Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 6 (1.6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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r jüdischer Volksschullehrkräfte vorbrachte, ohne jede weitere Folge geblieben. Man sieht, es bleibt auf diesem Gebiete unserer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung noch viel zu tun. und es ist leider anunehmen, daß auch unsere Heranwachsende Generation ier noch viel zu tun haben wird. Schweift der Blick über die Grenzen hinaus, so haben uns die letzten Monate auch hier wieder Ereignisse erschütternder Tragik jüdischen Schicksals gebracht. Auf der in diesen Tagen abgehaltenen Generalversammlung des „Hilfsvereins der deutschen Juden" entwarf dessen hochverdienter Vorsitzender Herr James Simon ein Bild der Lage unserer Glaubensbrüder in den Unkulturländern, dessen tiefdunkle Töne uns ergreifend an unsere Bruderpflicht gegenüber diesen Unglücklichen mahnten. Wenige Tage später überbrachte uns der Draht die Kunde von dem katastrophalen Schicksalschlage, der die Juden in Fez getroffen. Immer dasselbe Bild! Die entfesselte Bestialität roher Horden, deren Wut und Fanatismus durch andere verursacht ist, stürzt sich auf die schuldlose Schwäche der Juden, mordet, plündert, schändet und stürzt die gesamte jüdische Bevölkerung in das tiefste Elend. Das jüdische Mitgefühl versagte selbstverständlich nicht. Der Hilfsverein überwies sofort 20 000 Mk., die Alliance Jsraelite Universelle gab 100 000 Fr. Jüdische Gemeinden in Deutschland steuerten ansehnliche Beträge zum Hilfswerk, Berlin allein 6000 Mk. Die „Bnei Briß"-Logen stellten 40 000 Mk. zur Versügung. Sammlungen wurden eingeleitet und ergaben ansehnliche Beträge, die indessen alle nicht hinreichten, um die Not und das Elend, das unverschuldet über unsere Glaubensgenossen in Fez hereingebrochen war, zu beseitigen. Fez, zu Marokko gehörig, steht bekanntlich seit kurzem unter französischem Protektorat. Es ist zu hoffen, daß die französische Regierung im Stande sein wird, eine Wiederholung solcher schändlichen Vorgänge zu verhindern. In einer Audienz, die dem Zentralkomitee der „Alliance" gewährt wurde, hat der französische Ministerpräsident den Beistand der französischen Regierung für die Linderung der Not und die Förderung der Hilfsaktion zugesagt. Aber bis heute ist es noch nicht einmal gelungen, für alle Juden, deren Viertel (Mellatz) zerstört worden ist, menschenwürdiges Obdach zu schaffen. — In Rußland gibt das Schicksal unserer Glaubensbrüder Tag um Tag Stoff zu neuen Kapiteln ergreifendster Leidensgeschichte. Das System der Zusammenpferchung. der Ausweisungen, der Entrechtungen, der gesetzlosen Willkür, der Verhinderung des Zutritts zu den Bildungsstätten, der straflosen Verhetzung und Pogromandrohungen, der Ausbeutung — alles, alles bildet dieSignatur desJudenschicksalsim „neuen" Rußland, wie es im „alten, dem dumalosen" der Fall war. Die in anderen Landen ein wenig abgewirtschaftete Niedertracht antisemitischer Tollhäuslerei findet, nach Rußland importiert, dort eine „freundliche Statt". Die Ritualmordhetze hat in Kiew ein neues Opfer gefunden. Ein Glaubensgenosse Beilis wird des Ritualmordes geziehen und ist ins Gefängnis geworfen. Wie die neuesten Berichte besagen, ist nun endlich doch Hoffnung vorhanden, daß die wahren Mörder des Knaben, an dem Beilis einen „Ritualmord" begangen haben soll, entdeckt und zur Bestrafung gelangen werden. Inzwischen aber erleidet nicht nur Beilis die Folter des Mordverdachtes, sondern auch die gesamte jüdische Bevölkerung Kiews, ja Rußlands ist durch Pogrombefürchtungen andauernd beunruhigt. Die gebildete Welt in allen Kulturstaaten und selbst die russische Intelligenz hat zwar in öffentlichen Proklamationen flammenden Protest gegen den Unsinn > und die Lüge des Ritualmordmärchens Stellung genommen, allein ob es gelungen ist, dieser Hydra der Verleumdungen und Hetzereien wie Verdächtigungen unseres Religionsbekenntnisses die Köpfe abzuschlagen, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Einstweilen scheint allerdings selbst das russische Regime sich denn doch zu schämen und selbst den Schein des Ritualmord glaubens vermeiden zu wollen. Man darf wohl sagen, auch hier ist die Wahrheit auf dem Marsche und die wirklichen Schuldigen werden selbst der russischen Justiz nicht entgehen. — Ueber das Einzelschicksal des Beilis hinaus, dessen Fall durch die Beziehung auf das Ritualmordmärchen eine Angelegenheit dgr jüdischen Gesamtheit geworden ist, bleibt die Sorge um den Verzweiflungskampf unserer russischen Glaubensbrüder andauernd aktuell. Die Frage der Emigration beschäftigt fortwährend die besten unserer Kräfte. Wölkchen und Wolken umsäumen die Aussicht auf die Wege, die den Elenden, die anderswo eine ruhige Stätte suchen, noch offen stehen. Das türkische Reich, wohin sich die Blicke wenden, steht im Kriege mit Italien. Und wie immer der Ausgang des italienisch-türkischen Krieges sein mag, einstweilen sind wiederum die Juden die ersten Leidtragenden. Die Besetzung der Insel Rhodus durch die Italiener hat die Ausweisung der Angehörigen Italiens zur Folge gehabt. Eine recht ansehnliche'Anzahl der von der Ausweisung Betroffenen sind unsere Glaubensgenossen, die es verabsäumt haben, ihre italienische Staatszugehörigkeit mit der zur Türkei zu vertauschen. Auch unseren österreichischen Glaubensgenossen haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt, die sie an den Ausgang der soeben vollzogenen Wiener Gemeinderatswahlen geknüpft haben. Man hatte erwartet, daß die Zersetzung der korrupten antisemitischen Parteien, mit denen es seit dein Tode Luegers abwärts gegangen ist, viel weiter vorgeschritten sein würde, als es sich bei den Wahlen tatsächlich gezeigt hat. Mögen große taktische Fehler der antisemitisch gegnerischen Gruppen auch manches verschuldet haben, es hieße der Wahrheil nicht die Ehre geben, wollte man nicht zugestehen, daß der Ausgang der Wiener Gemeinderatswahlen, der den Antisemiten die Zweidrittelmehrheit im Stadtparlament erhalten hat, eine Enttäuschung für uns — 6 —