Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 1 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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{**■ Offener Krief an Herr» Hans Klötzel, Ahlem. Lieber Herr Kollege! Der Junglehrerschaft angehörend — um so mich legitimierend einzuführen — erlaube ich mir, zu Ihrem Artist! „Jugendverein und Junglehrerschaft" Stellung zu nehmen. Und wenn ich dies in Form eines offenen Briefes tue, so geschieht es nur aus dem Grunde, um allen denen, gegen die Ihre (meiner Ansicht nach) ungerechten Vorwürfe gerichtet sind, zu zeigen, daß bei Wahrung aller Kollegialität ein Kollege anderer Ansicht ist und sich verpflichtet fühlt, diese Vorwürfe zurückzuweisen. Uebereinstimmend mit den trefflichen Ausführungen unseres Verbandsvorsitzenden Rektor Feiner betreffend des Gegensatzes zwischen Jungen und Alten, wende ich mich gleich zur Hauptsache. Sie rufen der Junglehrerschaft zu: sie möge sich dessen immer mehr bewußt sein, „daß gerade der junge Lehrer die sehr dringende Pflicht, nicht ,Einer unter Vielen' sondern ,Einer über Vielen' zu sein, daß er in einem idealen Konkurrenzkampf aufzutreten habe mit dem Akademikerstande, der heute die Hegemonie in den Jugendvereinen hat". Wozu, lieber Herr Kollege, brauchen wir innerhalb der Jugendvereine im allgemeinen und der Jugendbewegung überhaupt einen idealen Konkurrenzkampf Mischen Akademikerstand und Lehrerstand und zu welchem Ende würde ein solcher Kampf führen? Genügt es Ihnen nicht, daß sich innerhalb dieser großen, bedeutenden Bewegung, auf welche die ganze Judenheit mit Stolz blickt und blicken darf, daß sich hier die einzelnen Parteien bekämpfen? Sollte dieser herrliche Zusammenschluß der jüdischen Jugend in Wirklichkeit nichts mehr bezwecken als ein gegenseitiges Aufreiben durch die Kämpfe der Parteien und Stände, welche wiederum nur geführt werden, um Herr^schgelüste zu befriedigen? Oder glauben Sie, daß ein jüdischer Jugendverein nur dann seinen Namen verdient, wenn ein Lehrer oder Rabbiner an der Spitze steht? Wie schön ist das gerade bei unserer Bewegung gegenüber den gleichen Vereinen der beiden anderen Konfessionen! Ich weiß nun nicht, ob Sie der Delegiertenversammlung in Hannover beigcwohnt haben. Unter den 100 Delegierten waren außer meiner Wenigkeit nur noch zwei Kollegen und ich gestehe Ihnen offen, daß ich mir und auch nieinem Nebensitzer zur Linken — unserem wackeren „alt-jungen" Kollegen Abel-Lörrach — die Frage vorlegte: sind wohl noch mehr Kollegen da? Aber dies nur aus Neugierde. Es waren also größtenteils Akademiker vertreten. Deshalb gestehe ich Ihnen mit der gleichen Offenheit, daß ich nie in meinem Leben diese imposante Versammlung vergessen werde, wo die akademische Jugend, welche jahrelang abseits vom Judentum stand und nichts von demselben wissen wollte, in glühender Begeisterung sich zu ihm bekannte und dadurch eine Einigkeit und Geschlossenheit verkörperte, die in mir den Eindruck erweckte: das ist „die erste steigende Welle einer neuen Flut jüdischen Lebens". Und nun, lieber Herr Kollege, ist es nicht erhebender und befriedigender, wenn wir sehen, unser Unterricht zeitigt solch schöne Früchte, daß unsere jüdische Jugend selbst zu dem Bewußtsein gekommen ist: wir sind Juden und wollen das Judentum erhalten, indem wir uns zusammenschließen, als daß wir glauben und befürchten müssen, das Judentum leidet