Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1932-07-01 · 2 (7.1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
18 (1932)
Issue
2 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492456-6352313-6352585--1106-4929233
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Produktionsmittel mit einem Kampf gegen den Liberalismus überhaupt zu vermengen; wollte d: .-tr doch letzten Endes nicht mehr sein als die Schlußlolgcrurj> aus der Tatsache von der Einmaligkeit des Individuums und vom natürlichen Kecht auf seine Entfaltung. Als „sinnvoll" kann sich schließlich, zumal für uns Juden die sozialreaktionäre Tendenz des neuen Ministeriums auch dadurch erweisen, daß der Nationalsozialismus sich gezwungen sehen muß. ehrlich für den Sozialismus einzutreten oder aber die echten Sozialisten in seinem Vcrb.-rffdc abzustoßen. Hier wird sich vielleicht am schnellsten die Uneinheitlichkeit dieses politischen Gebildes der Nachkriegszeit erweisen und zur Sprengung führen. Politisch, wnll sagen kulturpolitisch am bedenklichsten aber ist es, daß durch die neue S.ituation in Deutschland wieder und wieder die Losung der zentralen und entscheidenden Aufgabe unserer Tage verzögert, wenn nicht bewußt verdeckt wird: die Ueberwindung der Arbeitslosigkeit. Wer sich einmal gründlich in die Seele der Menschen hineinversetzte, die nun seit Jahr und Tag wahre Folterqualen ausstehen, da sie durch eine Verkettung von Schicksal und riesengroßer menschlicher Schuld aus dem Arbeitsprozeß ausgeschieden sind, — der muß erschüttert sein, wenn man in den nächsten Wochen nun wieder um „nationale Belange" und „Internationalismus", um „christliche Kulturgüter" und „bolschewistischen Atheismus", um „deutschen Idealismus" und „marxistischen (vielleicht auch „marxistisch-jüdischen") Materialismus" sich erhitzen, berauschen und wohl auch blutig schlagen wird, und dabei an die tiefste Not von Millionen, an die letzte Ursache aller Gegensätzlichkeiten dieser Tage vergißt, eben an das Grauen der Arbeitslosigkeit. Man wird vermutlich, dem Beispiel Englands folgend, als Parole für die kommenden Reichstagswahlen den Ruf „Für nationale Konzentration" ausgeben. Die NSDAP, wird sie in ihrer Weise wenden, mit der Hetze gegen uns Juden verbinden, und so lür ihre Zwecke zu nützen wissen. W i r stehen hier vielleicht vor der dankbarsten Aufgabe, zugleich der für uns bestmöglichen politischen Leistung" der nächsten Zeit. Sorgen wir für die richtig gestellte Wahlparole. Sie hätte zu lauten: „Gegen die Arbeitslosigkeit!". Wenn jeder Bewerber um das hohe Amt des Volksvertreters gezwungen würde, sein Programm gegen die Arbeitslosigkeit und für ihre Ueberwindung zu entwickeln, so wären bald die Demagogen und Volksverführer von den wahrhaft Verantwortlichen und Gestaltungsfähigen geschieden. Freilich gäbe es dann auch kein Ausweichen vor den wichtigen Teilfragen der Großsledlu n"g e n, der Einschränkung der Arbeitszeit, des Freihandels oder der Autarkie, und zwar der vnlljgen Autarkie, oder aber der Autarkie kleiner, geschlossener Wirtschaftsbezirke. Auch diese Teilfragen geben uns Gelegenheit genug, nicht nur in den politischen Parteien denen wir uns angeschlossen haben, gewissermaßen wellanschaulich neutral, politisch zu wirken, vielmehr als Juden, wenn auch in bescheidenem Maße, politisch aufzutreten. Wir erlösen so zahlreiche jüdische Menschen von dem gequälten Gefühl, zur Passivität verurteilt zu sein, schicksalsmäßig nur „Objekte" der Politik in Deutschland darzustellen. Darüber hinaus gehorchen wir in ganz konkreten politischen Formen dem tiefsten Gesetze unseres Judeseins, unserer jüdischen Bestimmung in der Welt: wieder und wieder uns für eine auf unbedingter sozialer Gerecht Pg k e i t begründete Gesellschaft einzusetzen. Sie fordert beispielsweise in dieser Stunde, daß wir uns gegen das in der ersten Regierungserklärung kaum verblümte Vorhaben stark Gedanken -* - in»- Z. it. dir charakterisiert ist durch eine Umwertung aller Iii f^rirfi-, muß unbedingt auch ihren Stempsl unserem Verband aufdrucken und muß auch dort Aenderungen bedingen. Es hieße blind .'ein und alle Realitäten verkennen, wellte man au« solchen Erscheinungen, wie man sie heute ficht, fluiiiis keine Konsequenzen ziehen. So sahen es schon die früheres Verbandsieil nngen als ihre vornehmste Aufgabe an, sie Zeitströutungen uihI -crschcinungcn in die jüdische Arlx ii einziil ,/;. In ii. Ich erinnere hier nur an das letzte Wintertliema de* Verbandes: l>cr junge Jude im Kampf um die Strömungen der Zeit", da.