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Der Jugendbund · 1932-07-01 · 2 (7.1932) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
18 (1932)
Issue
2 (7.1932)
Date
1932-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Den JuoeiyftBtiNP miTrtitunG€nD6S vecBAnots oep jüDiscHen juG6nDV6B€ine peuTSCHianw 18. Jahmanq Düsseldorf, Juli 1932 Nummer 2 Politischer Ausblick Wir sind's fast schon gewohnt, Hast und Ueberhctztheit als kennzeichnenden Rhythmus für die Vorgänge in allen Bereichen heutigen Lebens zu empfinden. Und doch ist es schier atemberaubend, was sich auf politischem Gebiete in den vier Monaten abspielte, seit unsere Freunde die letzte Ausgabe des „Jugendbund" in Händen hielten: Wiederwahl des Reichspräsidenten v. Hindenburg, in 2 Akten; dabei Zurückweisung der Herrschafts-Ansprüche Adolf Hitlers durch annähernd zwei Drittel des deutschen Volkes; bald danach Auflösung des Preußischen Landtags und seine Wiederwahl, worbei die NSDAP, zur stärksten Partei wurde, während die SPD. an Stärke nicht unbeträchtlich verlor. Auch bei den Länderwahlen in Anhalt und Oldenburg vermochte die Gefolgschaft Hitlers sich sieghaft durchzusetzen, die absolute Mehrheit zu erreichen. Der Reichstag aber und die von ihm gutgeheißene Regierung Brüning schien wie ein Ausgleich des politischen Rechtsradikalismus der Länder zu wirken. Da, am 30. Mai, erfolgte Uberraschend die Entlassung Brünings aus dem Kanzler-Amte, die Auflösung der von ihm geführten Regierung und die Betrauung einer fast ausschließlich aus rechts, stehenden Adeligen gebildeten Regierung v. Papen mit der Uebernahme der Amtsgewalten. Ihre erste' Amtshandlung ist die Auflösung des Reichstages, der in seiner bisherigen Mehrheit ihr sein Mißtrauen ausgesprochen hätte. In dem Augenblick, da unser „Jugendbund" die Verbandsjugend neuerdings grüßt, erreicht die seit Monaten im deutschen Volk bestehende Hochspannung infolge der Zurüslung der Reichstagswahl ihr Höchstmaß. So wurde es für unsern Verband, der als überparteiliche Jugend-Organisation allem Politischen früher mit einiger Scheu begegnete, geradezu zum Lebensgesetze, daß er die Politik und die Auseinandersetzung mit ihr immer mehr in den Vordergrund rückte. Und so ist es nur natürlich, daß wir eine politische Betrachtung an die Spitze setzen. Die politischen Tagesschriftstcller ergehen sich angesichts der neuen Regierung vor allem in Betrachtungen, wie sie sich .wohl zu Hitler- und Parlamentarismus stellen werde. Füv uns deutsche Juden und für die jüdische Jugend in Deutschland zumal sind diese Erwägungen gewiß nicht nriOi.;. Denn es kann uns nicht gleichgültig sein, ob man Herrn Hitler lediglich ohne revolutionäre Erschütterungen zur Macht gelangen lassen oder durch Anlehnung des neuen Regimes an die Reichswehr und ihre Generäle, sowie die alle AJelskaste die nationalistisch eingestellten Wählermassen mählich von Hitler abziehen will. Unser politisches Schicksal als Juden wird davon nicht unerheblich mitbestimmt werden, ebenso auch von der Alternative, ob eine mit diktatorischen Befugnissen ausgestattete Regierung über die Rechte der Staatsbürger befinden darf oder jeweils dem Parlament Rede und Antwort stehen muß. Aber selbst wenn es sich hierbei vorerst nicht nur um ungewisse Spekulationen handelte, scheinen mir für die Bewegteren unserer jungen Generation bei ihrer seelischen Richtung auch bei der Gesamtlage in Deutschland und der Welt andere