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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-05-01 · 5 (1.5.1912) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
5 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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kanntesten Weltanschauungs-Systemen einnehmen solle». Bei der Neigung unserer Zeit zu öffentlichen Erörterungen philosophischer Natur, bei dem Vorhandensein so mancher Literaturwerte, dieden strebenden jungenJuden in Gewissensnötezubringen geeignet sind —durfte man ein reges Interesse und eifrige Beteiligung erwarten. Wenn wir indesin dieserErwortung zu optimistisch waren, namentlich bezüglich der numerischen Beteiligung, so bedauern wir das ganz besonders aus dem Grunde, weil Herr Dr. May durch gründlichste Vorbereitung in der Lage war, den Teilnehmern eine Fülle von Anregung zu bieten. Mit Freude konnten wir auch in diesem Jahre den empfänglichen Sinn unserer Mitglieder für die erhabenen Schöpfungen musikalischer und dichterischer Kunst feststellen, die an einem Abend im Monat gepflegt wurde. Selbstverständlich hielten wir auch in diesem. Jahre die Spezial-Aufgabe unseres Vereines im Auge, an solchen Abenden den Werken südischer Poeten und Tonsetzer und Schöpfungen jüdischen Geistes in erster Linie Geltung zu verschaffen. Publikum und Presse bringt dieser Seite unserer Bestrebungen erfreulicher Weise zunehmenden Anteil entgegen. Infolge unserer Mitgliedschaft beim „Ausschuß für Volksvorlesungen" waren die Kunstbegeisterten unter unseren Mitgliedern in der Lage, gegen geringes Entgelt vortreffliche theatralische und orchestrale Kunst zu genießen, da uns zu den vom genannten Ausschuß arrangierten großen Konzert- und Theater-Veranstaltungen stets eine Anzahl Karlen zur Verfügung standen. Freudige Genugtuung erfüllt uns, wenn wir an den Verlauf der Freitäg-Abend- Zus ammenkünfte zurückdenlen. von denen Weihe und Behaglichkeit auf die Besucher ausslrömte. Recht befriedigend lautet auch der Bericht unseres Bibliothekars über die Benutzung unseres durch zahlreiche Ankäufe und Schenkungen vermehrten Bücherbestandes. Als Grundlage einer neuen ideellen, in Zukunft zweifellos auch manchmal materiellen Stärkung unseres Vereines betrachten wir das Zustandekommen des „Freien Verbandes zur Förderung der Jugendpflege in Frankfurt a. M.", den wir gemeinsam mit Vertretern des Stadlbundes, verschiedener konfessioneller christlicher Vereine und des interkonfessionellen Vereines „Jugcndwohl" im Dezember schuien. Dieser freie Verband, welcher sich um die Sonderart der angeschlossenen Vereine in keiner Weise kümmert, bezweckt hauptsächlich gemeinsame Interessen den staatlichen oder städtischen Behörden und der Oeffeuilichkeit gegenüber zu vertreten, um so die Arbeit an der Jugend als Ganzes zu heben und zn stäiken. Selbstverständlich stellte die oben kurz skizzierte Vereinsarbeit große Anforderungen an die Tätigkeit des Verwaltungs- Ausschusses, dem zu seiner Entlastung folgende vier Neben - Ausschüsse zur Seite standen: Ausschuß für geistige Interessen, Ausschuß für die Bibliothek, Ausschuß für die Hausverwaltung, Ausschuß für gesellige Zwecke. Zur Bestreitung der nicht unerheblichen Ausgaben erhielt der Verein von Freunden und Gönnern neben den Mitglieder- Beiträgen eine große Anzahl von Zuwendungen. Das Budget des Vereines betrug im Berichts>ahre fast Mk. 17Ö00.— und erreichte damit den Höhepunkt in stnanzieller Beziehung seit Bestehen des Montesiore-Vereines. F. M. Graudeuz. Anläßlich des 10jährigen Stiftungsfestes des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur wurde hier nach einem Vortrage des Herrn Rechtsanwalt W i l k - Thorn ein Jüdischer Jugendbund gegründet, zu besten erstem Vorsitzenden Herr Rabbiner Dr. Loevy, zu dessen zweitem Vorsitzenden Herr Bankprokurist Feldheim gewählt wurde. DaS Purim - fest, welches der Jugendbund veranstaltete und an welchem über 200 Personen terlnahmen, verlief zur vollsten Befriedigung aller Teilnehmer, und die allwöchentlichen Zusammeniünfte am Donnerstag wie auch die Bibltoihekrabende am Montag, zu welchen der Literaturverein seine 700 Bände starke Bibliothek zur Verfügung stellt, erfreuen sich der regsten Beteiligung. Dieses sowie die auf 103 (02 ordentliche und 41 außerordentliche) angewachsene