Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 1 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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geweihten, gegen menschliche Vernunft erhaltenen, erstarrten Prinzip etwas grundsätzlich Neues entgegenzusetzen und die} mit allon Kräften zu verteidigen. Das bedeutet für uns jungo Juden: An Stelle eines uneinigen Judentums, das seine Fehler und Mängel weiterpflcgt und billigt, ein neues, lebenstüchtig«! Judentum zu schaffen und die Fehler gewisser Teilo des heutigen Judentums ein für allemal zu beseitigen. Dazu ist vor allen Dingen erforderlich, daß wir klar und unverbaut die gegenwärtige Lage des Judentums erkennen. Von außen hetzt ungestüm der Nationalsozialismus gegen seinen Bestami, im Innern zersetzen wirtschaftliche und soziale Unterschiede das Judentum und erhalten Nahrung vom innerjüdischeu l'arteiegoismus. Man diskutiert tagelang darüber, wie dem Nationalsozialismus zu begegnen sei, begegnet ihm aber nicht; denn jeder scheut die Tat. Der jüdische Geschäftsmann stiftet zwar hin und wieder eine beträchtliche Summe für diesen oder jenen Abwehrverein, aber es ist kein Tatwille dahinter: ■lebte merkt man von einer Solidarität der jüdischen Unternehmer. Während tagtäglich der Nationalsozialismus den Boykott gegen jüdische Geschäfte verschärft, heißt es bei uns: ja nicht das Geschäft mit unserer nicht jüdischen Kundtchuft verderben, sonst sind wir dem wirtschaftlichen Untergang geweiht. (. . . . Wie viele jüdische Geschäftsleute sind bereits infolge dieser Einstellung des kaufenden Publikums um ihre Existenz gebracht, wie viele antisemitische .Geschäftsleute fett geworden, um ihren Kampf gegen das Judentum in verstärktem Maße weiterführen zu können? Wie viele junge Angestellte erleiden persönlich und seelisch oft die größten Schädigungen, so daß sie nicht selten Selbstmord begehen, nur weil viele jüdische Kaufleute als obersten Leitsatz „Mein Geschäft muß judenrein sein" beherzigen?) Diese Einstellung beruht auf einer Argumentation, die äußerst trügerische Schlüsse ziehen läßt. Der jUdischo Kaufmann denkt, er sei seiner ökonomischen Sclbstcrhaltung schuldig, selbst mit antisemitischen Unternehmungen (sofern sie den Juden noch nicht boykottieren) sich gutzustellen. I r vergißt dabei aber, daß die politische Lage sich jederzeit lindern kann und es in diesem Falle für ihn die vernünftigere Politik gewi -i-n wäre, hauptsächlich innerhalb des Judentums wirtschaftliche Verbindungen aufrechtzuerhalten, da uns das Schicksal doch auf Gedeih und Verderb miteinander verbindet. Was nützt es uns, Uber Berufsumschichtung zu sprechen, wenn wir wissen, daß infolge der politischen Vorgänge diese Frage nur ganz nutzlos gestellt werden kann? Wäre es nicht richtiger, s ch im Kampf gegen die Verdrängung des Juden aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens zu betätigen, als jüdische Siedlungen zu schaffen, die einerseits den Antisemitismus infolge de3 Konkurrenzneides unter den Bauern verstärken, andererseits bei einer nationalsozialistischen Regierung in die Hände unserer Feinde übergehen und also mit großem Kostenaufwand nur für sie alloin geschaffen wären, lici den maßgebenden Stellen glaubt man ein wirksames Mittel zur Verhinderung dos Boykotts gefunden zu habon. Man verklagt die antisemitischen Zeitungsleiter, die in ihren Zeitungen zum öffentlichen Boykott jüdischer Geschäfte auffordern und erreicht dabei, daß diesen Zeitungen die Aufforderung zum Boykott verboten wird. Praktisch ist damit gar nichts erreicht; denn es hat schließlich dieselbe Wirkung, wenn die Nationalsozialisten durch Worte die Bevölkerung zum Boykott aufhetzen, als wenn es ihre Presse tut. Aber man weist immer auf die „moralische Wirkung" solcher Urteile hin. Was nützt uns diese ..moralische Wirkung", wenn andererseits die Herren, die unsere Abwehrarbeit leiten, die Lügennachrichten und Fälschungen der Rechtsprosse lesen und erst im hundertsten Falle gerichtlich vorzugchen wagen, wiewohl rein objektiv betrachtet die Beleidigungen und falschen Anschuldigungen derart ungeheuerlich auch in den anderen Fällen sind, daß sie unter normalen Umständen zugunsten dos Klägers im Falle einer Prozeßführung enden w ürden. Auf der einen Seite ..moralische Erfolge", die unsere Gleichberechtigung