Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 1 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Spielerei, ein Kindergarten oder dergl. Diese Bedenken sind völlig unberechtigt. Man braucht sich ja nur zu vergegenwärtigen, daß gerade sehr junge Menschen, Kinder ven zehn Jahren, sehr bildsam und aufnahmefähig sind. Gerade im Kindcsaltcr errpfargen wir die tiefsten unJ nachhaltigsten Eindrücke, die mitunter für unser ganzes Leben von Bedeutung sein ki nnen. A ußerdem erfordert die Lege des Judentums die Einscannung aller Kräfte.. Gerade weil ein junger Mersch noch am leichtesten starke persönliche Erlebnisse hat und sehr aufnahmefähig ist, müssen wir schon den Jüngsten das Erlebnis bewußten Judentums geben, das die Mehrzahl der deutschen Juden nicht-gehabt hat. Auch der kleinste .unserer Jungen muß verstehen lernen, daß wir heute in einer Zeit weitgehender Entscheidungen leben. Die Scouterziehung gibt uns die Möglichkeit, diesem Kindcsaltcr entsprechend die Zehn- bis Zwölfjährigen in den Bund und seine Arbeit einzugliedern. An dieser Stelle sei noch vor dem verhängnisvollen Irrtum gewarnt, zur Führung der Wölflinge k'inne man getrost unerfahrene oder weniger bewährte Führer heranziehen. Doch gerade die Wölfllng-schaftnviß besonders sorgfältig geführt werden, weil bei den jungen Menschen die Einflußrröglichkeilen so große sind. Außerdem wird man Jungen, die als Wölflinge gekeilt und dann nicht erfaßt werden konnten, später nicht wieder oder nur sehr schwer gewinnen. Auf die Eedeutung und den Einfluß der Wölflinge auf die Gestaltung der Gemeinschaft des Zuges und des' Bundes sei an dieser Stelle nur hingewiesen. Bei jeder Erziehungsarbeit ist grundsätzlich von dem Wesen und der E'gcnart des zu Erzichenden auszugehen. Jeder Führer muß sich bemühen, sich in die Seele und Vorstell-ngswelt des Jungen hincinrufühlen. Dabei ist ven vornherein daran festzuhalten, daß die Wölflinge Menschen sui gener's sind; denn ihre Mentalität ist eine ganz andere als die der Erwachsenen und unterscheidet sich schon grundlegend von der eines Jungpfndfinders. Der Wölflirg steht noch vor der Pubertät; er hat den großen Umwandlung«- und Umwertungsprczeß der Reifung n< ch nicht durchkämpft. Der Zehnjährige hat eine eigene Vorstellnng&welt: er betrachtet alles, was ihn umgibt, mit den Attgen eines unbeschwerten, wirklichkeitsfremden (sagen die Erwachsenen) Kindes. Er beurteilt seine Umgebung nur danach, kann ich etwas damit anfangen oder n:cht Er zwingt alles in seinen Kreis oder we'st es weit von sicl£ Fr sieht sieh allein im Mittclrur.kt. Er sieht z. B. nicht die Schönheit der Natur als Wert an s:ch, er sieht nur den Wald und die Wiesen a's Plätze seines Wirkers, indem er sie in direkte Beziehungen zu seinem Tun bringt: im Wa'd kann er sich gut verstecken, atrf der Wiese kann er FuCball stielen. Nur das Lebendige. Eindringliche. Faßbare. Gestaltende interessiert und hege:stct ihn. ■ Er liest eine Geschichte nur, wenn er Menschen geschildert findet, die Helden der Tat s;nd. d~ren Handlungen sich für ihn verstellbar arsv. :rkrn. M»l c-'nem Wort: def Wölf'ing s ieht nur Ericben, wc'l nur Sinnf'ilkges seinen Kreis berührt. Er denkt das. was er h<" rt. sefert in lebendiges Gestalten um, seine Phantasie fi'-t allem sein Gepräge. Bei ganz klninen Kindern sieht r-rn rs am deutlichsten: der Bleistift ist die Eisenbahn, c n pt-ch der P-hnhof, c'n Hcscnknepf der Schaffn-r usw. Der Wilflirg: der Führer ist der alle Wolf, die Wölflinge bilden einen Stamm, jeder trä'f einen besonderen Tiernamen, alles ist Ernst. Drs s!nd mehr als kinc'l'chc Spiele, und nur der. der den Sinn und das Warum dieser Dirgc erkannt h-t. wird diese i; ni.en Morschen fi hren körnen. Nach diesen Erkenntnissen nun Muß dje Arbeit für WtTf!ir<? und mit den WclfÜngen sieh r:c!.t-n und diesen Grandzügen des Jungenwescr.s Rechnung tragen. D/svt'ci?en ist es. v rs nicht genug betont werden h-nn, die ersteschv erste Aufgab* des riih-crs. sich in die Seele und Vr-f• P ngswcH d-s V IT' ags hineinzuversetzen. Alias, was die V. clHirge lernen rollen, muß in eine ihnen adäo-nte Form febracht \. erden. Es ist fa'sch. auf einem Heimabend »"■ woWiBge jüdische Geschichte zu dozieren: man würde nur riskieren, den Jurr'en' für lange 7cit das Interesse für die jüdische Vergangenheit zu nehmen. Nur wenn man