Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1932-02-01 · 1 (2.1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
18 (1932)
Issue
1 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492456-6352313-6352584--1092-4929220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JÜDISCHER PFADFINDERBUND IM VERBAND DER JÜDISCHEN JUGENDVEREINE DEUTSCHLANDS / SITZ DÜSSELDORF ANSCHRIFT DER BUNDESLEITUNG: KURT L O N D O N , C H A R LOTTEN B U R G, PESTALOZZISTRASSE 4 Einle Diese Blätter sollen den Zweck haben, wenigstens einen Teil der Probleme zu zeigen, die heute den Bund beschäftigen. Leider läßt der zur Verfügung stehende Raum eine zusarr rr.enhängende Darstellung nicht zu, wir hoffen, daß uns in absehbarer Zeit wiederum Gelegenheit gegeben wird, an dieser Stelle über die hier noch nicht behandelten, nicht minder wichtigen Fragen zu sprechen. Wir betrachten diese Seiten nicht als eine Kundgebung gegenüber der Verbands"iffentlichkeit, sondern im wesentlichen als ersten Versuch eines Führerblat'es. Daß die Aufsätze aber gerade innerhalb des Verbandes zu größerem Verständnis für unsere Arbeit beitragen, ist unser dringender Wunsch. Denn auch hier muß nochmals betont werden, daß der Pfa 'f'nderbund, unabhängig von seiner rein pädagogischen Arbeit, sein Ziel £ p^cinsam mit dem Verband und im Verband erreichen will. \ oraussetzung hierfür ist aber in erster Linie gegenseitiges Verständnis. Daran fehlte es bisher leider noch. iiiing Wir würden uns freuen, wenn diese Darstellungen nicht nur zu einer Auseinandersetzung in unserem Führer- und Aeltcrenkreis führten, sondern wenn auch von berufener, das heißt pädagogisch sachverständiger Seite im Verband St " .' genommen würde. Uns liegt nichts an einer polemischen Auseinandersetzung, uns liegt nur an einer s'--J:gen Aussprache über die sachlichen Probleme unserer Arbeit. Wir haben in diesen Aufsätzen neben den grundsätzlichen Fragen der jüdischen Pfadfinderarbeit nur i"'-r 'las P.-ctlem der Jür£"ren-(WölfIings-)Erziehung und über die Aelterenarbeit gesprochen. Aufsätze über die Miltl'-rrp^r^oit. die eigentliche Pfadfindererzichung und die Mädelsarbeit werden folgen. Die Unvollständigkeit ist nur auf die Tatsache des Raummangels zu setzen. Mit diesem Anfang hoffen wir aber Eund und Verband die Grundlage sachlicher Auseinandersetzung und produktiver Arbeit zu geben. Kurt London. Jüdische Pfadfinderarbeit in Deutschland Es gilt nicht nur Situationen zu erkennen, es gilt Situationen zu meistern. Jede Erkenntnis hat auf sorgfältiger Fundierung des Wissen*, auf seelischer Verbundenheit mit dem Gewollten zu beruhen. Und jenes nicht erkennbare proteron-hysteron der vom Gewollten beeinflußten Erkenntnis und des vom Erkannten beeinflußten Wollens zur Tat zu formen und über das Subjektive Ich hinaus der Gemeinschaft dienstbar zu machen, ist Sinn unseres Bundes. Jii'n englischer General schuf aus Beobachtungen des tagtäglichcn Lebens, aus der Beobachtung der einzelnen Menschcnjruppe im Staat und aus dem Verhalten des einzelnen im Gefahrenmomente des Krieges heraus das Buch für den englischen Jungen, nicht als ein Spielbuch, sondern als ein Lebensbuch. Der englische "Staat, das british empire. braucht Menschen, die fähig sind, für eine Gemeinschaft zu leben, die fähig sind, ihre eigne Person ohne das Gefühl des Opfers zurückzustellen für das Ideal des Reiches. Es kommt hier nicht darauf an, Kritik, zu üben an dem Sinn dieses Ideals, und es liegt mir fern, all das gut zu heißen, und gerade etwa für uns Juden gut zu heißen, was höchstes Gut der