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Der Jugendbund · 1932-07-01 · 2 (7.1932) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
18 (1932)
Issue
2 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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unter uns von der anerkannten Repräsentanz des deutschen Mit dem Aufdruck vorzüglicher Hochachtung und besten Judentums seit Jahr und Tag in sich tragen. Wünschen Religion und Politik Die Fronten haben sich verschoben. Kamen die Zweifel an der religiösen Sinngebung des Lebens bislang vor allem aus dem Bereich der aufklärerisch eingestellten Naturwissenschaft, so muß festgestellt werden, daß diese Argumentationheute nicht mehr im Brennpunkt jugendlicher Diskussionen steht. Damit soll keineswegs übersehen werden, daß im Leben jedes jungen Menschen ein Zeitpunkt kommt, da er glaubt, aus Gründen wissenschaftlicher Reinlichkeit dem alten Väterglauben Valet sagen ru müssen. Die täglich fortschreitenden Erkenntnisse auf allen Gebieten der Physik, Chemie und Biologie beeindrucken den modernen Menschen nach wie vor so stark, daß er allzuwillig bereit ist, die religiöse Deutung des Lebenszusammenhanges ins Reich der Fabel und der Sage zu verweisen. Trotzdem darf gesagt werden, daß sowohl die Selbstbegrenzung, die sich die Naturwissenschaft, auf Grund einer objektiven Einsichtnahme in das ihr mögliche Arbeitsgebiet auferlegt hat, als auch das bessere Verständnis, das die Religion für die naturwissenschaftlich anmutenden Stellen der Bibel in Bereitschaft hält, wesentlich zur Entspannung der gegenseitigen Kampfstimmung beigetragen haben. Man weiß heute wieder, daß die Religion die Ergebnisse der Naturwissenschaften keineswegs zu fürchten braucht. Und andererseits gibt es wieder, um es einmal populär auszudrücken. Gebildete, nicht zuletzt sogar Akademiker, genug, die trotz ihres naturwissenschaftlich unterbauten Weltbildes an das Dasein Gottes1 in dem Ernst des von der Bibel gesagten Wortes glauben. Die Gegnerschaft vieler Jugendlichen zur religiösen Position kommt heute aus einer ganz anderen Richtung. Als Feinde Gottes bezeichnen sich besonders gerne jene Menschen, die in- und außerhalb der sozialistischen Parteien für eine gerechtere Wcltordnung. für eine menschenwürdigere Wirtschaftsgestaltung kämpfen. Ob, von einem höheren Standort aus gesehen, ein solches Unterfangen wirklich als religionsgegnerisch bezeichnet werden muß, ist aber doch /sehr fraglich. Es könnte sehr wohl sein, daß in solcher revolutionär eingestellten Jugend der Funke Gottes glühender brennt als bei vielen saturierten Bürgern, deren ' Lippen von religiösen Worten triefen, die aber von der Umgestaltung der Welt im Sinne der biblichen Forderungen bei weitem nichts wissen wollen. Nun ist die Berufung auf das Wort der Heiligen Schrift in vielen^Kreisen heutiger Jugend nicht beliebt. Es herrscht dort die Auffassung, daß geschickte Theologen das biblische Wort allzuoft gedreht und verdreht haben. Wenn man bedenkt, was z. B. völkisch eingestellte Geistliche aus der Bibel herauszulesen imstande sind, so wird man diesen Argwohn zum mindesten verstehen können. Wie kritisch man aber auch immer zur Auslegungskunst zünftiger Theologen stehen mag. über allem Zweifel erhaben ist die Erkenntnis, daß es das Hauptanliegen der Heiligen Schrift ist, dem Menschen den Weg zur sozialen Gerechtigkeit zu weisen. Dem einen Gott, wie ihn die Bibel lehrt, kann nur die in Wahrheit und Gerechtigkeit geeinte Völkergemeinschaft entsprechen. Es erhebt sich darum die Frage, ob die in unserer Zeit fast schon selbstverständlich gewordene Feindschaft zwischen den sozialistischen und religiösen Gemeinschaften verewigt werden muß. Wir haben in diesen Blättern des öfteren darauf hingewiesen, daß es bereits einen Menschenkreis gibt, der, ohne die vorhandenen Widersprüche überkleistern zu wollen, mit Mut die unüberwindlich erscheinenden Gegensätze zu überbrücken versucht. Es ist dies der „Bund religiöser Sozialiste n". Man würde die Struktur des Bundes durchaus verkennen, wollte man annehmen, es handle sich dabei um eine Gemeinschaft beschaulicher Menschen, die in theoretischer Auseinandersetzung die Möglichkeit der Vereinbarung von marxistischer Lehre und