in lebendiger Form Vergangenes als wirklich Gewesenes, Sinnvolles, Gegen- wärtiges erzählt, hat man in dem Wölfling einen aufnahm:' bereiten und aufnahmefähigen Zuhörer, der nun auch d-.s Ge-. hörte verarbeitet und sich seine Gedanken mach Gewiß ist es. schwerer, es so zu machen, wie ich es als erstrebenswert ge-. schildert habe: nur so aber kann die Arbeit Erfolg haben. Oder: man muß in Form eines Spieles ihnen Morsen, Zeltebauen, Spurcnlcsen usw. beibringen, sie müssen empfinden, das muß ich können, denn sonst kann ich nicht meine Gegner finden, nicht mit den anderen wetteifern. Oder: man kann sich nicht mit Wülfingen hinsetzen und theoretische Palästinakunde treiben. Man kann ihnen aber das auch für sie notwendige Wissen über Palästina n:cht beibringen, indem man mit ihnen eine Karte anfertigt und Flüsse, Städte, Siedlungen, Gebirge usw. einrechnen läßt. ' (Die beste Karte wird im Heim aufgehängt; evtl, kenn man auch eine Plastik machen lassen.) Auf diese \\'c:se lernen die Jungen an Hand einer Beschäftigung, die sie beherrschen sollen und die ihnen Freude macht, das Land, seine Lage und Siedlungen kennen und man kann alles weitere leicht einflccht-n. Die Wölflinge bilden untereinander eine Gemeinschaft. Sie. müssen dazu erzogen werden, sich in diese Gemeinschaft einzugliedern. Das wird nicht immer leicht sein. Gemeinschafts-! spiele, die eine Kwuzeh gegen eine andere macht können das Gemeinschaftsbewußtsein fördern; denn hier lernen die Jungen, sich für die Gemeinschaft anzustrengen, sich für einander einzusetzen usw. Jede Kwuzah muß ihre Symbole haben, die sie wie Heiligtümer respektieren wird. Wenn so den Jungen ein Gemeinschaftsgefühl beigebracht wird, werden sie für den Bund wertvoll sein. Damit rst auch die Frage der Disziplin gelöst, Wölflingskwuzrth, die fest und geschlossen sind, sind auch immer .diszipliniert', d. h. ordentlich, sauber, zu gegebener Zeit ruhig. Denn sie haben schon verstanden, daß eine Gemeinschaft nicht gut bestehen kann, wenn jeder macht, was er will. Der Führer muß sich auch a's Glied, ja als Mittelpunkt der Wölflingsgemeinschaft fühlen. Wie häufig sieht man Führer, die eine ganz falsche Haltung den Jungen gegenüber einnehmen. Man sieht Führer, die die Rolle eines Lehrers spielen und sich sehr erhaben fühlen und diese Erhabenheit auch zum Ausdruck bringen; es gibt Führer, die vollkommene Nullen sind. Der richtige Führer ist ein Freund und Kamerad der Jungen, zu dem sie Vertrauen haben, weil sie wissen, er geht auf alle ihre großen und kleinen Srrgcn ein. Es genügt nicht, daß man Fahrten, Heimabende und Spiclnac' mitta'in macht, man muß auch mit dem einzelnen sich beschäftigen und das, was ihn gerade interessiert und bewegt, mit ihm besprechen. Der Führer muß den Jungen gegenüber eine gleichmäßige Haitvng einzunehmen wissen. Es ist zwar durchaus nicht vom Führer zu verlangen, daß ihm aile Jungen gleich sympathisch s:nd. Vcrlargt werden muß aber, daß der Führer diese Sympathien nicht so zur Geltung bringt, daß ein Teil der Jungen sich zurückgesetzt fühlt. Jede Gemeinschaft wird dann leiden, wenn der Führer ständig mit demselben Jungen auf Fahrt kocht, einkauft, Quartier macht; ganz zu schweigen ist selbstverständlich von den Fällen, in denen der Führer immer dieselben Jürgen mit den gern übernorrmenen Arbeiten bedenkt, während er ihm weniger sympathische zum Hclzsuchen schickt, was im allgemeinen eine verpönte Beschäftigurgist. Es ist davon gesprochen worden, daß die Beschäftigung mit dem einzelnen Von gr' ßtcr Wichtigkeit ist. So werden sich manche Fragen nicht dazu eignen, im Kreise der ganzen Kwuzah besprochen zu werden. So würde ich empfehlen, einem modernen Zuge der Zeit nicht Folge zu leisten und nun ununbed ngt und unbedenklich die sexuelle Frage mit den Zehn¬ oder E'fi"hr:gen auf einem Heimabend zu besprechen. Die sexuelle Aufklärung eines jungen Mädchens am Abend yor der Hechzelt ist ebenso verspätet, wie die Aufklärung eines Zehnjähr:gen verfrüht sein kann. Man soll an die Kinder noch keine Probleme heranbringen, die noch völlig außerhalb ihres Gedankenkreises liegen und nicht den Fehler machen, zu glauben, daß das, was einen Führer interessiert, nun auch den Geführten interessieren muß. Die Aufklärung muß rechtzeitig erfolgen, d. h. ebensowenig zu früh, wie zu spät. Da selbst bei gleich-