Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 1 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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noch eine ganze Reihe anderer, deren Namen ich vergessen habe) nach Kräften und mit einschlagendem Erfolg bei. III. (Sonntag, 27. Dezember.) Dieser Tag brachte mit den Referaten und Aussprachen über das Verbandsthema, in dem fast alle wichtigeren Fragen des Vortages wieder erschienen, und das überhaupt als deutliches Motto über der ganzen Veranstaltung stand, die eigentlichen Höhepunkte des Kurses. — Vorweggenommen sei hier ■ {obwohl sie erst spät am Nachmittag stattfand) die in ihrer Sachlichkeit ganz vorzügliche Arbeitsgemeinschaft von Fritz Keßler, München, über „Junggruppenarbeit in den Landesverbänden und Vereinen", deren (besonders wichtiges!) Ergebnis in dem folgenden Leitsatz zusammengefaßt wurde: „Aul Grund der Erkenntnis von der Reforraierungsbedürftigkeit der heutigen jüd. Gesellschaft muß der jüd. Pfadfinderbund im Verband der j. J. V. Deutschlands seine Aufgabe darin sehen, mit Hilfe der Zophiut junge Menschen zu erziehen, die als Produkt dieser Erziehung berufen s:nd, innerhalb des Verbandes, mit dem ihn die gleiche Idee der gesamtjüdischen Haltung verbindet, auf die Einheitsfront der jüd. Jugend hinzuarbeiten, die der Erhaltung des Verbandes und damit es deutschen Judentums dienen soll." Punkt 9 Uhr (wie er gedroht hatte) setzte Curt Friedmann mit dem einleitenden Referat dieses Tages zur A. G. „Die jüd. Jugend im Kampf um die Fragen der Zeit'' ein. Er behandelte das Problem von 3 Gesichtspunkten aus: Die Stellung des Juden in der Wirtschaft, seine Stellung zum Sozialismus und endlich zum Judentum selbst. Die besondere Schwere des wirtschaftlichen Sonderschicksals der deutschen Juden ist (neben dem Umstand einer unnatürlichen Struktur) nicht nur durch den Antisemitismus allein, sondern auch durch den Gegensatz zwischen jüdischer Individualität und den kollektivistischen Entwicklungstendenzen der heutigen Wirtschaft begründet. Ferner aber auch durch den Mangel an wirlschaftstheorelischen Kenntnissen. In ihrem Streben nach Gerechtigkeit treibt die jüd. Jugend dem Sozialismus entgegen. Die sozialen Ideen des Judentms stehen dabei ja nicht im Wege. Aber auf dieser Suche nach einer gerechten Ordnung muß die Beziehung wiederhergestellt und bestehen bleiben zu den sittlichen Ideen des Judentums, die doch ganz auf das gleiche Ziel gerichtet sind. — In seinem Korreferat warnte Artur Aufochs, Nürnberg, davor, das Problem allein von der wirtschaftlichen Grundlage aus zu behandeln, er forderte vielmehr auch eine Behandlung vom psychologischen Standpunkt aus. Des weiteren ging er auf einzelne Punkte des Fricdmannschen Referates ein, in welchem mir zwei Sätze von ungeheurer Wichtigkeit zu sein scheinen: Dereine: „Wir Juden können uns als einzelne zum Sozialismus bekennen, aber wir dürfen uns nicht als Masse zu ihm entscheiden." Und der andere: „Wir müssen unsere Menschen ihre weltanschauliche Entscheidung selber fällen lassen." (!) Als Aufgabe des Verbandes bezeichnete er die Vermittlung größtmöglichen Wissens. Erst wenn wir uns zu ihm erzogen hätten, könnten wir der Welt Erfüllung unserer Aulgabc bringen. — Im ganzen stellte das Korreferat eine Ergänzung der am Morgen stattgefundenen Debatte dar. Die klaren und eindeutigen Ergebnisse der last einen ganzen Tag dauernden Aussprachen kamen dann in den folgenden Leitsätzen zum Ausdruck: Bei dem Aufzeigen unserer Situation erkannten die Teilnehmer der Tagung die eminente Bedeutung gerade der wirtschaftl. Fragen für das deutsche Judentum, so daß es den Vereinen nahegelegt wird, wirtschaftliche Erkenntnisse sowohl in wirlschaftsfunktioneller als auch in wirtschaftstheoretischer Hinsicht durch eingehende Behandlung all dieser Fragen zu vermitteln. Weiterhin hält man es für unerläßlich, sich mit der jüd. Sittenlehre eingehend zu befassen, um — dies war schließlich