Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 18 (1932)
- Issue
- 1 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Minute vor 12 Revolution der Jugend Welt in Aufruhr! Gegensätze bekämpfen sich, treffen •ich, Ereignisse verwickeln sich, Unglaubliches wird alltäglich. Alltägliches unglaublich; ein ungeheures Ringen durchfurcht die Welt. Es ist die große Unbestimmtheit einer Zeitenwende. Und unbewußt, wie bei jeder Zeitenwende, spielt sich ein Kampf zwischen Idealismus um! Materialismus ab. Hier stehen Nationalsozialismus, Imperialismus als Vertreter des reinen, aller sittlichen Hemmungen, aller menschlichen Ideale, wie Gleichheit und Brüderlichkeit, entblößten Machtgedankens, dort künden Vertreter einer neuen verinnerlichten Weltanschauung, wie Werfel usw., oder Anhänger einer wirtschaftlichen Gleichheit weltbewegende Ideen. Die Zeit trägt Keime in sich für alle Richtungen, sie ist reich an unendlichen Möglichkeiten: sie läßt Hoffnungen erstehen, Besorgnisse auftauchen; es ist die Atmosphäre einer verworrenen, nach einer Lösung drängenden Zeit. Die Jugend unserer Tage ahnt leise und unsicher die Geschichtlichkeit d'.- Augenblicks, und gerade sie ringt wie keine andere Gruppe nach Erlösung. Und erst recht die Jüdische Jugend fühlt sich im Brennpunkt der Ereignisse. Sie erkennt in immer weiteren Kreisen, daß auch ihre Schicksalsminute gekommen ist. Wollen wir nicht einige Sekunden dieser letzten Schicksalsminute der Besinnung opfern? Wir leben in einer Zeit, die zu Extremen neigt. Diese Tendenz beherrscht auch das Seelenleben des jungen Mensehen. Stärker denn je scheiden sich auch bei unserer jüdischen Jugend zwei Typen: der aktive und der passive. Der aktive junge Jude ist heutzutage mit aller Macht bemüht, auf Grund der Erkenntnis seiner wahren Eage entscheidend in das Schicksal einzugreifen, und er wendet sich deshalb politischen Parteien, den Sozialsten oder Kommunisten, - zu, oder aber er sucht seinen Trieb zur Aktivität in den Reihen der Zioni-ten zu befriedigen. Ein großer Teil unserer Jugend jedoch ist solchen Problemen gegenüber passiv eingestellt und entwickelt daher nach anderen Seiten hin eine um so größere Aktivität; es sind diejenigen, welche sich fiber ihr wahres Sein und Schicksal durch ein der Gesellschaft und dem Vergnügen geweihtes Leben hinwegtäuschen oder seiner nicht gewahr werden wollen. Beide Typen gehören trotz ihrer so ungeheuer verschiedenen Interessensphären dem Judentum an. einem Judentum, das heute mehr denn je von äußerer Gefahr bedroht ist und das heute von einer Religionsgemeinschaft infolge des Antisemitismus' zu einer Schic ksalsgemeinsehaft wird. Und .beide Typen sind gerade im Interesse dieses so schwer um seine Erhaltung ringenden Judentums nicht sehr wertvoll. Die aktive Gruppe -kämpft meistens nicht innerhalb des Judentums, sondern verlegt ihr Schlachtfeld auf den Boden der außerjüdischen, politischen Parteien. Das wäre an und für sich sogar begrüßenswert, wenn es sich nicht herausgestellt hätte, daß diese jungen Menschen ihre Verantwortung und ihre Pflichten gegenüber der jüdischen Gemeinschaft vernachlässigen. Sie wollen nicht einsehen, daß sie im Augenblick der höchsten Gefahren ihr Schicksal nicht als Soziali-ten, Zionisten (? D. Rod.) oder Kommunisten gestalten werden, sondern, daß sie es als Juden ertragen müssen. Die passive Gruppe schadet sogar dem Judentum. Dadurch, d.iß sie ein bloßes Gesellschaftsleben führt, übernimmt sie auch Anschauungen der älteren Generationen, die in der heutigen Zeit äußerst nachteilige Wirkungen haben können. Warum, das werden wir weiterhin noch erörtern. Erzieher und Eltern sind stets bereit, der Jugend selbst fur diese Tatsachen die Schuld zuzuschreiben. Aber die Dinge liegen in Wirklichkeit anders. In einer sturmgepeitschten Zeit ist