Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 5 (1.5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Organisation der weiblichen jüdischen Jugend. Bon Berthold H a l l e n st e i n. Mit lebhaftem Interesse habe ich den in der Stummer dieser Zeitschrift publizierten Vortrag über „Die Organisation der weiblichen jüdischen Jugend" gelesen, den Fräulein stack. rer. pol. Cora Berliner gelegentlich des II. Delegiertentages des Bezirksverbandes der jüdischen Jugendvereine Nord- und Westdeutschlands gehalten hat. Eigentlich bedarf es wohl einer Entschuldigung, wenn ein Angehöriger masculini generis überhaupt den Versuch wagt, zu dieser Frage das Wort zu ergreifen. Denn die liebenswürdige Verfasserin des mir vorliegenden Aufsatzes bittet uns zu überlegen: „Werden die Vereine, die zum größten Teil aus jungen Leuten bestehen, die geeignete Schule sein, uns Führerinnen heranzubilden?" Und die Fragestellerin scheint als sichere Antwort ein laut vernehmliches „Nein!" zu erwarten. Ich bedaure indes, in meiner Eigenschaft als „alter Praktiker" der Jugendvereinsbewegung diese Erwartung enttäuschen zu müssen, und ich vermute sogar, daß die Mehrzahl der Sachverständigen meiner Ansicht beipstichten wird. Ich meine also: Innerhalb der bestehenden 'Jugendvereine soll die weibliche jüdische Jugend organisiert werden. Gegen die Ausführungen und Thesen von Fräulein Berliner im allgemeinen läßt sich nicht viel einwenden; dieselben beweisen seltene Sachkunde und verdienen Anerkennung. Umsomehr scheint es mir verdienstlich zu sein, der Frage der gemeinsamen oder getrennten Heranbildung der jüdischen Jugend besondere Beachtung zu schenken. Zu diesem Punkte begnügt sich die Referentin mit der Feststellung, daß die Frage nicht generell zu entscheiden sei, weil die Verhältnisse in den einzelnen Gemeinden viel zu verschieden seien. Ich halte dies nicht für richtig. Zweifellos ist das Emporblühen unserer Jugendvereine an vielen Orten davon abhängig, daß auf die lokalen Verhältnisse, auf gesellschaftliche und sonstige Vorurteile bis zu einem gewissen Grade Rücksicht genommen wird. Aber andererseits besitzt unsere junge Bewegung auch heute schon eine Anzahl Grundpfeiler, auf die wir stolz sind, und die wir nicht gegen andere Stützpunkte von zweifelhaftem Werte herzugeben gesonnen sind. Zu den ersteren rechne ich das allein vernünftige Prinzip der Neutralität in dem Sinne, daß unsere Vereine allen religiösen und politischen Richtungen innerhalb des Judentums uneingeschränkten Spielraum gewähren. Der Verband der jüdischen Jugendvereine würde dort, wo von diesem Grundsätze wesentlich abgewichen werden sollte, sofort ein energisches Machtwort zu sprechen haben. Als eine beinahe ebenso bedeutsame Grundlage unserer Bestrebungen wie die Neutralität betrachte ich die Vereinigung der männlichen und weiblichen jüdischen Jugend in einen beiden Gruppen gemeinsamen Verein. Die theoretischen und praktischen Gründe des von mir eingenommenen Standpunktes will ich' in Kürze darzulegen versuchen. Prinzipiell halte ich die Existenz einer besonderen Frauenorganisation nur in denjenigen Fällen für berechtigt, in welchen es sich darum handelt, bestimmte, nur dem weiblichen Geschlecht eigentümliche Forderungen durchzusetzen oder einen Einfluß solcher Art auszuüben, wie er der besonderen natürlichen Veranlagung der Frau entspricht. Als Beispiele führe ich den „Verband für Frauenstimmrecht" und den „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" an, welch letzterer unter anderem in der Krankenpflege ein Feld seiner Tätigkeit erblickt. Die Aufgaben und Arbeitspläne der männlichen und weiblichen jüdischen Jugend jedoch sind in der gleichen Richtung gelegen. Wollte man auf kleine Besonderheiten unserer jungen Damen Rücksicht nehmen, so müßte man billigerweise auch die aus der beruflichen und sozialen Schichtung der männlichen Jugend resultierenden Verschiedenheiten berücksichtigen und käme dann womöglich dazu, rein akademische und rein kaufmännische Jugendvereine ins Leben zu rufen. Daß ein derartiges Beginnen vollständig im Gegensatz zu unserem höchsten Ziele, dem Streben nach jüdischer Einheit, sich bewegen würde, bedarf wohl keiner weiteren Auseinandersetzung. Aber auch die positiven Vorteile einer „Koedukation" (wenn mir der Einfachheit halber im folgenden dieser Ausdruck gestattet ist) von jüdischen jungen Männern und Mädchen sind recht erheblich und nicht zu unterschätzen. Hierbei liegt nun nicht etwa der geheime Wunsch zugrunde, daß unsere Damenwelt durch übermäßig intensive Beteiligung an unseren Debatten sich zu streitbaren jüdischen Amazonen entwickeln möge. Das ist nicht beabsichtigt. Wohl aber könnte es, so meine ich, der weiblichen Jugend förderlich und erwünscht sein, wenn sie Gelegenheit erhält, sich ein selbständiges Urteil über die mannigfachen Fragen wissenschaftlicher oder parteipolitischer Natur zu bilden, welche in unseren Vereinen zur Erörterung gelangen. Und ohne die Intelligenz und Routine der als Führerinnen für eine weibliche Jugendorganisation in betracht kommenden Damen gering zu achten, darf ich es aussprechen, daß eine erfolgreiche Ausbildung der weiblichen Jugend in dem angedeuteten Sinne in einem allgemeinen Jugendvereine eher gewährleistet ist als in einem Frauenklub. Von der Koedukation verspreche ich mir aber auch viel in folgender Beziehung. Es ist in manchen Vereinen mitunter von Besuchern der Diskusfionsabende unangenehm empfunden worden. / / / 2