bei aller Verschiedenheit der innerjüd. und religiösen Anschauungen neben dem klaren Bekenntnis zur unbedingten Notwendigkeit der Schaffung einer jüd. Einheitsfront gegen den Nationalsozialismus das sachliche Ergebnis des Kurses — als letztes Ziel eine Synthese zu finden zwischen einer erstrebenswerten Wirtschaftsordnung und den Forderungen der jüd. Ethik. IV. (Nach der Tagung.) Was bleibt von der Reise, vom Sehen, Hören, Sprechen? Zwei kurze Tage dauernden Zusammenseins mit ca. 60 jungen und „noch jungen" Menschen des Verbandes. Zwei kurze Tage ehrlichen gemeinsamen Bemühens, der gemeinsamen Arbeit einen Inhalt und — ein Ergebnis zu verschaffen. Das blieb von der Tagung nicht allein! Uebrig blieb auch viel mehr noch als die paar Leitsätze, in die man das Ergebnis der Tagung (zum Glück vergeblich!) hineinzuzwängen suchte. Uebrig blieb, was die folgenden leicht als Sentimentalität mißzudeutenden, jedenfalls aber ehrlichen Worte auf einer Seite eines Tagebuches ausdrücken wollten: „Eine lange Fahrt liegt hinter uns. Aber ich bin gar nicht müde. Seltsam wach bin ich, und in mir, da ist so etwas wie eine tiefe Freudigkeit, eine ruhige Sicherheit. Und immer wieder bewegt eine Empfindung, ein Erleben meinen Sinn: Gemeinschaft! Ich schäme mich auch nicht, wenn mich dabei eine fast unmännliche Bewegung überkommt. Ich fürchte nur, dies alles morgen oder übermorgen vielleicht nicht mehr verstehen zu können. Deshalb will ich versuchen, meine Stimmung zu analysieren, wenn ich auch weiß, daß sie hierbei verblaßt. Was war es eigentlich, was dich Realisten so bewegen konnte? War es die Tatsache, daß Menschen mit dir zusammen waren, die genau die gleiche Situation erleben wie du? Deren Inneres ebenso aussieht wie das deinige? — Oder fühltest du durch diese Realitäten hindurch noch das Irrationale, das diese Menschen mit dir verbindet? Das Schicksal des Jüdeweins und Jungseins zugleich, das ihnen und dir eine Sendung gab, von deren Erfüllung eine allgemein menschliche und eine jüdische Zukunft abhängen. Deshalb und weil all diese Menschen jene Aufgaben erkannt haben, weil sie gemeinsam mit dir versuchen, ihren Weg zu erkennen, der auch der deinige ist. Und weil sie mit dir über alle Verschiedenheiten jedweder Einstellung hinweg den Willen teilen, jenen Weg Zu gehen, deshalb -- seid ihr Geineinschaft! Das Bcwußtwerden dessen war es, was dir dein Erleben gab." Ich fragte: Was blieb von der Reise; vom Sehen, Hören, Sprechen? Und fühle: Der Glaube an den tiefen Ernst und Veranlwortungsvjcist meiner Generation. Der Glaube nicht nur an die Gemeinsamkeit ihrer Aufgaben, sondern auch an die Gemeinsamkeit eines glühenden Wollens zur gemeinsamen Gestaltung unserer Scheingemeinschaft zu einer "echten Lebensgemeinschaft jüd. sittlicher Menschen. Und eine tiefe Freudigkeit stellt sich ein, eine so breite, junge und geschlossene Front dastehen zu wissen im Kampfe um dieses Ziel. Und aus all dem formt sich der Wunsch, daß das klare unmißverständliche Wollen meiner Generation Erfüllung finden möge. Rcinhold W. Herz, Speyer. Theodor Lessing Er wurde am 3. Fc-bmar 60 Jahre all Ueber seiner Kindheit grübelte schon die rätselvolle Flammenschrift „Nicht schulgemäß". Er schrieb die besten deutschen Aufsätze (das verriet er mal); aber die Herren Pauker sagten: es sei nicht schulgemäß. O, wir erinnern uns, die Faust in der Tasche ballend, an die „aristotelischen" Gesetze, die man irgendwie in eine literarische Zwangsjacke für unsere Schulaufsätze umschmiedete. So wurden wir zum Stil der Schundliteratur geleitfadet. Theodor Lessing war eigenwillig. Und wurde einer der klassischen Aufrüttler unserer Jngendzeit. Die andern haben ihn verfehmt, haben ihn hungern lassen. Sie baben ihn später angepöbelt, schrieben Drohbriefe in miserablem Deutsch und bekrittelten das Deutschtum dieses Feuerkopfes. „Nicht schulgemäß" erschien Lessing auch im Bezirk des Jüdischen. Er geriet spät und nach ärgerlichen Irrwegen ins 16