bestätigen sollen (aber unseren durch den Boykott geschädigten Menschen keine Entschädigung bieten), auf der anderen Seite völlige Ohnmacht in der Erkenntnis, daß diese Gleichberechtigung immer mehr schwln« det. Ist dieser Weg zur Bekämpfung dos Boykotts erfolgreicher als der der wirtschafHieben Solidarität des Judentums? Wir überlassen es eurem Urteil. Erste Grundlage unseres wirtschaftlichen Seins ist unsere politische Gleichberechtigung in Deutschland. Und wenn die Nationalsozialisten uns durch wirtschaftlichen Boykott angreifen, ist es unsere" Pflicht, durch erhObte wirtschaftliche Solidarität innerhalb der Gameinden diesem Boykott schlagfertig zu begegnen. Diese, durch eine kurzsichtige Auffassung der Verhältnisse entstandenen Mißstände sind zwar in ihrer Auswirkung äußerst unheilvoll, bei weitem gefährlicher sind die sozialen Mißstände innerhalb des Judentums. Wir wissen, daß infolge des Judenhasses und der eben geschilderten Verständnislosigkeit gegenüber dem Krnst der Lage die jüdische Bevölkerung am stärksten unter dem l>rurk der \\ irt-chaftsnot leiden muß. Duzu kommt noch, daß die ..soziale Luge" in unseren Kreisen ungeheuer wirksam ist. Hier, wo veraltete Ansichten nndj Gewohnheiten ihre verheerendste Wirkung zeigen, ist es die besondere Aufgabe" der Jugend, umformend einzugreifen. Wenn das Einkommen einer Familie weit unter die gewohnte Grenze gesunken ist, so ist es nicht etwa erstes Gebot, seinen Verbrauch einzuschränken, sondern man will .unter allen Umständen seine gesellschaftliche Rolle weiterspielen. Vielleicht geschehen aus diesem Grunde die meisten Selbstmorde: Eines Tages kann man unmöglich mehr diese Rolle weiterspielen und findet die Tatsache so betrüblich, daß man sein Leben hinwirft. Hier muß rücksichtslos eingeschritten werden, und zwar sowohl gegen den Geist solcher Gewohnheiten als auch gegen diejenigen unsozialen Institutionen, die ihm ohne Unterlaß Nahrung gowähren. Ks dürfen heute nicht mehr monatlich „zur Pflege der Geselligkeit" öffentliche Festessen abgehalten werden, es darf keine Vereine geben, die mehr als einen öffentlichen Ball (ausgenommen reine Wohltätigkeitsveraiistaltungen) jährlich veranstalten, die Sitte der privaten „Rcnommier-Einladungcn" muß verschwinden. Wie schlimm sich dieser Geist bereits in jugendlichen Kreisen ausgewirkt hat, ist wohl keinem von uns unbekannt. Heute schaden wir uns doppelt: wir steigeru den Antisemitismus und machen unsere mühevolle Abwehrarbeit nutzlos und begehen ein der Not in unseren Reihen hohnsprechendes Verbrechen. Nicht eindringlich genug können wir den Eltern vieler junger Menschen vor Augen führen, wie schädlich ihre Erziehungsmethoden dem Judentum sind. Nicht eindringlich genug können wir Menschen, die solche Handlungsweise von ihren Kitern übernommen haben, auffordern, sich solchen Bestrebungen ihrer Eltern aufs entschiedenste zn widersetzen. Daher nochmals Kampf gegen die soziale Lüge. Kampf auch der sozialen Ungerechtigkeit! Die sozialen Hilfeleistungen innerhalb der jüdischen Gemeinden werden von unzähligen privaten Vereinen vorgenommen. Trotz der besten Absicht dieser Vereine ist es dabei infolge der weite» Verzweigung nicht ausgeschlossen, daß oinzelne, auf ihren persönlichen Vorteil bedachte Menschen, die in diesen Vereinen arbeiten, stets ihre speziellen Freunde bei Unterstützungen usw. bevorzugen. In den Reihen der jüdischen Unterstützungsbediirftigen hat dies schon oft böses Blut gemacht. Wäre es nicht zweckmäßiger, das gesamte Wohlfahrtswesen in dio Hände der Gemeindeverwaltung zu legen und die Arbeit der Vereino zu entlasten? Es kann woM angenommen werden, daß dio von der Gosamtgcmoinde gewählte Gemeindeverwaltung allein das Vertrauen genießt, möglichst gerecht die Ansprüche zu berücksichtigen. Erst wenn die Gemeindeverwaltung auf diesem Wege wieder weitere Funktionen erfüllen kann, wird sie wieder zum Zentrum des Geineindelebcns werden. Das ist ein geringer, aber äußerst bedeutsamer Fragenkomplex, der uns beschäftigt. Unser Kampf gilt dem Geisi «lerer, die sie erst zu Fragen gemacht haben. Ks n>ht dio Bchfcksalsstnnde des deutschen Judentums. Viele schrecke« heute die Jugend ab. an der Lösung der brennenden Fräse« Imitzuarbeiten, mit der Behauptung, es fehle uns die Erfahrung. Wir fragen: Könnte es nicht doch möglich sein.