Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 6 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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rung des Antisemitismus weit ab von seiner liberalen Zeit in eine konservative Epoche lenkte, derselbe Bismarck schenkte eben in seiner konservativen Zeit der staunenden und zweifelnden Menschheit das Titanengeschenk der deutschen Sozialversicherung und proklamierte das Recht auf Arbeit. Das eigenartigste Experiment nun, konservative und soziale Strömungen zu vereinigen, war der christliche Sozialismus. Mit einem katholischen (vornehmlich in Oesterreich) und mit einem protestantischen Zweige (Holland und Preußen). Der Führer der preußisch-deutschen christlich-sozialen Bewegung aber war der Hofprediger Adolf Stoecker. Stellen wir uns nun speziell die Situation des deutschen öffentlichenLebens um dieWende der siebziger und achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts vor Augen. Wir beginnen mit einer Betrachtung der wirtschaftlichen Lage. Die siebziger Jahre brachten bekanntlich in ihrem ersten Drittel in Deutschland einen ungeheuren Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens. Bis dann infolge von Ueberprvduktion, wilder Preistreiberei und Geldknappheit die furchtbare Krise vom Herbst 1873 hereinbrach. Ihr folgte eine anhaltende industrielle Depression von zirka 15 Jahren. Alle Erwerbsstande litten. Die Industrie wollte nicht rentieren, Arbeiter wurden massenhaft entlassen; das Handwerk, das bisher schon unter dem Aufblühen der Industrie gelitten hatte, wurde nun erst recht bedrängt durch die infolge verschärfter Konkurrenz gedrückten Preise der Depressionszeit. Dazu kam eine eigene Krise der Landwirtschaft. Gerade in diesen Jahren begann infolge anhaltender Frachtenverbilligung der massenhafte Import billigen überseeischen Getreides; die Inlandspreise gingen zusehends und rasch zurück. So herrschte in Deutschland allgemeine Mißstimmung. Viele schoben die Schuld an all dem Uebel dem politischen Systeme zu, welches bisher Gesetzgebung und Verwaltung geleitet hatte und im Reichstage herrschend war, dem Liberalismus. Und im besonderen bezeichnte man die als die Schuldigen, welche im Wirtschaftsleben führend geworden waren, welche unter Benutzung der von der liberalen Gesetzgebung gewährten Freiheit das Wirtschaftsleben erst großem Aufschwung, dann schwerer Krise zugeführt hatten, selbst aber zum Teil sich dauernd beträchtlich bereichert hatten. Die Klasse der mit allen Künsten des Aktien-, Finanzierungs- und Börsenwesens (bzw. Schwindels) vertrauten Kapitalisten, Bankiers, Gründer und Spekulanten. Wer aber waren die führenden Elemente sowohl im politischen Liberalismus wie ganz besonders innerhalb der Kapitalistenkreise? Wer beherrschte gleich den heutigen Aktien-Großbanken den Geldmarkts Die Rothschild, Bleichröder, Oppenheim, Cohn-Dessau, Speyer-Elissen usw. Hirsch und Strousberg waren Typen des genialen Gründers; der eine mit glücklichem, der andere mit unglücklichem Endeffekt. An sie reihte sich die Schar der kleineren jüdischen Finanziers und Gründer. In der Industrie waren die Juden bahnbrechend gewesen (Textilbranche!). Im Handel waren sie Organisatoren ersten Ranges (Getreideimport! daher die Wut der Agrarier) und unterstützten die aufblüheude Industrie in jeder Weise. Im öffentlichen Leben hatten Simson, Friedberg, Friedenthal, Lasker, Bamberger, Loewe gerade in diesen Jahren führend an der freien Entfaltung des Wirtschaftslebens und an dem Ausbau der kapitalistischen Institutionen öffentlichen Rechts mitgewirkt (Gewerbefreiheit. Freihandel, Einheitswährung, Goldwährung, Reform der Notenbanken, Reichsbank, Vereinheitlichung und Reform des gemeinen Rechts und des Prozeßwesens usw.). Wir wollen objektiv sein und uns nicht allzusehr verwundern, daß in den Kreisen der rasch Zurückgebliebenen, Neberflügelten, Neiderfüllten der Antisemitismus neuerstanden ist; wir wollen uns vor allem nicht allzusehr verwundern, daß Handwerk und Landwirtschaft, diese geführt vom Adel, in der neuen Bewegung bald führend geworden sind. Und die Regierung? Voll tiefer Sorge sah sie auf den großen Niedergang nach schwindelhaftem Aufstieg. Erschreckt von den Wirkungen der wirtschaftlichen Revolution, über das Vordringen des aus dem Schoße der neuen Gesellschaft aufsteigenden Sozialismus und gar erst des Anarchismus (Attentate 1878) wandten sich Kaiser und Kanzler mit heftiger Wendung den Parteien der Rechten zu. Wer waren die Begründer des Sozialismus? Die Juden Marx und Lassalle. Und wer stellte sich der neuen staatssvzialistischen Politik der Regierung so schroff entgegen? Vor allem die liberalen jüdischen Politiker und die liberale „jüdische Presse". * * * Und nun zu anderen Seiten des öffentlichen Lebens. Der Liberalismus und die Romantik hatten die Volkskräfte entfaltet, welche unter genialer Leitung und Zusammenfassung die deutsche Einheit errangen. Der nationale Geist war nun voll entwickelt. Die leitenden Gewalthaber wünschten ihm - die Richtung friedlicher Betätigung zu geben (Versailler Kaiserrede). Jeder Expansion nach außen stand der allmächtige Kanzler im Wege, auch war das deutsche Volk in seinen großen Massen von tiefer, innerlicher Friedensliebe erfüllt. So richtete sich denn der aus dem Patriotismus der Jahre 1810 bis 1870 sich fast mit Naturnotivendigkeit entwickelnde Chauvinismus gegen Elemente, die unvorbereitet, zerstreut und schwach im Lande selbst saßen, aus den zuvor entwickelten Gründen sich aber vielfacher llnbeliebtheit erfreuten, gegen die Juden. Es lagen außer den wirtschaftlichen Momenten noch andere Klagen gegen die Juden vor. — Wir alle wissen heute, daß die deutsche Bourgeoisie dem rasch entstandenen neudeutschen Reichtum, was Zivilisation der Manier und der Lebensweise betrifft, zum großen Teile nicht gewachsen war. Es ist sprichwörtlich geworden, daß dem neuen Deutschland die Tradition alten Reichtums fehlt, und daß sich aus allen Gebieten des Geschmacks und der Manier unschöne lieber- 8