Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Journal
- Mitteilungen des Verbandes der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands
- Volume
- 3 (1912)
- Issue
- 1 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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zu einem gleichen Appell an die große russische Oeffentlichkeit entschlossen, in einer Kundgebung, die sich gegen den Ritualmord-Abcrglauben wendet und die antiseinitische Brunnenvcrgiftung und beit scheußlichen Mißbrauch, den die antiseinitische Agitation mit diesem Märchen treibt, verdientermaßen an den öffentlichen Pranger stellt. Der Brutalität des russischen antisemitischen Regimes scheint nun aber ein! Gegner zu erwachsen, mit dem man wohl nicht so leicht fertig werden wird, wie selbst mit der öffentlichen Meinung aller Kulturvölker. Seit Jahrzehnten sind auch in Deutschland Bestrebungen im Gange, die sich gegen die von russischer Willkür geübte und gegen klare Bestimmungen des Handelsvertrages verstoßende unterschiedliche Behandlung von Bürgern deutscher Staatsangehörigkeit, je nachdem es sich um solche jüdischen oder christlichen Glauben handelt, wenden. Die ersteren werden, auch wenn sie Staatsangehörige und zwar gleichberechtigte Deutschlands sind, bei Reisen nach Rußland ähnlichen Schikanen und Vexationen ausgesetzt, wie die einheimischen russischen Juden. Der Appell an unsere Regierungsbehörden, uns in unserem Rechte auf gleichmäßige Behandlung als deutsche Staatsbürger gegenüber der russischen Regierung zu schützen, ist bislang noch immer ohne Erfolg geblieben, weil Rußland die Behandlung von Angehörigen anderer Staaten, die in ihrem ungastlichen Lande zu weilen genötigt oder gewillt sind, als eine innere russische Angelegenheit betrachtet. Energischere Seiten aufzuziehen, scheint nun das große Freiheitsland Amerika geivillt. Präsident Taft hat eben den ganzen Handelsvertrag mit Rußland gekündigt, weil das Reich Väterchens von der Schikauierung und Brüskierung amerikanischer Bürger, soweit sie Juden sind, und soweit sie nach Rußland kommen, nicht Massen will. Dieser energische Schritt zugunsten unserer amerikanischen Glaubenbrüder hat die Billigung des amerikanischen Senats erhalten; und mag die Aktion Amerikas auch durch Rücksichten auf die nächste Präsidentenwahl beeinflußt sein, die außerordentlich große Bedeutung dieses Eintretens der amerikanischen Regierung für das verletzte Recht seiner Staatsangehörigen jüdischen Glaubens kann nicht, wenn wie zu erwarten, das Ziel mit eiserner Konsequenz durchgesetzt wird, verfehlen, auch von den heilsamsten Folgen in anderen Kulturstaaten sein. Wie kräftig der Schlag von den echtrussischen Leuten gefühlt wird, das leuchtet aus der maßlosen Wut und dem ingrimmigen Geschimpfe der echtrussischen Leute, der antisemitischen Gruppen und deren Bandenführers Purischkewitz. Einstweilen sträubt man sich in der judenfeindlichen russischen Regierung mit Händen und Füßen gegen die amerikanische Forderung der gleichen Behandlung aller amerikanischen Bürger in Rußland, mögen sie nun christlichen oder jüdischen Bekenntnisses sein, aber trotzdem besteht die Hoffnung, daß in das echtrussische System nunmehr durch Amerika Bresche gelegt werden wird und dann die anderen Kulturstaaten dem amerikanischen Beispiel werden folgen müssen. Mit aufrichtigem Bedauern waren die Juden wohl aller Länder Zeugen des Konfliktes zwischen zwei Staaten, denen bisher zugleich unsere Sympathien zugewandt gewesen sind. Wir meinen des türkisch-italienischen Krieges. Wenn der Zionistenftihrer Max N o r d a u auf dent letzten Baseler Kongreß Italien die aufrichtigste Ancrkennung für die tatsächliche Vollwertung der italienischen Juden nicht vorenthielt, so hatte er damit sicher nur das ausgesprochen, was alle Juden aller Länder empfanden. Um so schmerzlicher mußte mau das gewaltsame Vorgehen Italiens gegen die Türkei empfinden, dem erst recht unsere Sympathien gelten. Wir Juden können nicht, noch wollen wir vergessen, die traditionelle Toleranz der Türkei, die sie allzeit unseren Glaubensgenossen entgegenbrachte, auch zu jenen Zeiten der Finsternis und der konfessionellen Verfolgunassucht, als unsägliches Elend die Juden durch die Lande jagte, zu jener Zeit, als die Scheiterhaufen lohten, auf denen herab aus den „brennenden Menschenfackeln" die Glaubensstärke und Glaubenstreue unserer Ahnen in alle Ewigkeiten hinausleuchteten. In türkischen Landen fanden sie eine geruhige Heimat, nie ist der türkische Boden den Juden zur Hölle gemacht worden. Andererseits freilich schließt die Sympathie mit der Türkei, die wir übrigens wohl nur im Einklang mit der öffentlichen Meinung des größten Teiles des deutschen Volkes empfinden, keineswegs ein Gefühl der Feindseligkeit gegen Italien ein. Man braucht auch nicht zu verkennen, daß unsere tripolitanischen Glaubensgenossen vielleicht schneller der europäischen Kultur zugeführt werden würden, wenn Tripolitanieu italienischer Verwaltung unterstände. Allein wie verschieden immer Temperament und Wollen des einzelnen die Parteinahme bedingen mögen, in jedem Falle bedauern wir, daß die Juden beider kriegführenden Mächte die Schrecknisse und die wirtschaftlichen Schäden, die jeder Krieg im Gefolge hat, durchzukosten haben. Tausenden italienischer Juden, die in der Türkei leben, dürfte die Existenz gefährdet, wenn nicht untergraben werden, und die Kämpfe in Tripolis und um Tripolis haben auch jüdisches Blut gekostet, wie bekannt ist. So mag die Rückschau hierauf von dem Ausdruck der Hoffnung ergänzt sein, daß es bald zu einem der Gerechtigkeit entsprechenden Frieden konnnen möge. Denn die Ersehnung des Friedens der Völker und Menschen ist ja eines der köstlichsten Güter, dessen Erstrebung die j ü d i s ch e Lehre heischt. Albert Jacoby. 6