Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 5 (1.5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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daß scheinbar bei den Debatten es zur Gewohnheit geworden ist, das Gegensätzliche in den Ausfassungen verschiedener religiöser oder politischer Richtungen in einer Weise zum Ausdruck kommen zu lassen, die alles andere als einen sachlichen Anstrich hat. Es leidet hierunter bedauerlicherweise das persönliche Einvernehmen der einzelnen Mitglieder; es leidet hierunter aber auch nicht selten das gedeihliche Zusammenarbeiten für das Vereinswohl. Nun bin ich wahrhaftig der letzte, der dafür plädiren wollte, daß man prinzipielle Debatten möglichst vermeiden sollte. Nein, diese Konsequenz sollte man nicht ziehen. Aber m) habe die Beobachtung gemacht, daß durch die Gegenwart und noch mehr durch die aktive Beteiligung unserer Damen jenen Auseinandersetzungen viel von der früheren Schärfe genommen wird. Deshalb proponiere ich, daß die Vereinsleitungen noch mehr als bisheran sich bemühen, die passive oder noch besser -aktive Anteilnahme der edlen Weiblichkeit an den bezeichneten Diskussionen zu veranlassen. „Denn wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da gibt es einen guten Klang." Sollte nun der Einwand erhoben werden, daß in dem gegenwärtigen Stadium der Entwickelung die Schulung unserer jungen Damen, und speziell der jüngsten unter ihnen, in allgemeiner und vereinstechnischer Hinsicht noch nicht so weit fortgeschritten ist, daß sich ein Wettbewerb der Geschlechter innerhalb eines Vereinsganzen empfehlen würde, so möchte ich auch dies Bedenken beseitigen. Ich bringe nämlich ein Hilfsmittel in Vorschlag, das sich bereits in ähnlichen Fällen bewährt hat. In der ersten Zeit der Existenz des Kölner „Jugendvereins Gabriel Rießer" fanden sich regelmäßig einige Tage vor dem'Stattfinden eines Vortrages, zu dem man eine größere Öffentlichkeit erwarten durfte, etwa ein Dutzend jüngerer Vereinsmitglieder zu einer Uebung zusammen, bei welcher das Thema des nächsten Vortrags in knapper Form behandelt und dann in eine Diskussion eingetreten wurde. Der Erfolg dieser einfachen Uebung war, ganz abgesehen davon, daß hier mancher Debatter für ein größeres Forum geeicht wurde, der, daß hier den Neulingen Gelegenheit geboten wurde, sich sine ira et studio über alles Wissenswerte zu informieren. Ich denke, daß ein solcher Zirkel auch ruhig von unseren weiblichen Vereinsmitgliedern begründet werden dürfte. Er hat seine großen Vorzüge vor einem Verein, der eine beträchtliche Inanspruchnahme bedingt unb von dem vorher skizzierten Standpunkt aus nicht wünschenswert erscheint. Welche Gründe aber werden f ü r die Trennung der männlichen und weiblichen Jugend angeführt? Sie sind leicht zusammenzufassen. Einmal wird die Ansicht vertreten, so auch von Fräulein Berliner, daß in den ganz großen Städten gemischte Vereiite immer tmmöglich seien, weil eine zu große Mitgliederzahl eine gedeihliche Arbeit ausschließe. Ich muß gestehen, daß ich mich von der Undurchführbarkeit der Koedukation nicht habe überzeugen können. Und für die Mittelstädte, in denen doch die Mehrzahl unserer Jugendvereine ihren Sitz hat, soll der Einwand ja auch nicht gelten. Nun muß auf den Hauptstreitpunkt des ganzen Problems eingegangen werden. Fräulein Berliner sagt darüber: „Und selbst in Städten, wo eine Verschmelzung an und für sich vielleicht ganz gut möglich wäre, scheitert sie daran, daß der Jugendverein nicht will. Wir können aber mit der Organisation der Mädchen nicht warten, bis dieser Widerstand gebrochen ist." Sollte wirklich die hier angedeutete Abneigung der Jugendvereine, resp. ihrer männlichen Mitglieder, gegen die Aufnahme von weiblichen Mitgliedern in der Mehrzahl unserer Vereine bestehen? Ich verneine dies. Ja, es ist tieftraurig und stellt den betreffenden Persönlichkeiten kein günstiges Zeugnis aus, wenn es in einem sonst vorzüglichen Verein (nomina sunt odiosa) möglich war, daß die beiden Vereinsvorsitzenden ihre Demission androhten für den Fall, daß der Antrag auf Zulassung der Damen als ordentliche Mitglieder Annahme fände. Derartige Verhältnisse aber hatte jedenfalls Fräulein Berliner vor Augen, wenn sie glaubte, daß die Jugendvereinsbewegung so wenig fortschrittlichen Ideen huldigte, daß gegen die Koedukation allgemein prinzipieller Widerstand bestehe. Es hat sich auch dort, wo Damen seit Jahren als Mitglieder der Jugeitdvereine zuge- * lassen sind, gezeigt, daß die anfangs befürchteten Folgen (der Verein möchte in ein seichteres Fahrwasser geraten oder am Ende gar bloß ein „unentgeltliches Heiratsbureau" werden) ganz tmd gar nicht eingetreten sind. Im Gegenteil haben sich die Damen in diesen Vereinen ein Bildungsniveau angeeignet, das vorbildlich genannt zu werden verdient. Die bisher resistenten Vereine dürften daher, wenn sie sich jetzt entschließen sollten, künftig auch dein weiblichen Geschlecht einen Platz an der Sonne zu gönnen, ebenfalls gute Erfahrungen machen. — — Die Organisation der weiblichen jüdischen Jugend sollte jetzt beschleunigt in Angriff genommen werden. Denn in dieser Sache zögern, hieße, die Zukunft unserer Gemeinschaft vernachlässigen. Unserer Generation, die vielfach jeglicher jüdischen Tradition ermangelt, muß mit Fleiß und Liebe ein neuer Nährboden geschaffen werden, und nicht in letzter Linie gilt dies für den weiblichen Teil der jüdischen Jugend. Unsere Jugendbewegung, die für sich in Anspruch nehmen darf, daß ihr nichts Jüdisches fremd sein soll, muß in ihre Reihen auch die Trägerinnen der jüdischen Zuftmst aufnehmen, auf daß junge Juden und Jüdinnen mit vereinten Anstrengungen ihrem Volke eine glückliche Zukunft bereiten. 8