religiöser Wellbefrachtung erwägen. Dort werden für die Sache der sozialen Erneuerung der Welt mindestens so viele Opfer gebracht wie in den Reihen der politischen Parteien. Ein Mann wie R a g a z , der Führer der Schweizer religiösen Sozialisten, hat sein akademisches Lehramt und seine kirchliche Stellung aufgegeben, um an sich das ungewisse Schicksal des Proletariats zu erleben. Pfarrer Eckert hat auf seine Stellung in Mannheim verzichtet und ist der Kommunistischen Partei beigetreten, um dort für die Sache des religiösen Sozialismus zu wirken. Wenn trotz dieses Opfermuts der ausschlaggebenden Führer der Bewegung eine durchschlagende Kraft vorläufig versagt bleibt, so dürften hierfür vor allem zwei Gründe maßgebend sein. — Einmal sind die in den sozialistischen Kampforganisationen gesammelten Jugendlichen auf weite Sicht für die Verkündigung der religiösen Wahrheit nicht aufnahmebereit. Nicht nur deshalb, weil sie in der Religion eine schwächliche Angelegenheit, die sich für Kämpfer nicht eignet, erblicken, sondern weil sie zum großen Teil mit einer Begeisterung ihrem Parteidogma anhangen, die man nur-,.religiös" nennen kann. Das gilt in gleichem Maße auch für die jugendlichen Anhänger der Nationalsozialistischen Partei. Ohne Zweifel gibt es auch dort eine Fülle von innerlichst bewegten Menschen, denen die Frage des Sozialismus ein ernstes Problem ihrer Lebensgestaltung bedeutet. Aber die in der Partei herrschende innerweltliche Blutmystik läßt einen Durchbruch zu den letzten Quellen menschlichen Seins nicht aufkommen und verdeckt alle ursprüngliche Sehnsucht nach echter und wahrer Gottverbundenheit. Es wird noch geraume Zeit vergehen müssen, ehe die Angehörigen beider Parteirichtuhgen aus ihrem pseudoreligiösen Rausch erwachen und ihr Wollen und Tun unter den Richterspruch Gottes stellen können. Wir sind weit davon entfernt, das Wahre und Vorwärtstreibende, das in beiden Bewegungen geborgen liegt, zu mißachten oder zu verkennen. Wir sind nur davon überzeugt, „daß noch wichtiger als alle Systeme, die Menschen sind, die das System zu tragen haben. Ihre Wandlung ist aber nur möglich in Berührung mit dem tragenden Grund der Welt, dessen Namen allzuoft zu nennen uns Juden eine natürliche Scham verbietet. Die zweite Ursache, für das Versagen der religiössozialen Bewegung in unserer Zeit liegt in der Wandlung begriffen, von der die Religion heute selbst betroffen ist. Immer weiter greift eine Religonsbetrachtung um sich, die versucht, die politische und religiöse Sphäre vollkommen voneinander zu trennen. Der Mensch, so wird da gesagt, könne von sich aus eine Neugestaltung der Welt überhaupt nicht in die Wege leiten. Alles hänge von der Hilfe Gottes ab, der die Weltdinge „am Ende der Tage" schon zurechtrücken werde. Bis dahin müsse man die Angelegenheiten dieser Welt ihrer Eigengesetzlichkeit überlassen. Die Religion hingegen habe es nur mit der seelischen Rettung des Einzelmenschen zu tun. Es wäre eine Katastrophe, wenn — wozu Anzeichen vorhanden sind — diese kulturpessimistische Reitgionsauffassung auch in den Raum des Judentums eindringen würde. Jüdische Religion ist, wie B u b e r so olt gesagt hat, Gottverbundenheit ohne Abstriche. ^Alle Gebiete des Lebens, nicht zuletzt die Politik, sind in ihr unter den Anspruch Gottes gestellt. Die Tatsache, daß die Welt diesen Grundsatz heute noch nicht anerkennt, ja die Bemühungen der Religion um eine Befriedigung der Zeit als lächerlich hinstellt, darf uns nicht abhalten, diese Position immer wieder von neuem zu verteidigen. Es wäre ein bedenkliches Zeichen, wenn im Verband der Jüdischen Jugendvereine Deutschlands die religiöse Belehrung, aus Angst vor gewissen Zeitströmungen, nicht mehr wie früher zu Wort kommen könnte. Wir Juden müssen aus unserer Geschichte am ehesten wissen, daß Politik und Religion kein« Gegensätze sind, sondern aufs letzte gesehen, sich bedingen. Wer sich zu der Notwendigkeit einer Neugest.-,1'ung menschlicher Beziehungsverhältnisse bekennt, braucht nicht aas parteidogmatischen Gründen aus seiner Religionsgemeinscnaft auszutreten. Im Gegenteil, seine Aufgabe müßte -es sein, 'regenerierend in seiner Glaubensgemeinschaft zu wirken, wie 5

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