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Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands · 1912-05-01 · 5 (1.5.1912) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
Volume
3 (1912)
Issue
5 (1.5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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von ganz besonderer Wichtigkeit. Im Turnen werden alle Kräfte angespannt, es gibt ein selbstbewußtes Gefühl. Es stärkt die Disziplin, die für Jugendvereine von besonderer Wichtigkeit ist; nirgendwo läßt sich das besser erzielen als gerade beim Turnen, da heißt es parieren, da ist jeglicher nur ein Glied in der Kette des Ganzen, hier wird ein gesunder, ein berechtigter Ehrgeiz geweckt, ein berechtigtes Selbstbewusstsein gestärkt. Ich möchte Ihnen sagen, wie ich mir im einzelnen für die Jugendvereine die Pflege des Turnens denke. Wir sind Vereine, die aus demokratischer Grundlage aufgebaut sind, alle Stände sind in unseren Reihen vertreten, und gerade deshalb müssen wir für die Körperpflege dasjenige wählen, was allen Ständen ermöglicht, sich rückhaltlos und ohne weiteres dieser Pflege hinzugeben. Da gibt es nicht anderes als das Turnen. Einige Vereine haben das Tennisspiel, das Rudern eingeführt; aber das ist nach meiner Ansicht nichts für unsere Jugendvereine. Wir haben das Turnen zu pflegen. In der Regel können nur 8—6 Leute Tennis spielen, dadurch wird nur das Cliquewesen gepflegt, weg damit! Tanzkränzchen, weg damit! Das ist unzweifelhaft, darunter leiden unsere Vereine. Treiben Sie volkstümliche Körperpflege, wie Turnen, Wandern, Turnspiele, evtl, das Rudern, das Schwimmen, aber das kommt erst an die Reihe, wenn das andere da ist. Also ich bitte Sie dringend, nehmen Sie nachher die Leitsätze, die ich Ihnen Vorschlägen werde, an, zunächst das Turnen als Prinzip für die Körperpflege, die die Jugendvereine zu treiben haben, und dann fragt es sich, wie das im einzelnen ausgeführt werden soll. Die konfessionelle und politische Gesinnung hat mit dem Turnen nichts zu tun. Gerade unsere jüdische Jugend ist so turnfreudig. Auffallend ist übrigens, daß sich unter den Akrobaten vorzugsweise Juden finden. — Auf meine oben erwähnte Anfrage haben mir von 76 Vereinen 34 geantwortet, für die Körperpflege sind nicht alle, drei erklärten mir sogar: Wir haben gar kein Interesse für Körperpflege. Es mag dies nur ein Mißverständnis der Fragestelleung gewesen sein. Von diesen 34 Vereinen empfiehlt nur die Hälfte das Turnen mit besonderer Wärme, eigene Turnabteilungen haben 10 von diesen 17. In jüdischen Turnvereinen turnen 4 Vereine; einige auch in allgemeinen Turnvereinen. Die meisten Vereine überlassen es ihren Mitgliedern, ob und wo sie turnen wollen. Der jüdische junge Mann geht nach meiner Erfahrung nicht gern in die allgemeinen Turnvereine. Ich möchte Sie nun bitten zu beschließen, daß Sie damit einverstanden sind, wenn wir unfern Verbandsmitgliedern das Turnen in eigenen Turnriegen empfehlen, auch ohne Rücksicht auf die bestehenden jüdischen Turnvereine, soweit diese religiöse öder politische Ten. denzen verfolgen. Wir haben keine Veranlassung, solche Vereine zu unterstützen, auch keine Veranlassung, denjenigen unserer Mitglieder das Turnen zu versagen, die sich einem der bestehenden jüdischen oder allgemeinen Turnvereine nicht anschließen wollen. Das fordert unsere Neutralität. Ich möchte dann noch ein kurzes Wort sagen, wie ich mir die Tätigkeit einer Turnriege denke. Ich halte eS für wünschenswert, daß das Turnen, wie wir eS hier kennen, und wie es allein erzieherisch wirksam sein kann: das deutsche Turnen uns vorbildlich sein soll. Ich möchte deshalb bitten, daß die Turnabteilungen, die wir gründen, entweder von geschulten Vorturnern, die aus unfern Mitgliedern genommen werden, geleitet sind, oder, wenn das nicht zu haben ist, daß wir einen bezahlten Turnlehrer nehmen, der aber womöglich ein junger Mann sein soll und nicht ein alter Herr. So haben wir cs in Aachen, und wir sind gut damit gefahren. Wir haben 32 aktive Turner. In den letzten 4 Monaten führen wir regelrechte Riegenbücher, es wurde an 16 Abenden geturnt mit einem Durchschnittsbesuch