Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-06-01 · 6 (1.6.1912) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
6 (1.6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4926451-6352287-6352465--0312-4929285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

gewesen ist. Dagegen mag man mit Freude konstatieren, daß sich die Befürchtungen, die man an das Jndustriegesetz in Rumänien für unsere dortigen Glaubensgenossen knüpfte, sich nicht erfüllt haben. Dieses Gesetz bestimmt bekanntlich, daß alle Betriebe zumindest 75 % rumänische Staatsbürger beschäftigen müssen. Da die jüdischen Bewohner des Landes bekanntlich nicht als „rumänische Staatsbürger" betrachtet werden und als solche nicht anerkannt sind, befürchtete man, daß die Juden aus der Arbeit der industriellen Betriebe entlassen werden würden. Allein das Erfreuliche geschah. Das Gesetz erhielt eine Bestimmung, daß die Juden im Sinne des Jndustriegesetzes nicht als Ausländer zu betrachten seien. Ueberhaupt scheint es, als ob die rumänische Regierung ein wenig milder in ihrer Judenpolitik werden wollte, wenngleich man nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte jede optimistische Auffassung vermeiden muß. Man kann die Uebersicht der Ereignisse der letzten Zeit nicht schließen, ohne endlich eines großen Unglücks zu gedenken, das die Anteilnahme der ganzen Welt gefunden hat. Der Ilntergang der „Titanic", bei dem mehrere Tausend Menschen in die Meerestiefe sanken, erheischt selbstverständlich keinerlei Sonderbetrachtung von jüdischem Gesichtspunkt. Die Trauer um das schreckliche Ende, das dabei so viele blühende Leben und nicht zum wenigsten auch solche, die auf der Höhe sozialer und wirtschaftlicher Rangstufe standen, gefunden, kann nur eine allgemeine sein. Die Elemente zogen Juden und Christen in die Tiefe. Freilich wissen wir. daß gerade die Zwischendeckspassagiere jenen Unglücklichen angehörten, die aus dem Lande der Knechtschaft dem Elend entrinnen und in der Freiheit der amerikanischen Welt ein Ruheplätzchen arbeitsamer Betätigung suchen wollten. Aber auch von jenen, die auf den Höhen des Lebens wandelnd, beim Untergang der Titanic ins Grab sanken, waren viele unseres Glaubens. Von ihnen bot ein Ehepaar noch in der Todesstunde das Bild echt jüdischen Familiensinnes. Frau Strauß, der man Rettung bot, lehnte sie ab; die Gattin zog es vor, mit dem Manne zugleich in den sicheren Tod zu gehen. So feierte der vielgerühmte jüdische Familiensinn selbst in dieser entsetzlichen Katastrophe seinen verklärenden Triumph. ,v , k 1 Alb. Iacoby. Jeder Verbandsvcrein hat die Pflicht, die Namen derjenigen Mitglieder, die aus dein Orte seines Vcreinssitzes wegziehen, der Geschäftsstelle des Verbandes unter gleichzeitiger Angabe des neuen Wohnortes und der neuen Wohnung des Wegziehenden mitzuteilen. Der Berbandsberein des neuen Wohnsitzes hat die Pflicht, den neu Hinzugezogencn zum Eintritt zu bewegen und etwaige finanzielle Vorausleistungen in den Vereinen des früheren Wohnsitzes in angemessener Weise in Anrechnung zu bringen. Von der Mitteilung an die Geschäftsstelle ist jedoch dann abzusehen, wenn der Verein des bisherigen Wohnsitzes die Überzeugung gewonnen hat, daß das ausscheidende Mitglied wegen persönlicher Unehrenhastigkeit dem Verbände nicht zur jjierde gereicht. jVorstandsbeschluß von 4. Dezember lölO.i Adolf Kloecker. Von Or. Erich Marx, Essen. I. Temporalia. Das moderne öffentliche Leben ist eine Schöpfung des Liberalismus. Parlamente nach allgemeinen Wahlen. Presse und Volksaufklärung, Versammlungs¬ und Vereinswesen, alles dies entstammt der massenbewegenden Kraft eines liberalen Zeitalters. Den neu geschaffenen Boden benutzte zuerst der Liberalismus selbst, um auf ihm seine Herrschaft aufzurichten; bald aber machten sich seine Gegner die nämlichen Hilfsmittel zunutze, und überraschend schnell stieg der moderne Konservativismus empor, ein konstitutioneller, auf Volksmassen gestützter Parlaments-Konservativismus. Die hinreißenden Lichtgestalten aus der ersten Blütezeit des Liberalismus in Literatur, Philosophie und Politik waren dahingegangen; von tausend Epigonen geteilt, war das Feuer ihres Temperaments, ihrer Ideen verblaßt. Da tauchten tteite Gestalten empor aus den Tiefen einer neuen Zeit, gewaltige Staatsmänner, welche die Triebe eines gewandelten Zeitalters erfaßten und eine neue Aera des Denkens und Fühlens heranfführten. Zwei gingen allen voran: Der britische Judensprößling Benjamin DiSraeli, Lord Beaconsfield, und der deutsche Junkersproß Otto Fürst von Bismarck. Geister ähnlicher Struktur, aber minderer Größe ergriffen die Zügel anderer Länder (Jgnatiew und Pobjedonoszew in Rußland, Lueger und sein Anhang in Oesterreich). Und in allen Ländern mit stark katholischer Bevölkerung erhob sich der Klerikalismus, dem Konservativismus eng verwandt; ihni parallel setzte eine protestantisch-orthodoxe Volksbewegung in den Ländern alter protestantischer Tradition ein. Die konservativ-kirchliche Reaktion war der eine, dem Liberalismus sich entgegensetzende Geisteszug. Aber bereits kündigte sich ein zweiter an. der noch stärker, noch unmittelbarer aus dem Getriebe der Piaffen hervorging: Die soziale Bewegung, extrem verkörpert im Sozialismus. Und nun das Interessanteste: Die führenden Geister der Zeit waren von beiden Richtungen erfaßt. Disraeli, welcher die Idee des Imperialismus in die Massen warf, der Queen die ronrantische Kaiserkrone Indiens aufs Haupt setzte, den Suezkanal an England ritz, dem Rusfenzar vor Konstantinopel Halt gebot und ihm die Hälfte der Türkenbeute abnahm, derselbe Disraeli gab Englands Arbeitern den größten Teil ihrer Fabrikgesetzgebung und eine Verallgemeinerung des Wahlrechts, lind Bismarck, der mit Blut und Eisen Deutschlands Einheit errang, der glänzendste Meister auswärtiger Politik im modernen Europa, der dann mit Getreide- und Eisenzöllen, niit Romversöhnung. Sozialisten- und Polengesetz, mit Monopolplänen und Liebesgaben, mit Kolonialerwerb und Postdampfersubventivn, mit der Duldung Puttkamerscher Berwaltungspraxis (Judenausschließung) und zeitmeiser Förde- 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.