Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 5 (1.5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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freudigsten Erscheinungen wnr dann weiterhin Aachen, dessen Verein sich durch seine umsichtige Leitung innerhalb des Verbandes einen besonderen Namen gemacht hat. Mit Hilfe des Jugcndbcreins Aachen und Aachener Damen ist der Aachener Mädchen verein gegründet worden, der, obgleich er der Benjamin unseres Verbandes ist, schon über 200 Damen zählt und heute solches Interesse an unfern Verhandlungen nimmt, das; er zu den hier am zahlreichsten vertretenen Vereinen gehört. Unser so überaus verdienstvoller, ehrenamtlicher Geschäftsführer, Herr Referendar G a tz c r t, hat bei der Gründungsversammlung die Tendcnzrede gehalten. Nach Aachen nenne ich M ü l h e i m a. d. R u h r, das vor 14 Tagen gegründet wurde. Wir haben den Eindruck, das; auch dort keine Beloegung der letzten Jahrzehnte so mit offenen Armen empfangen wurde, wie die unsere. Sie sehen, überall, wohin Ivir kommen, ist Verständnis für die idealen Momente unserer Jugendbewegung vorhanden, überall wird mit beiden Händen zugegriffen. Unser Cölner zweiter Vorsitzender, Herr Paul G o t t s ch a l k, ivar so liebenswürdig, in Heilbronn eine Tendenzrede zu halten. Außerdem hat er Metz besucht, wo ein Mädchenverein existiert. Infolge seiner abgesonderten Lage im äußersten Winkel des Reiches kann Metz sich nicht so gut an unfern Vcrbandsbcstrcbungcn beteiligen, so dass ein häufigerer Besuch dort nötig ist. Wir haben eingesehen, daß auch solchen Vereinen von Zeit zu Zeit unser freundliches Wohlwollen und treues Zusammcnstehen dokumentiert werden muss. Wir sind stolz darauf, die Anregung gegeben zu haben, das; die süddeutschen Vereine sich zu eine:» Bezirksverbande zusammengeschlossen haben. Heute nach V« Jahren ist das, was wir damals anregten, in die Tat umgesetzt worden, obwohl es damals als Utopie angeschen worden war. Herr Spangenthal, Frankfurt a. M., wird nachher über diese neueste Gründung Aufschluß geben. Eine weitere Neugründung ist Recklinghausen in Westfalen. Auch dieser Verein hat sich dem Gesamtverband bereits angeschlossen. Wir möchten in dieser Gegend mit Essen Hand in Hand arbeiten und möchten Vereine, die so hoch gelegen sind, auch dann aufnehmen, wenn sich keinerlei Schwierigkeiten geltend machen. Dann hat sich G e l s e n k i r ch e n vor 14 Tagen nnserm Verband angcschlossen. Weiter berichte ich über Bingen. Herr Rechtsanwalt S t r a n fe, den ich hier begrüße, war so liebenswürdig, sich mit den vorbercitendcnArbciten fttrBingen zu befassen, und ich glaube, daß in Bingen allein schon tvegen seiner Lage und wegen der Mitarbeiter, die sich uns zur Verfügung gestellt haben, unsere Vereinigung recht bald festen Fuß fassen wird. Allerdings nicht allüberall ist unsere Arbeit mit Erfolg gekrönt gewesen; von einigen Plätzen haben wir überhaupt keine Antwort bekommen, so von Witten a. d. Ruhr, einem Platze, der eine große jüdische Bevölkerung besitzt, sich aber bisher unfern Bestrebungen gegenüber ablehnend verhalten hat. Wir hoffen trotzdem, demnächst auch dort Erfolg zu haben. Sie sehen, meine verehrten Damen und Herren, daß das, was an Neuland gewonnen ist, ziemlich erfreulich ist, daß wir begründete Hoffnung haben, daß auch in nächster Zeit weitere Gründungen hier im Westen erfolgen werden. Das Prinzip aller BczirkSverbände ist: Entlastung der Zentralstelle; ich glaube, daß tvir die Entlastung Berlins nach Möglichkeit betrieben haben. Eines noch möchte ich zur Diskussion stellen: Bei den Reisen, die verschiedene Herren' und Damen gemacht haben, ist uns aufgefallen, daß leider das platte Land hier in Rheinland und Westfalen nicht genügend von unserer Bewegung ersaßt wird. Es ist natürlich nicht möglich, an Plätzen, wo 0, oder 10 junge Leute sind, eine Ncugründung vorzunehmen; aber ich möchte nachher zur Diskussion stellen, ob eS nicht auf dem Wege der Z w e ck v e r b ä n d e möglich wäre, derartige kleine Plätze zusammciizufasien