von 15 Mann pro Stunde. Was noch zu bemerken wäre, ist, daß gerade die körperlich weniger Entwickelten mit freudigen Armen in diesen Turnriegen ausgenommen sind, ihrer nehmen wir uns mit besonderer Liebe an. Die gehen aber nicht in einen allgemeine» Turnverein, ganz abgesehen, davon, daß es mit der konfessionellen Neutralität der allgemeinen Turnvereine nicht immer ganz gut bestellt ist. Noch einen Punkt möchte ich erwähnen» der mir bei. nahe noch wichtiger erscheint, als daß gerade beim Turnen alle Stände zusammengeschlossen werden, wie schon ein. gangs erwähnt, und das ist die Pflege desFroh. stnns. Das Turnen fördert den Frohsinn. Wir Juden kennen den Frohsinn nicht in dem Maße, wie wir ihn kennen sollten. Wir Juden sollen fröhlich sein, lassen Sie uns diesen Frohsinn auch in unseren Jugendvereinen kulti. vieren. Ich bitte Sie dringend, fördern Sie auch die Geselligkeit nach dem Turnen. Die jungen Leute mögen ruhig nach dem Turnen sich noch bei einem Glase Bier zusammensetzen. Wir sind nicht auf national-jüdische Lieder, bücher angewiesen, wir haben herrliche deutsche Liederbücher Ich rate Ihnen, die ausgezeichneten deutschen Liederbücher in den Vereinen einzuführen. Als empfehlenswertes Instruktionsbuch bezeichne ich: „Der Vorturner" von Carl Möller." An der Neutralitätsfrage stellte sich die Versammlung einmütig aus den Standpunkt des R.-A. Dr. Mayer (Bonn), der ausführte: „Wir sind uns alle darüber einig, daß wir neutral sein müssen, daß darin der Kernpunkt unserer Daseinsberechtigung liegt. Was versteht man unter Neutralität? ES heißt: sich fern halten von den Kämpfen anderer Leute, weder dem einen noch dem andern der Kämpfenden etwas zuleide tun. Die Jugendvereine sollen neutral sein, das heißt die Jugendvereine als solche. Es ist nicht die Auf. gäbe der einzelnen Mitglieder, sich dem Parteigetriebe fernzuhalten; wir sollen nicht unsere Mitglieder veranlassen, parteilos zu bleiben, indifferent sein für diejenigen Fragen, die an unser jüdisches Empfinden herantreten. Wir hindern unsere Mitglieder nicht, sich dem Parteigetriebe zu widmen. Neutral sein soll m. C. der Jugendverein als solcher. Wie soll er nun seine Neutralität handhaben? 1. dadurch, daß er sich vollkommen enthält, irgendwelche Propaganda für die eine oder die andere Bewegung zu machen, und 2. dadurch, daß er es versteht, sich nicht zu Propagandazwecken inißbrauchen zu lassen. Er soll keine Propaganda machen gegen eine Bestrebung, das wird heutzutage vielfach außer acht gelassen. Es gibt Jugend, vereine, die ihre Aufgabe darin sehen, gegen den Zionismus zu wirken. Das ist gerade so gut ein Verstoß gegen die Neutralität wie das Gegenteil. Das eine ist vom Uebel, das andere auch. Der Vorsitzende hat sich jeder parteilichen Tendenz zu enthalten. Er muß parteilos scheinen parteilos sein darf er nicht —, man kann auch ihm seine eigene Meinung nicht nehmen wollen, aber er muß es verstehen, seine eigene Meinung auszuschalten. In diesem Sinne muß der Vorsitzende handeln, um die Neutralität des Vereins aufrecht zu erhalten, und er wird es auch können, wenn er den guten und ehrlichen Willen dazu hat. U e b e r allen Parteien st e h t doch das Judentum; ans diesem Grunde haben sich ja die Jugendvereine gebildet, darin besteht der Hauptteil ihrer Daseinsberechtigung. Wir haben gemeinsame Ziele, die Ihnen allen' bekannt sind, die Kenntnis der jüdischen Grundsätze^ des jüdischen Lebens, der jüdischen Geschichte; das bedingt ein gemeinsames Zusammenarbeiten im Kampfe gegen die Zurücksetzung, die wir ja immer noch erfahren, wenn nicht in rechtlicher, dann doch in tatsächlicher und gesellschaftlicher Beziehung. Wir wollen dafür eintretcn, daß die einzelnen Juden den: Judentum treu bleiben und nicht davon ab. fallen. Das sind entschieden hohe Ziele, und keine Partei darf sagen, daß es nicht auch die ihrigen sind. Nun muß es natürlich der Vorstand in der Hand haben» über den Parteiinteressen zu stehen, es gibt aber nun einmal Parteien, und es ist kein Bruch der Neutralität, sondern m. E. geradezu eine ideale Neutralität, wenn der Jugendverein

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