Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 6 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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war er, da er Trennung von Staat und Kirche wollte, Gegner der in jenen Jahren (1876) erfolgenden Neuorganisation der evangelischen Landeskirche. durch welche bekanntlich zwar ein sehr großes Stück Gemeindefreiheit, aber auch ein sehr großes Stück monarchisch - staatlichen Einflusses festgelegt wurde. Bald darauf trat die soziale Frage beherrschend in den Vordergrund. Stoecker, tief erfaßt von der sozialpolitischen Strömung, begann öffentlich das Thema anzuschlagen, wie sich die Kirche zur sozialen Frage verhalten solle, und er kam zu dem Resultat, daß die Kirche sozialpolitisch auftreten müsse und zwar in christlichem Geiste. Christlich-soziale Arbeit sei notwendig und müsse der Sozialdemokratie mit ihrem die Massen verwildernden und aufreizenden Treiben entgegengesetzt werden. Daher führte er sogleich die Innere Mission als Stadtmission in Berlin ein und stellte sich an ihre Spitze. 1877 begann die eigentliche Agitation. In einer vorzüglichen Rede, von tiefem Gehalt und dennoch jedem verständlich, behandelte er die soziale Hrage in der berühmten „Eiskeller-Versammlung". Rückhaltslos gab er die Mängel des geltenden Sozialrechts zu und gelobte, für die Sozialresorm eintreten zu wollen; 'dann suchte er die Arbeiter von der Utopie des Zukunftsstaates fort, dem Gedanken eines christlichnationalen Sozialstaates zuzuführen. — Kurz darauf gründete er eine christlich-soziale Vereinigung. Nun entwickelte Stoecker eine riesige Tätigkeit; die Volks- Versammlungen, geselligen Abende und christlichen Volksfeste drängten sich. Dennoch brachten die Wahlen von 1878 in Berlin keine Erfolge. Der Oberkirchenrat war von Stoeckers Tätigkeit keineswegs entzückt, ebenso Bismarck, das Kronprinzenpaar und der liberale Teil des Hofes und der Regierung. Schließlich erfolgte ein Monitum der kirchlichen Behörde, und leichthin gab Stoecker das Versprechen, sich künftig persönlich jeder politischen Agitation zu enthalten. Der Kaiser brachte Stoecker stärkere Sympathie entgegen und berief ihn in die Geueralsynode; auch wurde er in diesen Tagen vom Wahlkreise Herford ins Abgeordnetenhaus entsandt, wo er der konservativen Partei beitrat. (Schluß folgt.) Kjjchervesprrchnngrrr. Davis Trietsch, Palästina-Handbuch. III. Auflage. 840 Seiten mit 2 Rarten-Skizzen. Preis M. 8. — . Jüdischer Verlag, Berlin. In den letzten Jahren ist das Interesse für Palästina bei allen Gebildeten im Wachsen begriffen. Tie Tatsache, daß mehrere Gesellschaften für Palästinaforschung existieren, wie der Deutsche Palästina-Verein, der Englische „Palästine Exploration Fund" und die Amerikanische archäologische Schule in Jerusalem, die in Zeitschriften und Werken ihre Forschungsresultate veröffentlichen, ist der sprechendste Beweis dafür. Uns Juden ist Palästina etwas mehr als ein bloßes Gebiet der Forschung. Uns ist es das heilige Land, das Land, auf dem die Wiege unserer Väter gestanden, auf welchem unsere redegewaltigen Propheten gewandelt, unsere Geistesheroen den filtlich-hohen ethischen Gehalt der Thora erforscht, vertieft und uns überliefert, und last not least vas Land, für das unsere begeisterten Helden ihr Blut vergossen haben. Diese ruhmreiche Vergangenheit hat jedem fühlenden und denkenden Juden von jeher eine gewisse Pietät gegen das heilige Land eingeflößt, ohne seinen Patriotismus zu seinem gegenwärtigen Geburts- oder Heimatlande irgendwie zu beeinflussen. Zu dieser ruhmreichen Vergangenheit ist in den letzten Dezennien die hoffnungsvolle Gegenwart hinzugekommen. Das Land, das früher größtenteils