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Der Jugendbund · 1932-02-01 · 1 (2.1932) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
18 (1932)
Issue
1 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 4.) Beeinflussung fernhalten. Wenn Dr. Jacobs höhnisch ausruft: ,..Jüdische Jugend, fliehet vor den Stätten, in denen jüdisches Wissen gelehrt wird", so tut er dem Jugendverein Unrecht. Und damit komme ich zu dem Ton, in dem der Aufsatz von Dr. Jacobs geschrieben ist. Der Verfasser bezeichnet seinen Artikel als eine Plauderei. Eine Plauderei pflegt harmlos'zu sein; Dr. Jacobs Worte sind aber nichts weniger als harmlos. Sein ganzer Aufsatz ist nicht etwa in einem gut» mutig humoristischen, sondern in einem überlegen hochmütigen, sarkastischen Ton geschrieben. Man lese die höhnische Art, mit der er von der „zionistischen" Auffassung (Religion ist Privatsache) spricht, mit der er das schwierige Problem der Mischehe und das noch schwierigere des § 218 behandelt, Probleme, mit denen die Jugend so eifrig und ehrlich ringt. Wer die Jugend für seine Anschauung gewinnen will, der darf ihr nicht mit kaltem Hohn und Spott nahen; dessen Worte müssen von warmer Begeisterung getragen sein. Man halle cr.mal gegen die spöttische Tonart von Dr. Jacobs die Tonart anderer orthodoxer bzw. konservativer Männer (von liLeralen sei in diesem Zusammenhang abgesehen), die begeisterten Worte eines Samson Raphael Hirsch an die jüdischen „denkenden Jünglinge und Jungfrauen" in seinem „Chaurero", eines Salomon Carlebach in seiner „Sittenreinheit", eines Gustav Löf Her in seiner kurzen Schrift: „Wie fördern wir den religiösen Sinn der jüdischen Jugend?", eines Hans Goslar in seiner „Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt". Aus den Worten dieser Männer spricht edles Pathos, heilige Begeisterung. Von ihnen werden die ernsten Jugendlichen, auch soweit sie ihnen nicht zu folgen vermögen, mit bedingungsloser Hochachtung .sprechen. Von dem Sarkasmus eines Dr. Jacobs aber, der sie verhöhnt, anstatt zu versuchen, sie liebevoll heranzuziehen, müssen sie sich abgestoßen fühlen; und den Schaden hat das Judentum. In einem Punkte stimme ich mit Dr. Jacobs überein, Wenn er seine Ausführungen mit dem Rufe schließt: „Lernen, lernen, lernen!" Zum Lernen nun bedarf die Jugend des Lehrers. Zu welcher Anschauung in religiöser und in politischer Beziehung aber auch immer der Lehrer sich bekennen mag, die erste und vornehmste-Forderung an ihn muß darin bestehen, daß er der Jugend gegenübertritt nicht als der kalte, lieblose, hochfahrende Magister, sondern als der zugängliche, gütige, liebevolle ältere Freund. Rabbiner Dr. Norden. II. Die in dem von Dr. Jacobs geschriebenen Artikel in der letzten Nummer des „Jugendbund" aufgeführten Zustände Bind nur allzu bekannt und müssen ausgesprochen werden. Nur sind die Vorwürfe nicht an die im Verband vereinigte Jugend zu richten, 6ondern an die jüdische Jugendgesamtheit überhaupt. Der Verband gibt natürlich ein Abbild der Gesamtheit des deutschen Judentums und kann auch durch den $ 2 nicht verhindern, daß in seinen Veranstaltungen zuiu Aufdruck kommt, daß der größte Teil der deutschen Judcnlieit nicht gesetzestreu ist. Der § 2 kaun cur das nach genauen Erfahrungen in den meisten Fallen vorhandene Taktgefühl starken. AuCcrdem, welches Forum »ollte über Verstöße gegen diesen Paragraphen entscheiden? Dieser Paragraph hat auch vor allem deu Zweck, all-m Kreisen, und insbesondere den gesetzestreuen, eine Mitarbeit zu ermöglichen. Wie kann man Abhilfe schaffen? Ich halte auch das Lernen für die idealste und einzige Endlösnng. Es hat sich aber rein praktischgezeigt, daß dies im gegenwärtigen Moment in der neutralen Jugendbewegung nicht möglich ist, wohl auch, weil es an geeigneten Dozenten fehlt. Die einzige mögliche Abhilfe ist: 1. daß sich Lehrer und Rabbiner in ganz anderem Maßo als bisher an der Vereinsarbeit im kleinen beteiligen und so ein Vorbild geben (wio wäre es sonst möglich, daß