Fragen weit wesentlicher. Sie erwachsen zwangsläufig aus dem Umstände, daß die Regierung v. Papen sich als Kabinett der „nationalen Konzentration" ankündigte, daß man zur Berufung fast nur Freiherren und Barone würdigte, und daß in der grundlegenden Regierungserklärung vom ,.Staatssozialismus", vom „gemeinsc^iaftsfeindlichen Klassenkampf", von dem heutigen deutschen Staat und seinen Einrichtungen gegen die furchtbare soziale Not als „einer Art Wohlfahrtsanstall", von der Erschütterung der „moralischen Kräfte der Nation" durch- „Kulturbolschewismus" und durch „atheistisch-marxistisches Denken" und demgegenüber von „der Grundlage der unveränderlichen Grundsätze der christlichen Weltanschauung" die Rede ist. Diese Männer aus altem Adel dürften wenig Sinn für die Scheu des österreichischen Grafen Coudenhove-Calergi haben, der einen „neuen Adel" als Führerschichl erwartet, entstehend aus der Verschmelzung von geistigen und von erdverbundenen, altadeligen Menschen, der der jüdischen Elite einen starken Anteil an diesem'neuen „Adel" zuspricht und in der Freundschaft Lenin-Trotzki ihren lebendigsten Ausdruck sieht. Wir kennen zu guL die überheblich-abweisende Haltung der alten Adelskastc gegenüber „dem Juden", um auch nur größeres Verständnis für die seelischen Nöte unserer jüdischen Jugend und für die gequälte Gesamtlage der deutschen Juden erwarten zu dürfen. Vitjleicht gewann der neue Finanzministcr unter seinem bisherigen Vorgesetzten, dem Staatssekretär a. D. Dr Schäffcr eine Ahnung von der Spannweile deutsch-jüdischer "Geistes- und Seelenhaltung. — Aber, was weit schlimmer ist, diese Minister und ihre nächsten Helfer im Amte sperren sich aus der Mentalität ihrer Kaste gegen .die Tendenzen des Sozialismus, der —von weitesten Kreisen heutiger Jugend in Deutschland als unausbleibliche Notwendigkeit erkannt, gegrüßt und gefordert wird. Unsere jungen Menschen im VJ.ID. haben im letzten Jahre mit rührendem Eifer um die letzte A,,e'fSnunl> ^er geistigen und wirtschaftlichen Grundsätze de« Suzialisrou -. gerungen. Sie werden nunmehr, in Reih und Glied vor allem mit dem Proletariat, aber auch mit zahllosen Junge» bürgerlicher Herkunft, zu erweisen haben, inwieweit sie wahre Sozialisten wurden, inwieweit nur Konjunktur-Politiker. Vom Boden materialistischer Geschichts-Auffassung aus erscheint die jüngste Wendung eindeutig und bedenklich aufschlußreich; Der von der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft als Führer-Schicht seither willig hingenommene Adel m u ß t e in der Schicksalsstunde eben dieses Bürgertums nach demGcset/e der Dialektik noch einmal in's helle Licht der Kampe treten, um darzulun, daß die' kommende proletarische Revolution radikaler mit ihm verfahren muß, als es während der bürgerlichen Revolution geschah. Allein auch für einen vergeistigten Sozialismus, wie ihn neben manchen Juden vor allem die Anti-Liberalisten in Deutschland ersehnen und betreiben, erhält die jüngste politische Wendung ihren „Sinn". Sie kann ihn erhalten, wenn der sozialistische Wille sich „trotz allem" stärkt und bewährt. Die-Zeit der kommenden Prüfung für alle Sozialisten könnte fruchtbar werden, wenn man aus der neuerlichen Bedrohung individueller Freiheit durch diktatorische Gewalten lernte, wie getährlich es werden kann, den geheiligten Kampf gegen den wirtschaftlichen Individualismus und für die Sozialisierung der 1

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