Milgliederzahl lassen die günstigste Entwicklung des die männliche und weibliche Jugend umfassenden Bundes erwarten. Kattowitz. Im Jüdischen Jugendbund sprach als erster in dem auf 3 Abende berechneten Zyklus „Die Hauptst r ö m u n g e n i ni deutschen Judentum" Herr Rabbiner Dr. G o l d m a n n - Oppeln über „Liberales Judentum". Der Vorsitzende, Herr Siegmund Rappaport, leitete den Abend mit einer Darlegung des Zweckes der Veranstaltung des Zyklus ein, der dahin gehe, eine umfassende und sachverständige Aufklärung über Wesen und Ziel aller vorhandenen Richtungen zu ermitteln, eine Aufgabe, zu deren Erfüllung der jüdische Jugendbund berufen sei. Der Vortragende betonte im Anfang seiner Ausführungen, daß er auf streng sachlichem und objektiven Boden bleiben wolle und zeigte dann anch, daß jede Religion den Fortschritt als innewohnendes Prinzip der Entwicklung kenne, daß aber Liberalismus als Methode und politisch wirkender Faktor nur auftrete, wenn dieses Entwicklnngsprinzip künstlich durch die Orthodoxie gehemmt würde. Auch im Judentunr sei eine ständige Entwicklung nachzuweisen, welche freilich in der Form durch den verhüllenden Formalismus nicht klar hervortrete, dennoch aber stets wirksam sei. Dieser Formalismus will die Fiktion aufrecht erhalten, daß alle Fortschritte schon von Uranfang an vorhanden seien, und er arbeite mit dem auch im Rechtsleben häufig verwendeten Prinzip der Interpretation. Das Ueberwiegen des Formalismus habe jederzeit die Orthodoxie und ihre Herrschaft bedeutet. Historisch sei nachznweisen, daß der Liberalismus stets die Reaktion auf den I n d i f f e r e n t i s m u s sei, den die Orthodoxie durch ihre allzu schroffen Forderungen hervorgerufen habe und demgemäß sei der Anteil des Liberalismus an der Erhaltung des deutschen Judentums ein außerordentlich großer, da er wirksam dem Jndifferentismus und dem Abfall entgegentretcn konnte und kann. Nach einein historischen Ueberblick über die Geschichte des Liberalismus im 19. Jahrhundert kam der Vortragende auf das Programm der Bewegung. Besondere Aufmerksamkeit wandte er dem Problem des Ausgleichs von Lehre und Leben zu, von denen keine unumschränkt herrschen dürfe; die Lehre müsse nichts Unmögliches fordern und sich dem Leben anpassen, das Leben müsse aber dann die so modifizierte Lehre beachten. Besonders gelte dies für Gottesdienst, Zeremonie und die hebräische Gebetssprache. Auch auf den Ausgleich der Religion mit der Wissenschaft kam der Redner zu sprechen, und er streifte kurz auch die anderen Programmpunkte, um überall nachzuweisen, das der Liberalismus einerseits aus historischem Boden im Geiste des alten Judentnnls arbeite, andererseits nichts wolle als die positive Er st ar - k u n g des Judentums. Zum Schluß ging er auf das Verhältnis des Liberalismus zu den anderen Parteien ein, um sodann sich mit dein Nationalismns zu beschäftigen und zu zeigen, warum der Liberalismus ihn ablehne. Er führte aus. daß der Rationalismus eine Z c i t e r s ch e i n u n g sei, die auf dem Rationalismus der anderen basiere, daß er dem jüdischen kl n i v c r s a l i s m u s widerspreche, daß nationale Ziele keine ewigen Ideale darstellcn. Besonders wies der Vortragende auf die Stellung deS Nationalismus zur Religion hin und auf die Gefahr, die aus den zwei vorherrschende» nationalen Prinzips der Religion drohe. Die Schlußworte galten der Hoffnung, daß der Liberalismus wie bisher auch fernerhin dem Judentum, der Menichheit und ihren Kulturidealen mit seinem lvachsendeni Erfolge dienen werde. In der daraus folgenden Diskussion war Herr Arnold Wiener bestrebt, die Kritik des Referenten an dem Standpunkt des orthodoxen und nationalen Judentums zu cntkräficn. Religionsformen seien immer von hoher Bedeutung, das Symbol erhalte die Idee, auch wenn sie nicht mehr restlos wirksam gemacht werden könnte für das Gedächtnis der Menschen. Die Schwäche des liberalen Standpunktes sei es, daß er wohl gepredigt, jedoch nicht gelebt werde. Wenn die Mission des Judentums nur auf die Verbreitung der Ethik abziele, dann fehlten doch alle llnterscheidungslehren, die den Sonderbestand der jüdischen Religion gegenüber anderen ethischen Bestrebungen rechtfertige, Reformen ' sind gut, wenn Eristenznotwendigkeilen — 12 —

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