in so vielen Vereinen der Wein am Freitagabend nicht koscher ist oder daß z. B. auf der Münchener . ■ Delcgiertentagung 1930 in Anwesenheit eo vieler Lehrer und Rubbincr kein gemeinsames Tisahgefcet zustande kam), 2. daß sich die gesetzestreue Jugend an Zahl und Inteii- »it.it in stärkstem Ausmaße an der neutralen Jugendbewegung beteiligt, so daß sie ein Vorbild für dio Wichtigkeit und Schönheit des Gesetzes durch seine Ausübung gibt. An Orten, wo dies der Fall ist. ergibt eich die Anwendung des § 2 von selbst. Aus diesem Grunde muß ich der Ansicht von Dr. Jacobs hinsichtlich der Beteiligung an Ausflügen, weil viele die Speisegesetze nicht beuchten, entschieden widersprechen. Ich bin davon Uberzeugt, daß der Mehrheit der Vcrbandsmitglicder einzelne dieser Gesetze erst durch die Verbamlszcitschrift bekannt geworden sind, trotzdem 9ie einen langjährigen Religionsunterricht hinter sich haben. Gerade bei¬ Ausflügen ist Gelegenheit, den Wert der Speisegesetze, des Chamischo osor und des gemeinsamen Tischgebetes zu zeigen. (S. die Berichte des Bundes jüdischer Pfadfinder.) Keine Paragraphen, sondern nur die lebendige Gemeinschaft aller kann die Mehrzahl der jungen Juden wieder der Verbindlichkeit der Gesetze nähern und die gesetzestreue Jugend trifft insbesondere die Verantwortung, daß dies durch tätige Mitarbeit und nicht durch Dozieren geschieht, damit auch in diesem Kreis .JL/hagdil Tauro w'adiro" gelte, damit sich ausbreite die Lehre und ihre Herrlichkeit! Radolf Mainz, Düsseldorf. III Die nachstehende Stellungnahme zu dem Artikel „Wio steht der junge Jude zu seinem Judentum?" im Dezemberheft des „Jugendbundes" erfolgt nicht, weil ich mich aus innerer Notwendigkeit dazu gedrängt fühlte, sondern, weil der Verband mich darum ersuchte. Denn ich wage nicht, im Rahmen einer kleinen Plauderei, dio notwendig wegen des gewaltigen Ausrunfes ic* Problems fruchtlos bleiben muß, die Weite und Tiefe der Frage auszuschöpfen. Die Fragestellung „Wio steht der junge Jude zu seinem Judentum?" ist'— ich möchte fast sigcn — notwendig falsch. Denn dio Antwort kann doch nur lauten: wie er eben als Individuum steht Das klingt sehr banal, ist aber die einzig richtige Antwort. Bei der Erörterung dieses Fragenkomplexes-muß man notwendigerweise doch die alte Antithese als Ausgangspunkt nehmen, zu der hier selb-tvi rstündlich keine persönliche Stellung genommen werden kann, deren jeweilige Konsequenzen aber dargelegt werden müssen. Es sind dies: die Einstellung des strenggläubigen, gesetzestreuen Juden einerseits, dessen Lebensaxiom lautet: Tauroh min haschoniajim — dio Torah ist ein ewig gültiges, ewig unwandelbares, unbedingt verbindliches Gottesgesetz, * und anderrr.-cits die Anschauung des nicht gläubigen Juden: dio Torab ist ein von einem Redaktor oder auch von mehreren Aufzeichnen! oder Verfassern innerhalb eines (fingern oder kürzeren Zeitraums, jedenfalls aVr von Menschengeist und band geschaffenes Werk. Für den Verfasser der in Rede stehenden Betrachtung gab es anscheinend diese Zweiheit des Ausgangspunktes überhaupt nicht, weil sich für ihn, als Rabbiner auf gesetzestreucni Boden stehend, die Fragestellung gar nicht ergib. Er konnte das von ihm erörterte Problem nur von seinem Standpunkt der unbedingten Gläubigkeit aus betrachten und mußte mit seinem Tadel (er liegt doch zweifellos zwischen den Zeilen) Individuen treffen, die" sich mit Recht Dicht betroffen fiihlen. Denn wie kann ich einem Juden, der das Glaubeiisaxiom für sieh nicht anerkennt, ohne im übrigen Atheist zu sein, es zum Vorwurf machen daß er trefo iPt, an Schabbos fährt, nnbedeckten Hauptes etwas Ißt und trinkt usw., wenn für ihn dies alles nicht Gesetz und ufeht verbindlich ist? Für ihn ist entweder das Judentum eine nationale oder rassische oder tatsächliche, einmal (leider) bestehende Angelegenheit. Bei diesem Menschen findet Dr. Jacobs überhaupt keinen Angriffspunkt. Er kann ihn noch nicht einmal 13

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