von frommen jüdischen Pilgern besucht oder bewohnt wurde, die dem Thorastudium obliegend, ihren Lebensabend dort beschließen wollten, wird jetzt von einer jungen Generation ausgesucht, die in Vollkraft ihres Schaffens die „Trümmer des heiligen Landes" ausbaut und die verwüsteten Strecken in liebliche Eden zu verwandeln flch bemüht. Die erste Anregung zur Kolonisierung Palästinas haben bekanntlich der unvergeßliche Philantrop Sir Moses Montefiore und die Rabbiner Hirsch Kalischer und Elijah Gutmacher gegeben. Und als Anfangs der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die großen Judenverfolgungen in Rußland ausbrachen und unsere Glaubensgenossen von neuem den Wanderstab ergreifen mußten, wählte ein Teil dieser Emigranten Palästina zu ihrem Wohnort. Unter diesen Auswanderern befanden sich Akademiker, Studenten, die früher alles aufboten, um sich ganz dem Russenvolke zu assimilieren. Der von neuem ausgebrochene Judenhaß erweckte sie allerdings unsanft aus ihren Träumen. Hatte sie das russische Vaterland, dem sie alles zu opfern bereit waren, lieblos zurückgedrängt, so glaubten sie es ihrer Mannesehre schuldig zu sein, diesem undankbaren Lande den Rücken zu kehren. Mit dem Rufe „Beß Jakob l'cho w'nelecho" (Haus Jakob, kommt, laßt uns gehen) lenkten sie ihre Schritte nach dem heiligen Lande, wo sie unter großen Entbehrungen als gewöhnliche Arbeiter begannen. Das Beispiel dieser Kolonisten, die nach den Anfangsbuchstaben des oben zitierten Bibelwortes „die Bilu-Gruppe oder die Biluzen" genannt werden, wirkte anfeuernd aus andere. Mit Hilfe der „Chowewe Zion" aller Länder und des „Nadib" (Rothschild-Paris) haben sich die jüdischen Kolonien in Palästina gedeihlich entwickelt. Auch der H i l f s v e r e i n der deutschen Juden hat im letzten Jahrzehnt durch sein Schulwesen eine segensreiche Tätigkeit entfaltet und will auch weiter in Palästina und im oSmanischen Reiche durch den Ausbau des Schulwesens die Ansiedelung Palästinas fördern. Von dieser lebendigen Gegenwart Palästinas ist in den bekannten Reisebüchern fast nichts erwähnt. Wir begrüßen es daher mit Freuden, daß Davis Trietsch, einer der besten Kenner des heiligen Landes, ein Palästina-Handbuch geschaffen, das jetzt in dritter Auflage erschienen ist, welches das in den Reiseführern Fehlende in überaus sachkundiger und nutzbringendcr Weise ergänzt. Mit der Liebe eines begeisterten Juden und mit dem Fleiße einer Biene hat Trietsch alles Wissenswerte zusammengetragen, sodaß selbst Palästinaforscher ihm für manche Notiz dankbar sein dürften. Das Handbuch orientiert über das Klima, über die Wasser- und Gesundheilsverhältnisse des Landes; es gibt Auskunft über die Flora, Vieh-, Geflügel- und Bienenzucht, über Fischerei und Jagd, über Baumzucht und Gartenbau, über Zölle und Steuern, über Städte und Dörfer, über jüdische und nichtjüdische Kolonien, über Kindergärten und Schulen; eS berichtet uns vom Handel und der Industrialisierung des Landes, von den bestehenden Vereinen, Klubs, Bibliotheken und so weiter. In einem Anhang, in welchem die landwirtschaftliche Kolonisation, der Landerwerb, die Bautätigkeit a. a, m. behandelt werde», sind die Reiserouten nach Palästina sowie Reisen im Lande zusammeugestellt. Ein alphabetisches Inhaltsverzeichnis erleichtert die Handhabung dieses vortrefflichen Handbuches. Dem Jüdischen Verlage gebührt für die geschmackvolle Ausstattung uneingeschränkte Anerkennung. Möge das Handbuch, recht viel benutzt und gelesen, die Liebe zur Palästinaarbeit in allen Kreisen unserer Glaubensgenossen fördern, möge der Absatz dieses Buches so groß sein, daß es wie die sonstigen Reiseführer alljährlich in neuer Auflage erscheinen kann. 10