist und Gemüt veredeln, um sich dann ein Urteil oder eine Ueberzeugung selbst zu schaffen; sie darf daher nicht auf fertige Parteiprogramme eingeschworen werden, die sie dann bei erlangter Reife des Denkens nicht innehalten kann. Aber auch im Interesse des Staates, des Vaterlandes müssen wir die Jugend zu einen suchen. Die Parteikämpfe haben bei uns in letzter Zeit eine Schärfe angenommen, die ernste Gefahren in sich birgt. Die Kluft zwischen den einzelnen Richtungen wird immer größer und weiter; das haben wir vor und während der Wahlen gesehen und das sehen wir jetzt auch nach den Wahlen. Ein gehässiger gereizter Ton klingt uns aus den Zeitungen der verschiedensten Parteien entgegen, wir hören denselben Ton in den Parlamenten. Wir haben uns verrannt, daß einer den anderen zu verstehen nicht mehr in der Lage ist. Diese unglückseligen Verhältnisse, die die Bürger desselben Staates, die Kinder desselben Landes zerklüften, erfüllen einen jeden Staatsbürger mit aufrichtigem Schmerz und tiefer Betrübnis. Wir müssen daher Umkehr halten, wir müssen die bis setzt verfolgle Bahn verlassen und nach Mitteln und Wegen suchen, wie wir die Gegensätze mildern und versöhnen können. Bei uns Alten dürfte es wohl kaum gehen, weil wir zu sehr an den Parteidogmen festhalten, auf die wir schwören, als wären sie göttliche Offenbarungen. Um so mehr ist es unsere Pflicht, die Jugend mit diesem Parteikampf zu verschonen. Welch gemeinsame Ziele wir der Jugend geben sollen, um sie ohne Rücksicht auf Partei, Herkunft und Richtung zu sammeln, wage ich nicht anzugeben. Das wird Aufgabe der maßgebenden Persönlichkeiten sein, die mit der etwaigen Durchführung .eines solchen Planes betraut werden. Man könnte die Jugend etwa um die Fahne des Staatsgedankens, der Vaterlandsliebe sammeln. Da das Wohl des Staatsorganismus von der Gesundung jedes einzelnen Staatsindividuums abhängt, so dürften sich daraus gemeinsame soziale Aufgaben für die Jugend ergeben, mit denen die Zentrale für Jugendfürsorge bereits beschäftigt ist. Aber wie gesagt, diese Einzelfragen müßten erst später reiflich erwogen werden. Vor allem müßte man die verschiedenen Schichten der Jugend zusammenführen, sie aneinander gewöhnen, sie zu gemeinsamer Arbeit anregen, sie darüber belehren, daß man keinen Stand, keinen Menschen gering schätzen darf, weil jeder Mensch eine bestimmte Mission auf Erden zu erfüllen hat, die dem Staatsganzen zugute kommt. Wir müssen die Jugend immer und immer wieder an das alte, aber nicht veraltete Wort des großen Dichters erinnern: „Nur muß der eine nicht den andern mäkeln, Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen." Haben die verschiedensten Schichten der Jugend sich aneinander gewöhnt, so werden sie einander besser verstehen und werden dann sicherlich zur Versöhnung der Gegensätze im Parteileben beitragen. Im Interesse des Bürgerfriedens, im Interesse einer Gesundung des Staatsganzen müssen wir einem solchen Einigungsgedanken nähertreten. Freilich bin ich mir dessen bewußt, daß die Aufgabe nicht leicht ist; wir werden auf verschiedene Schwierigkeiten stoßen, allein des hohen Zweckes wegen dürfen wir die Arbeit nicht scheuen. Schon der Versuch nach dieser Richtung wäre des Schweißes der Edlen wert". Die überaus zahlreich besuchte Versammlung folgte den Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit und spendete dem Redner lebhaften Beifall. Ein Beweis, daß man in maßgebenden nichtjüdischen Kreisen der jüdischen Jugendbewegung großes Interesse entgegenbringt und daß man auch dort die Sammlung der Jugend in neutralen Jugendvereinen anstrebt. Mitteilungen der Geschäftsstelle. Unser in der Septembernnminer 1911 veröffentlichtes BcrcinAverzeichnis ist infolge stattgehabter Veränderungen wie folgt zu berichtigen bezw. zu ergänze»: Essen. Briefadreffe: Max Levisohn, Turmstr. 17. Hamburg.. Briefadresse: Hugo Cohen, Rutschbahn 23. Reu hinzugekonnncne Vereine. Filehne. Vorsitzender und Briefadresse: Rabbiner Nobel. G r a u d e n z. Vorsitzender und Briefadreffe: Rabbiner Dr. Loewy. H ag ena u i. E ls. Vorsitzender und Briefadreffe: Lehrer B. Picard. H e i l b r o n n. Vorsitzender und Briefadreffe: Jsy Krämer. Wollhausstr. Hildesheim. Briefadreffe: Dr. Meyer, Hoher Weg 33- K i e l. Briefadreffe: Ingen. Hugo Fischt, Fleethörn 25 I. Kreuznach. Briefadreffe: Carl Schloß, Mannheimer- Straße 136. Mülheim a. d. R. Vorsitzender und Briefadreffe: Or.meci Blank, Aktienstr. 45. Plauen. Vorsitzender und Briefadreffe: Samuel Liebermensch, Melanchthonstr. v — 12