« leider von der Führerschaft machen, soziale Hilfsleistungen an die Arbeitslosen kürzen oder aufheben zu lassen, solange man ihnen nicht den Weg zum Erwerb durch Arbeit frei zu legen weiß. Wir haben, als Juden, noch einen besonderen, bedeutsamen Grund, gegen solche Maßnahmen einer hartherzigen Ungerechtigkeit auf der Hut zu sein. Berufen sich doch die neuen Machthaber auf die „christlichen Grundsätze" der Staatsführung. Gerade weil wir dem Christentum keine Niederlagen wünschen, gerade weil wir der Ueberzeugung leben, daß echtes Christentum, mit seinem Wunsche, die Kulturmenschhcit aus der Kraft der Liebe zu formen, einst organisch sich unserem jüdischen Gestaltungsprinzip der Gerechtigkeit verbünden wird — dürfen und müssen wir vor einer Erscheinung der neueren Zeit in der Christenheit warnen, die doch wohl widercKristlich, heidnisch ist. Wir denken an jenes Bekenntnis zum Haß als einem „von Gott verliehenen Urtrieb", das nicht wenige protestantische Geistliche namentlich beim Eintreten für Hitler #1« Kaadidaten für die Reichspräsidentenschaft öffentlich ablegten. Gerade auf der Linie, wo Gerechtigkeit, Liebe und Haß in grundsätzlichem Kampfe miteinander liegen, entscheiden sich auch für Deutschland und die Welt die außenpolitischen Fragen sowohl wie schließlich auch die einer neuen Wirtschaft und Gesellschaft. Behaupten die Hasser das Feld, ziehen in den neuen Reichstag die Nationalsozialisten und ihre Gesinnungsverwandten in ausschlaggebender Zahl ein, dann werden reaktiv Konferenzen wie die von Lausanne im Zeichen des aus Haß erwachsenen Mißtrauens stehen und erfolglos bleiben. Solange die Nationalisten der verschiedenen Länder und Völker einander das ersehnte Stichwort geben, solange sie alle „ihren Krieg" als etwas geradezu „Heiliges" empfinden, muß die allgemeine Abrüstung in den Anfängen stecken bleiben. Erst wenn neben dem Kulturnationalen ein ehrliches Gefühl internationaler Verflochtenheit durchbricht, werden die Ungerechtigkeiten von Versailles zugleich mit den Massenheeren und Angriffswaffen ohne Feilschen der Unterhändler dahinschwinden. Wir Juden haben als wahre Friedensfreunde seit den Tagen der Propheten allen Anlaß, der wahren Befriedung der Menschheit die Bahn zu bereiten. Unter der neuen Regierung aber tun wir gut, die Kräfte, die hier helfen können, im Stillen zu üben. Denn hier sind wir am ehesten Mißdeutungen ausgesetzt, wenn wir ungefragt zur nichtjüdischen Umwelt sprechen. Alles in allem haben wir kaum Veranlassung, die Zukunft Deutschlands und gar der deutschen Juden in rosigem Lichte zu schauen. Aber wenn wir stark auf unserem Rechte als Staatsbürger beharren, das man uns nicht wird antasten dürfen, ohne sich vor der Welt dem Odium der Barbarei auszusetzen, und wenn wir willens sind, die besten Wesenskräfte ■irseres jüdischen Seins zu pflegen und zu entfalten, brauchen wir nicht zaghaft zu sein. In schmerzlicher Klarheit müssen wir freilich erkennen: Unser Schicksal als deutsche Juden oder jüdische Deutsche liegt einzig in unserer Hand. Erfahrungen der letzten Wochen haben erst wieder gezeigt, daß auch die meisten edler Gearteten unserer christlich-germanischen Umwelt vorerst keine Neigung spüren, sich vor der Oeffentlichkeit mit der „Judenfrage" zu befassen. Wir lösen sie nur aus eigener Kraft und wir werden zu ihrer Lösung nicht wenig beitragen, wenn wir in „gesamtjüdischer Haltung" alle Gestaltungskräften unter uns bestimmen, in bester jüdischer Geistigkeit und zugleich vornehmer Zurückhaltung an der Lösung der „deutschen Frage" teilzunehmen. Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. zur Arbeit nicht immer recht verstanden und daher auch nicht mit all «•einen Folgerungen durchgeführt wurde. Aus diesen Erwägungen heraus ist auch das neue Winterthema: „Jüdische Sinngebung unserer Zeit" gewählt worden. Wir müssen uns davon frei machen, immer wieder dio bestimmenden Faktoren und Triebkräfto unserer Welt aufzuzeigen und zu erkennen. Dies kann nur eine vorbereitende Aufgabe sein, für andere Organisationen, die auf Grund ihrer Weltanschauung hierzu prädestiniert sind, mag es im Mittelpunkt stehen. Für uns heißt es, feststellen, wo und inwieweit lassen sich diese Momente mit dem Sinn des Judentums

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.