Jugend des Landes ist, für die das Buch „Scouting for boys ' geschrieben-wurde. — Ein einfaches Buch mit praktischen Winken, mit kurzen Erzählungen von Ritterlichkeit, Mut, Entschlossenheit, Tatkraft; eine eigenartige, in besondere Formen gekleidete Erziehungslehre, die nichts zu tun hat mit jenen zünftigen Wissenschaften und fern steht jeder Schulpädagogik, die auch in der Moderne allzu sehr Jugendfremdheit und vor allen Dingen Erlebnislosigkeit atmet. Die praktische Beobachtungsgabe eines Generals war mehr als manche Wissensübung. Sich einzusetzen für den Schwachen, nicht als mildtätiger Helfer, sondern als ein Bruder des Schwachen, wurde Losung des Pfadfinders. Gemeinschaft über die Person. Ideal über Materiellem. Aber nicht ein Ideal eines romantischen, außerhalb des Lebens stehenden Wandervogeltums, das deutsche Jugend sich schuf und das an den harten Tatsachen des Lebens scheitern mußte, sondern das Ideal des Mannes, der Frau, die imstande sind, einzeln im Leben ihren Weg zu gehen, die stark genug sind, sich durchzukämpfen und diese Stärke nicht benutzen zur Verherrlichung eines sacro egoismo, sondern zum Dienet an der Gemeinschaft. Was als Ideal herrlich war, zeigte gewiß in der Praxis manches Fehlerhafte. Formen äußerer Straffheit für tatbereitc Jungen erdacht, adaequat der ' neren Haltung, wurden Mittel chauvinistischen Regierungsv ens Aber überall dort, wo man weiter dachte als an den Augenblick, gelang es, dem Ideale ein gut Stück näher zu kommen; der Weltbund der Pfadfinder entstand. Prüfung und Verpflichtung gaben Richtschnur dem Handeln des einzelnen. Das Gesetz als moralische Grundlage und als Zielsetzung gab den inneren Halt und gab die Notwendigkeit dauernder Auseinandersetzung des Menschen, n'cht so mit den anderen als mit sich selber. Der Kampf um die Erfüllung der Pfadfindergesetze, die in ihrer Einfachheit selbstverständlich erscheinen, aber in ihrer Selbstverständlichkeit von der Al'gcmeinheit kaum gehalten werden, währt beim Pfadfinder sein Leben lang. Stets sucht er besser zu werden, n;;ht in der Isoliertheit der Mönchsklause, sondern in der Lebensprobe des täglichen Kampfes, im Beruf, für sich und die Seinen, im Ideal für die Gemeinschaft. Und die Verpflichtung, sie ist das Versprechen des Jugendlichen, sich einzusetzen nach Kräften für das Ueberpersönliche. — Was dem Jüngeren oft leicht erscheint, ist für den Aeltcren weit schwieriger. Gesetz und Verpflichtung behalten ihren Sinn, so unvollkommen er oft scheinen mag, den Wortlaut dazu gibt das Leben und die Folgerung zieht der einzelne. Für uns Juden hat die Pfadfinderei eine besondere Bedeutung, nicht nur deshalb, weil die Weltbruderschaft der Pfadfinder in ihrem Sehnen nach wirklichem Frieden und wirklicher Versöhnung der Völker in den Volkssplittern unserer Gemeinschaft eine wirksame Stütze findet, sondern deshalb, weil wir auf Grund einer jahrtausendelangen Tradition und der damit verbundenen vertieften moralischen Haltung, oder besser_ gesagt, der uns überkommenden Verpflichtung dieser moralischen Haltung Vorkämpfer sein können für das, was Sehnsucht anderer Völker ist Unser Leben müßte beispielgebend sein. Unser Tun der Welt gegenüber beweisen, was Tradition im besten Sinne vermag. — Wenn wir als jüdische Scouts Prüfungen ablegen, so werden wir nicht geprüft, sondern prüfen uns selbst, wie stark wir in unserer seelischen Haltung, in unserem Können und Wissen sind. Um durch unsere Gemeinschaft Vorkämpfer für Ideale der Menschheit zu werden, im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.