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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-06-01 · 6 (1.6.1912) · p. Seite 9

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
6 (1.6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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gangserscheinungen gezeigt haben. Und da die Kultur der Juden sich zu der Art der sie umgebenden Völker in geradem Verhältnis bewegt, so sehen wir auch im deutschen Judentum namentlich der siebziger Jahre unschöne Manier und persönliche Unkultur. Namentlich die Berliner „jüdische Presse" hat viel gesündigt. Und verstimmen mutzte die Art jüdischer Gelehrter und Publizisten, über deutsche Verhältnisse zu schreiben, in innere Verhältnisse innerhalb der protestantischen Kirche in bestimmter Richtung einzugreifen, das Judentum dagegen zu vergöttern und Urteile über jüdische Dinge, soweit sie nicht ad maiorem gloriam Judaeae waren, in ungehöriger Form zu bekämpfen — „umgekehrtes Hep-Hep-Geschrei" —, überhaupt einen unangenehm ätzenden Ton in der Publizistik heimisch zu machen. Allerdings waren die deutschen Juden erst eben aus dem Stadium der Land- und Kleinjuden emporgestiegen. Allerdings gab es andererseits prächtige Typen voll edelster deutscher Kultur. Aber schwache Völker werden gern nach ihren schlechten Elementen beurteilt, und die guten Typen werden gern dem Wirtsvolk zugerechnet. Die deutsche Bourgeoisie, das dürfen wir sagen, hat nicht die nötige gesellschaftliche Kultur gehabt, um den aus allen diesen Zeitumständen sich ergebenden neueren Antisemitismus in die nötige zivilisatorische Form zu kleiden. Während in anderen Ländern westlicher Kultur, in Frankreich, England und Nordamerika, der Antisemitismus sich in ruhiger gesellschaftlicher Distanz äußert, riß man in Deutschland die Juden zuerst im liberalen und nationalen Neberschwange ans Herz, um sie im chauvinistischen Ueberschwange gleich wieder in häßlichen, rohen, teilweise pöbelhaften Formen (Universitäten!) von sich zu stoßen. Die ganze Unkultur der Manier und des Temperaments der neudeutschen Bourgeosie hat sich nie krasser gezeigt als im Ausbruche des Antisemitismus. Wie fortgeblasen schien der ganze Einfluß unserer neuhumanistischen, klassischen, romantischen und jungdeutschen Geistesepoche; alles was die Deutschen in der Welt bisher so verehrungswürdig erscheinen ließ, der Charme ihrer hohen Geisteskultur, schien dahin, und eine neue deutsche Menschheit, eine rohe, ungefüge, ungeschliffene, ihrer materiellen Güter ungewohnte Bourgeoisie trat auf den Plan. Wir alle kennen sie und hoffen, daß sie, nach einer wüsten Zeit des Umganges, lernen wird, ihre ererbten Kulturwerte mit den Formen eines Weltvolks zu vereinigen. Wie jedenfalls der neudeutsche Antisemitismus auf Völker von weltmännischer Zivilisation wirkt, das wird klar, wenn wir später von dem Auftreten Stoeckers in der Metropole des britischen Weltreiches erzählen werden. II. Ueroonalia. Adolf Stoecker (geb. 1836) entstammt den breitesten Schichten des Volkes. Sein Vater war Wachtmeister bei den Halberstädter Kürassieren und stammte aus einer Landarbeiterfamilie. Auch die Mutter kam aus kleinen Verhältnissen. Beide Eltern müssen brave, tüchtige Menschen gewesen sein; der Vater einfach, kernig; die Mutter mehr vorwärtsstrebend, voll Willens, die Kinder weiter zu bringen. Sie brachte es durch energisches Haushalten fertig, ihren Kindern eine vorzügliche Erziehung zu geben; später verfiel sie in geistige Umnachtung. Von Jugend an zeigte Stoecker Intelligenz, Temperament, Fleiß, körperliche Rüstigkeit, andererseits Neigung zu romantischen Gefuhlsströmungen. Schon als Schüler erlebt er innere Bekehrungen; er verkehrt in angesehenen, pietistischen Familien; in der Schule muß er einsehen, „wie schwer es ist, Jesum wahrhaft anzuhängen," denn er war wegen seiner religiösen Schwärmerei bei Lehrern und Mitschülern unbeliebt. 1864 bezieht er die Universität Halle, um Theologie zu studieren. Er gerät in studentisches Treiben, wird Corpsstudent und schließlich wegen studentischen Unfugs relegiert. In Berlin macht er dann nach fleißiger Arbeit das Examen, wird Hauslehrer bei einem märkischen Freiherrn und bei einem kurländischen Grafen. Nach einer italienischen Wandertour wird er 1861 Pfarrer in Dörfern im Halberstädtischen, wo er auf strengste Kirchenzucht hält. Er heiratet eine junge Dame aus sehr frommer und sehr reicher Familie. Schon damals finden wir in seinen Korrespondenzen antisemitische Aeußerungen. Im Kriegsjahre 1870/71 meldete sich Stoecker als Feldprediger, wurde aber nicht beurlaubt. Er schrieb statt' dessen in der „Neuen Evangelischen Kirchenzeitung" Kriegsbetrachtungen, und diesen Aufsätzen verdankte er seine Berufung als Divisionspfarrer nach Metz (1871). Mit Eifer lebt er sich in sein neues Amt ein und entfaltet eine vielseitige kirchliche, soziale und nationale Tätigkeit (u. a. wird er Direktor einer neuen deutschen Töchterschule, gründet ein Krankenhaus, zieht die Innere Mission herbei zur Gründung einer Herberge und eines Jünglingsvereins). Und nun kommt der folgenschwerste Augenblick im Leben Stoeckers. Kaiser Wilhelm las die Reden Stoeckers am Denkmal auf dem Schlachtfeld von Metz, fand Gefallen daran und übertrug dem Autor eine der gerade vakanten Stellen als Dom- und Hofprediger. ' So siedelte Stoecker 1874 nach Berlin über. Gerade in dieser Zeit erregte der Kulturkampf alle Gemüter aufs tiefste. Kirchliche Gesetzgebung war namentlich die Haupttätigkeit des preußischen Landtags. Stoecker trat an'die schwebenden Probleme mit festen religiösen und kirchenpolitischen Prinzipien heran. Er war starr orthodox, wollte aber ein erträgliches Verhältnis der beiden christlichen Kirchen und seitens des Staates für beide gleiche Behandlung; der Wettstreit sollte ein rein geistiger, in toleranten Formen, sein. JmVerhältuis vonStaat und Kirche wollte er völlige Trennung beider Gewalten. Infolgedessen war er ein grimmiger Gegner des damals in Berlin noch herrschenden kirchlichen Liberalismus. Mit seinen Kollegen Kögel und Baur bildete er die hochkirchliche „Hofpredigerpartei". Auch — 9

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