durch gelegentliche Veranstaltungen, oder doch so, daß große Vereine, die ein weites Hinterland haben, diese kleinen Plätze zu gelegentlichen Veranstaltungen innerhalb ihres Vereins zusammenrufen, um so unsere Arbeit auch dem platten Lande zugute kommen zu lassen. Eine andere Erscheinung halte ich für eminent wichtig: die deutschen und besonders die englischen Missions - gesellschaften. Sie haben es auf die jüdische Jugend auf dem platten Lande abgesehen. Gegen die Art, wie hier Missionsleute sich einschleichen, muß doch einmal vorgegangen werden. Im Hunsrück haben, wie berichtet wird, Missionare den jüdischen jungen Leuten hebräischen Unterricht gegeben, Vorträge in den Synagogen gehalten, um scheinbar die Leute der jüdischen Religionsgemeinschaft zu erhalten; hinterher kommt dann der Teufelsfuß: Es ist nichts als verkappte Mission. Die ganz entlegene Lage des Hunsrück bringt es mit sich, daß wir nicht immer Gelegenheit haben, dort mit der Blendlaterne hineinzuleuchten. Darum möchte ich diese hochwichtige Sache der Aufmerksamkeit derjenigen Vereine, die nahe am Hundsrück liegen, dringend empfehlen. Man muß aufklärend dahin zu wirken suchen, daß dies nichts ist, als eine ganz elende Seclcnfängerei. Unser Verhältnis zu den anderen Bezirksverbänden habe ich bereits kurz gestreift. Mit dem Essener Verband (Industriegebiet) haben wir gut gestanden, desgleichen mit Frankfurt am Main (Südwestdeutschland) und mit Hannover (Nordwestdeutschland) freundschaftliche Beziehungen unterhalten, ebenso mit Cassel (Mitteldeutschland). Wir haben uns gegenseitig Ratschläge gegeben, wie wir arbeiten sollen. Wir haben Berlin, auf Wunsch des dortigen Jugendvereins, unser statistisches Material zur Verfügung gestellt. Wir haben geraten, in Berlin mehrere Jugendvereine zu gründen. Ich komme nun zum zweiten Hauptpunkt meines Berichtes: Die Innen arbei t. Ich denke da zunächst'an unsere Rednerliste und welche Namen darauf stehen. Wir dürfen mit großer Genugtuung konstatieren, daß so viele gute Kräfte sich unentgeltlich in den Dienst unserer Jugendbewegung gestellt haben, und den einzelnen, auch noch so kleinen Vereinen zur Verfügung stehen. Ich möchte an die Delegierten den Wunsch richten, das; sie darauf Rücksicht nehnien, daß unsere Rednerliste nicht für die O e f f e n t l i ch k e i t b e st i m m t i st, da wir unsere Vereine unter der Nichtbeachtung dieser Vorschrift leiden sehen. Es ist vorgekommen, daß wir Redner haben wollten, die dann versagt und nicht zu haben waren, da Vereine, die gar nicht zum Verband gehören, sich diese Redner kommen ließen. Darum muß die Rednerliste vertraulich gehalten werden, damit Vereine, die dein Verband nicht angehören, keinen Gebrauch davon machen können. Das geht auch schon aus dem Grunde nicht, weil wir uns selbst schaden, wenn gar zuviel und häufig an das Entgegenkommen der Redner appelliert wird. Wir haben, um jenem Mißstand vorzubeugen, gebeten, dem Vorstand von jedem Redner, der in Anspruch genommen wird, Mitteilung zu machen. Wir haben mehrfach wiederholt schreiben müssen, ohne eine Antwort zu erhalten. Wenn Sie das Programm der Vereine sehen, so müssen Sie sagen, daß hervorragend gut gearbeitet worden ist, was aber nicht ausschließt, daß noch manches besser werden könnte. Wir hatten beschlossen, daß sämtliche Vereine ihre Drucksachen der Zentralstelle einsenben sollten; das ist nicht immer geschehen. Das ist aber notwendig, damit wir sehen, ob nicht vielleicht irgendein Verein zurückblcibt, dem wir dann gern von unserer Liste Redner oder Künstler zur Verfügung stellen. Das geistige Leben in den Vereinen ist sehr ausgeprägt und vertieft worden; darauf kommt cs aber auch vor allen Dingen an. Jede Gegenwartsfrage mutz innerhalb der Jugendvereine angeschnitten und diskutiert werden, es gibt nichts, was davon ausgeschlossen werden soll; nur muh - selbstverständlich — jede agitatorische Tätigkeit vermieden werden. Erfreulicherweise ist das auch so gchandhabt Ivorden: Kein Verein hat einseitige Tcndenzpolitik getrieben. - Nachdem wir so 6