Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-05-01 · 5 (1.5.1912) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
5 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4926451-6352287-6352464--0297-4929271
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

es übernimmt, über die Bestrebungen der einzelnen Parteien Aufklärung zu geben. Er soll nicht einseitig die eine oder andere Partei zu Wort kommen lassen, sondern alle Parteien; darin besteht die Neutralität des Jugendvereins. Allerdings mutz diese Aufklärung auf ein bescheidenes Matz zurückgeführt werden, es soll der Jugendbund sicher nicht der Ort werden, um Parteigezänk auszutragen, es wird vielmehr genügend sein, wenn innerhalb eines Jahres einmal die eine und einmal die andere Partei zu Wort gekommen ist; damit hat der Jugendbund das seinige getan und hat den jungen Leuten das Material gegeben, das sie nun selbständig verarbeiten können. Es ist auch nicht möglich, datz man über die einzelnen Parteiziele objektive Leute reden lassen könnte; suchen Sie denjenigen, der dabei objektiv bleibt, von keiner Meinung berührt wird, und wenn er sich finden sollte, so würde ich ihn bedauern und beklagen, datz er sich nicht eine eigene Meinung bilden konnte. Sie werden einen objektiven Mann, der über die einzelnen Parteirichtungen reden soll, nicht finden können. ES ist ja ein Gegengewicht in der Diskussion gegeben; arbeitet jemand mit falschen Mitteln, agitiert er, was er nicht soll, dann wird man ihm in der Diskussion schon entgegentreten. Ich fasse die Neutralität so zusammen: Der Verein als solcher soll seinen Mitgliedern zwar zeigen, datz es Parteien gibt, aber er selbst soll weder für noch gegen die eine oder andere Partei austreten, er soll aber seine Mitglieder nicht verhindern, sich innerhalb einer Partei zu betätigen, und es geht ihn gar nichts an, welcher Partei seine Mitglieder außerhalb des Vereins angehören." Ueber Praktische Arbeitsmethoden referierte Dr. Kahn: „Zweck und Ziel einer jeden Arbeit im Verein muh es sein, die Mitglieder selbst zur Mitarbeit an den Bestrebungen und Zielen des Vereins heranzuziehen. Der Vorstand eines Vereins soll sich selbst als das ausführende Organ des allezeit lebendig pulsierenden Vercinswillens betrachten. Man kann dies dadurch erreichen, datz man innerhalb des Vorstandes selbst eine Ressortteilung vornimmt. Jedes einzelne Vorstandsmitglied muh ein genau abgegrenztes Arbeitsgebiet erhalten, jedoch nicht so, datz nun unbedingt die Kompetenzfrage der einzelnen Vorstandsmitglieder bei jeder Arbeit und jeder Frage in erster Linie zu prüfen wäre. Das einzelne Vorstandsmitglied wiederum hat die Aufgabe, für den Kreis der von ihm zu bearbeitenden Ideen sich aus der Mitte des Vereins heraus die notwendige Anzahl Mitarbeiter zu besorgen. Es muh demgemätz eine genügende Anzahl von Kommissionen gebildet werden. In die Kommissionen sind alle diejenigen zu berufen, die gewillt sind, innerhalb der Vereine mitzuarbeiten, oder aber doch einen Einblick in das Getriebe deS Vereinslebens zu tun. Jede einzelne Kommission ivählt wieder selbständig aus ihrer Mitte einen Vorsitzenden und einen Schriftführer, organisiert sich im übrigen wie eine selbständige Korporation. Die Kommissionen haben insofern vorsichtig zu arbeiten, als sie sich darüber klar sein müssen, daß die Verantwortung für alles, was sie tun,, auf den Vorstand zurückfällt. Wir haben die Erfahrung gemacht, datz je tüchtiger die Mitglieder der Kommissionen sind, je mehr Mitglieder zu den Arbeiten herangezogen werden, desto intensiver das Leben im Verein ist. Den Kommissionsmitgliedern mutz es genau so wie dem Vorstand Gewissenssachc sein, für das wachsende Wohl und Gedeihen des Vereins zu sorgen. Vorstand und Kommissionen haben dauernd miteinander Fühlung durch die regelmähige Berichterstattung, die das der Kommission angehürende Mitglied des Vorstandes in den Vorstandssitzungen zu erteilen hat. Alle 6—8 Wochen tritt der Vorstand mit den Kommissionen zu einer Plenarsitzung zusanunen. Hier wird über die