Not, wenn wir nicht auch Führer der jüdischen Jugendvereine sind? Ich meine also, wozu ein Kind noch bemuttern, wenn man steht, daß es wirklich den von der Mutter geplanten Weg eingeschlagen hat? Mit Recht lassen sich unsere Jugendvereine keine Führer aufdrängen, die nur Standes- und Parteiinteressen verfolgen, sondern wählen nur solche, die ihre ganze Persönlichkeit für die Sache einsetzen. Unsere jüdische Jugend in unseren Jugendvereinen ist heute so vernünftig, daß sie in speziell jüdischen Angelegenheiten, wo ihr die ausreichende tiefere Kenntnis feblt, stets den jüdischen Lehrer oder Rabbiner zu Rate zieht und wenn sie sieht, daß diese Männer tatsächlich ihre ganze Persönlichkeit nur für die Sache einsetzen, dann wird man nirgends davon Abstand nehmen, einen solchen an die Spitze zu stellen. Und schließlich möchte ich Sie nur noch fragen: warum bringen Sie diesen Appell gerade an dieser Stelle, wo doch leider so wenige Kollegen diese „Mitteilungen" lesen, und warum gerade in einer Zeit, wo tut ganzen Deutschen Reich bei allen jüdischen Lehrerversammlungen das Thema behandelt wird: „Die Fürsorge des Lehrers für die schulentlassene Jugend"? Ich stehe seit acht Jahren in der Jugendbewegung und glaube — so unbescheiden es auch klingt — einen gewissen Einblick in die Sache bekommen zu haben. Und weil diese Sache öffentlich ist, habe ich auch öffentlich zu Ihnen gesprochen. Mit kollegialem Gruß! Leo Adler 1. Vorsitzender des Berthold Auerbach-Vereins, Stuttgart. Küchervesprrchungen. Locwenberg, I.» Aus jüdischer Seele. Beklag M. Glogau jr. Hamburg. III vermehrte Auflage. Das treffliche Buch von Loewenberg, das bei seinen früheren Auflagen in der Presse eine überaus günstige Aufnahme gefunden hat, liegt jetzt in dritter, vermehrter Auflage vor. Wir haben bereits in unserem Katalog für jüdische Jugendvereine das Buch besonders empfohlen; 'wir freuen uns, diese Empfehlung erneuern zu können. Für unsere Jugendvereine sind die Gedichte LoewenbergS, die tatsächlich mit jüdischer Seele tief empfunden, eine wahre Bereicherung ihrer Bibliotheken. Die einzelnen Gedichte ergreifen und veredeln. Es wäre zu wünschen, daß die Jugend bei ihren Vereinsveranstaltungen von dieseg herrlichen Gedichten öfters Gebrauch macht. _ E. F. Ludwig Philipps»». Sein Leben und sein Werk. Ein Buch für Jung und Alt, Berlin 1912. Verlag von Luis Lamm. Im richtigen Augenblick, zum hundert st en Geburtstag Ludwig Philippsoit's erscheint ein Lebensbild des verdienten Streiters für das Recht der Juden und Vorkämpfers des kulturellen und religiösen Fortschritts unter unseren Glaubensgenossen aus der Feder des als Biograph bereits bewährten Rektor Josef Feiner in Hamburg. In begeisterten Worten schildert Feiner die Persönlichkeit Philippsons, insbesondere erkennt man das reiche Gemütsleben, die Ueberzeugungstreue und die Begeisterung Ludwig Philippsons für den Väterglauben und für die hohen Ideale des Judentums. Wir können allen unseren Lesern die Schrift Feiner» aufs wärmste empfehlen. Sie werden dadurch einen Einblick in das gesanite jüdische Leben des vorigen Jahrhunderts gewinnen, das der Tatkraft Ludwig Philippsons und seinen fruchtbaren Ideen soviel verdankt. Sie werden dort gar manche Anschauung und Anregung finden, die uns heute überaus modern erscheint, und werden erkennen, wie stark unsere Gegenwart durch Philippsons Ideale beeinflußt ist. —n. 7 —