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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-06-01 · 6 (1.6.1912) · p. Seite 11

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
6 (1.6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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/ Uervands Nachrichten. Der Kampf der Parteien um die Jugend?) Die Deutsche Zentrale für Jugendfürsorge in Berlin hatte zu Sonnabend den 23. März d. Js. nach dem Plenarsaal des Herrenhauses Einladungen zu einem Diskussionsabend ergehen lassen, auf dem über den „Kampf der Parteien um die Jugend" verhandelt wurde. In Vertretung des Kaisers war Generaladjutant von Plessen erschienen; ferner hatten sich viele hohe Offiziere und illustre Persönlichkeiten wie die Fürsten zu Wied eingefunden, sowie eine große Zuhörerschaft, da es bekannt wurde, daß bekannte Sozialpolitiker und Mitglieder des Reichstages wie Oberstudienrat Dr. Kerschensteiner-München, Dr. Pieper - München - Gladbach, Dr. Frank-Mannheim, Freiherr von Soden zu Worte kommen würden. Auch dir emporstrebende jüdische Jugendbewegung wurde mit einer Einladung zu diesem Meinungsaustausch bedacht. Rabb. Dr. Finkel, der Geschäftsführer des Verbandes der jüdischen Jugendvereine, der ersucht wurde, sich an der Diskussion zu beteiligen, führte etwa folgendes aus: „Die jüdische Jugendbewegung Deutschlands ist, soweit er dies habe seststellen können, über 20 Jahre alt. Bereits im Jahrei 89 l hat die Großloge desU. O. B. B. für Deutschland den Tochterlogen empfohlen, an ihren Plätzen selbständige Jugendvereine zu begründen, selbstständig in dem Sinne, daß sie selbständig arbeiten, denen die Logen beratend und helfend zur Seite stehen sollen, ohne sie zu, bevormunden. Nachdem eine große Anzahl solcher Jugendvereine ins Leben gerufen waren, schritt die Großloge dazu, sie unter Mitwirkung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu einem Verbände zusammenzuschließen. Das geschah im Mai 1909. Bei der Begründung des Verbandes standen wir vor der schwierigen Frage, die uns auch heute hier beschäftigt, nämlich vor der Frage des „Kampfes der Parteien um die Jugend". Wir mußten genau überlegen und erwägen, nach welchen Richtlinien der Verband und die einzelnen Vereine arbeiten sollten, um nach keiner Seite anzustoßen. Denn wie bei den anderen Konfessionen gibt es auch in der Judenheit verschiedene Parteien und Richtungen. Die vielgepriesene oder vielgeschmähte Solidarität der Juden ist in Wirklichkeit nur ein Märchen. Als Hauptparteien werden in der Regel angeführt: die Liberalen, die Konservativen, die Orthodoxen, die Mittelparteiler, die Asstmilanten und die Zionisten. All diese Parteien suchen die Jugend in ihrem Sinne zu beeinflussen und aus dem Grunde hat die Frage „Der Kampf der Parteien um die Jugend" uns großes Kopfzerbrechen verursacht. Bei unserem Prüfen und Erwägen kam uns die Organisation der Bnei Briß-Logen zu Hilfe. Diese Logen umfassen alle Richtungen im Judentum, denen sie als gemeinsames Ziel die Pflege des sozialethischen Gedankens und die charitative Betätigung gaben. Auf der breiten Basis der Logen glaubten auch wir unsere Vereine aufbauen zu sollen. Aus dem Grunde haben wir den Grundsatz aufgestellt: die Jugendvereine *) Wegen Raummangel-? verspätet. müssen neutral sein, d. h. sie dürfen keine bestimmte politische oder religiöse Richtung verfolgen. Und auch der Verband hat sich in seiner Satzung festgelegt, nur solche unparteiische neutrale Vereine aufzunehmen. Als gemeinsames Ziel haben wir den Vereinen gesteckt: den W i l l e n z u m I u d e n t u m. Da aber das Judentum bekanntlich lehrt, das Vaterland zu lieben, für dessen Ehre, Gedeihen und Freiheit Gut und Blut willig zu opfern, so waren die Hauptpunkte für die Tätigkeit der Vereine gegeben, die darin gipfelten: 1. die schulentlassene jüdischeJugend zu treuen selbstbewußten Anhängern ihrer altehrwürdigen Gemeinschaft heranzuziehen und ihr stets vor Augen zu führen, daß nur ein aufrechter Jude der andersgläubigen Mitwelt Achtung abnötigen kann, und 2. diese Jugend trotz mancher Zurücksetzungen von Seiten des Staates zur freudigen Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber dem Vaterlande heranzubilden. Run werden Sie, m. D. u. H., fragen, haben die Vereine, deren Mitglieder sich aus verschiedenen Parteien zusammensetzen, den Neutralitätsgedanken gewahrt? Ist es ihnen gelungen, in erhoffter Weife einträchtig zu arbeiten? Ich freue mich, diese Frage mit gutem Gewissen bejahen zu können. In unseren Vereinen kommen alle Parteien zu Worte. Außer den populär-wissenschaftlichen belehrenden Vorträgen werden auch Gegenwarts¬ und Tagesfragen, soweit sie die jüdische Bekennerschaft betreffen, behandelt. Es werden Vorträge gehalten über das liberale Judentum, über die Orthodoxie, über Zionismus usw., denen sich anregende und lebhafte Aussprachen — zuweilen auch sehr lebhafte — anschließen, ohne den Bestand des Vereins zu erschüttern. Freilich gab es jugendliche Heißsporne, die den neutralen Boden der Jugendvereine zur Propagierung ihrer Parteiideen benutzen wollten. Und das geschah zunächst in solchen Vereinen, bei deren Begründung Fehler gemacht wurden, oder bei solchen, in denen die Leitung nicht auf der gewünschten Höhe stand. Einige Vereine hatten ihre Krisen, ihre Kinderkrankheiten durchzumachen, aber es waren nur einige wenige. Im allgemeinen hat sich das Zusammenarbeiten der verschiedenen Parteien gut bewährt. Die verschiedenen Richtungen haben gelernt, sich gegenseitig zu dulden, einander zu verstehen und die ehrliche Ueberzeugung anderer zu respektieren; die jungen Leute haben ferner gelernt, daß sie als Juden nach außen und nach innen das Gemeinschaftliche mehr als das Trennende zu betonen haben. Daß unser Verband den richtigen Weg eingeschlagen hat, beweist die Tatsache, daß die neutrale Jugendbewegung trotz des Kampfes der Parteien um die Jugend gute Fortschritte macht. Unser Verband hat im Juni 1909 seine Tätigkeit mit 25 Vereinen und mit einem Mitgliederbestände von 1295 begonnen und zählt jetzt über 80 Vereine mit einer Mitgliederzahl von ca. 14 000. Ja selbst an Plätzen, wo die einzelnen Parteien ihre Jugendorganisationen besaßen, wurde unser Verband gebeten, neutrale Jugendvereine zu begründen. Nebenbei sei bemerkt, daß unsere Vereine zwar konfessionell sind, daß wir aber keineswegs die konf e s j i o n e l l e A b s o n d e r u n g anstreben. Im Gegenteil, wir haben es unseren Mitgliedern zur Pflicht gemacht,

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