verflossene Zeit berichtet und schwierigere Fragen werden durchgesprochen. Es ergibt sich so ein dreigliedriges Arbeitsgebilde: Vorstand, Kommission und Plenarversammlung. Als oberstes Kontrollorgan steht über allen die Generalversammlung. Diesen Generalversammlungen mutz unter allen Umständen der Charakter von geschäftSmätzigen Diskussionen genommen werden. Aus der Generalversammlung sollen in erster Linie die Vereinsmitglieder insgesamt gemeinschaft. lich mit dem Vorstande sich selbst darüber Rechenschaft geben, wieweit man im vergangenen Jahre vorwärts gekommen ist. So soll die Auhenstruktur eines gesunden Vereins beschaffen sein. Für das innere Vereinsleben mutz in erster Linie der Vereinsabend in Betracht kommen. Jeder Verein mutz einen bestimmten Wochentag haben, der „Vereinsabend" als solcher ist. Jedes Mitglied mutz sich in seinem Wochenkalender und in seinem Gewissen einen dicken Strich gemacht haben, der bedeutet: „Dieser Abend gehört ausschließlich und allein in einem Jugendv e r e i n. Nichts kann inich davon abhalten, an diesem Abend in den Verein zu gehen, mein Gewissen läßt nur „Force majeure" als Entschuldigung zu." Diese Abende müssen unfern Mitgliedern eine Freude sein. Sie müssen so zusammenkommen, wie es sich unter Freunden und Freundinnen gehört. Wir haben mit dem Zusammenarbeiten der jungen Mädchen und Herren glänzende Erfolge gehabt. — Idealistische und materielle Tendenzen sind leider im Leben nicht voneinander zu trennen, daher ist cs notwendig, datz — namentlich für solche Mitglieder, die noch nicht genügend durchdrungen sind von der Jugendbewegungsidee — auch ein gewisses materielles, egoistisches Interesse die Mitglieder in den Verein führt. Man soll den jungen Leuten Gelegenheit zu ihrer weitern persönlichen Ausbildung geben: Hebräische, französische, englische, italienische Sprachkurse, Buchführung, Stenographie, juristische Vorlesungen, R c ch t s a u s k u n f t s - stelle, Freitagabende, Bibliotheken, Lesez i m m c r, Rauchzimmer, Spielzimmer und dergl. Wir hier in Cöln haben niit dem Städtischen Schauspielhause, mit dem Deutschen Theater und mit dem Metropoltheatcr Verträge geschlossen, wonach unsere Mitglieder aus allen Plätzen bedeutende Ermäßigung haben. Wir haben ferner mit einer großen Leihbibliothek einen Vertrag, auf Grund dessen unsere Mitglieder nur die Hälfte des Abonnements zahlen. Alles dieses, meine verehrten Damen und Herren, führt dazu, datz das einzelne Mitglied sich sagt: Es liegt doch auch in meinem persönlichen Interesse, wenn ich mich dem Verein anschlietze! Der Kampf ums Dasein ist immer schwerer geworden, und darum wird es ein mächtiger Sporn für die jungen Leute sein, tvenn sie im Verein Gelegenheit zu ihrer weiteren Ausbildung finden. Besonderen Nachdruck müssen wir legen auf die Pflege guter Lektüre, ganz besonders auf die Pflege der klassischen Literatur, die nach meiner Auffassung gar nicht genug gepflegt werden kann. Dann aber, meine Damen nnd Herren, kräftige Arbeit zur Ausbildung der jüdischen Persönlichkeit. Es nützt mir absolut nichts, wenn mir jemand mit der hohlen Phrase kommt: „Ich bin ein selbstbewutzter Jude" — und damit Schluß. Das jüdische Selbstbewntztsein ist zu einem Schlag- Wort geworden. Die jüdischen Jugendvereine haben dafür zu sorgen, datz das jüdische Selb st bewußt sein Inhalt bekommt, datz e S a u S g e f ü l l t wird mit Wissen. Glücklich bin ich daher, datz wir in Cöln mit Frankfurt am Main die ersten waren, die hier durch die Freitagabende Abhilfe geschaffen haben. Da mir das Vorrecht zusteht, allüberall für die Freitagabende Propaganda gemacht zu haben, so darf ich auch wohl ein Wort der Mahnung hier sagen: ES mutz unbedingt verlangt werden, datz die Freitagabende als das aufgefaßt werden, was sie sein sollen: Altjüdische Freitagabende, die den Geist der Familie und des Hauses den in der Fremde lebenden jungen Juden und Jüdinnen vermitteln sollen, auf datz sie sich in der Fremde an diesen Abenden als Kinder unserer Gemein- 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.