jeder einzelne Mensch der Verantwortung für sein Tun unterworfen. Erst recht dann, wenn er einer Gruppe zugehört, die um ihre geistige und wirtschaftliche Selbsterhaltung zum Kampfe gezwungen wird. Erst recht dann, wenn er als junger Mensch die er-, höhte Verantwortung für die Zukunft dieser Gruppe tragen muß. Jeder Jude ist heute seinem Judentum gegenüber verantwortlich. Aber was ist denn Judentum? Wo steht dos Judentum, das ihn zur Verantwortung zu ziehen die Berechtigung hat? Da sind Zionisten, da sind natioimldout-elie Juden, da sind orthodoxe, da sind liberale, da sind sozialistische, da sind Ball.iuden. Jeder Sondergrüppler lebt in dem Wahn, daß gerade er mit Hilfe seiner Idee das Schicksal des Judentums lenken wird. Von außen jedoch stürmt mit Macht eine Richtung an, die dos Judentum zu entwurzeln, die sein Schicksal zu bestimmen droht und die uns nicht nur aus jndenfeindlichen Gründen weltanschaulich fernsteht, sondern namentlich deshalb, weil sie die gleichen Menschenrechte, für die Jahrhunderte lang in aller Welt Juden gekämpft haben, gelebt und gestorben sind, zugunsten einer durch Romantik verhüllten Ichvergötterung mit einem Federstrich aus der Welt schaffen will. Der junge Mensch, der in seinem auf. richtigen Bestreben kämpft, etwas für das Judentum zu leisten, läßt nach dem ersten, kläglich mißglückten Versuch die Mundo davon, weil hundert Stimmen ihm zurufen: „Das war nicht im Interesse des Judentums, weil es unseren Interessen (siehe Vereinsparagraph Nr....) zuwiderlief." Oder der junge Idealist wird irgendwo in einem Bund einer der berüchtigten Vercinsfanatiker, die sich in keinem Punkt von den alten „Bonzen" unterscheiden und ist ebenso wie dieser eifrig bemüht, seinen Namen möglichst oft gedruckt zu si'lien und n der Gemeinde bekannt zu werden. Da finden wir aber, wie gesagt, den aklhen iung -n luden. Dieser, ein Messiis bei den Wilden, kämpft dahetiu und überall einen verzweifelten Kampf für seine Sonderriclitung und rühmt sich mit Stolz als Revolutionär. Aber mi difseiu Men-chen kann man nur eines als revolutionär anerkennen: das Programm, das er vertritt. Er selbst, glaubt er, sei des* halb ein Revolutionär, weil seine Anschauungen den hergebrachten vollständig entgegengesetzt zu sein scheinen. Aber es ist nur eine andere Auswirkung eine* tief durch die Erziehung dem Menschen eingepflanzten Willens zu Sonderbestrebungen. Wie der junge Mensch in älteren Kreisen den Kampf der verschiedeneu „Weltanschauungen" und ihrer Vertreter gegeneinander von Jugend auf mit ansehen nml-le. so.gräbt sich ihm dieser Wille zum Kampf um eine Anschauung so ein, daß wir — dem Naturgesetz vollkommen zuwiderlaufend — 15- und 16jährige Menschen oft derart auf eine bestimmte Anschauung sich stützen sehen, daß sie keiner sachlichen Diskussion zugänglich sind. Revolution ist das Vorrecht der Jugend. Das vergesse* alle Eltern und Erzieher, weil sie auch ihre eigene Jugendzeit vergessen haben. Am Beginn einer solch umwälzenden Zeitenwende wie heute ist es aber nicht unser Hauptrecht, es ist vielmehr unsere Hauptpflicht, gegen eine Einstellung, die uns ins Verderben stürzen kann, zu revoltieren. Denn es handelt sich nicht um die Zukunft der Jugend, sondern tun die des Judentums in Deutschland überhaupt. Dieses Judentum aber, unibrandet von Gefahr und Vernichtung, erkennt nicht die schicksalsmäßige Verbundenheit seiner Glieder. Es erhitzt sich am Kampf um inncrjUdischc Fragen und entzweit sich dabei .... Und die Jugend schürt diesen Brand, statt ihn zu löschen. Kein Wille zur Einheit, keine Revolution gegen Entzweiung für Einigkeit. So verschlingen uns zwei Mächte: Gefahr von außen, Uneinigkeit im Innern. Diese Gegner können nicht vom Zionismus, Sozialismus, oder beliebigen anderen Sonderrichtungen angegriffen werden. Sie können nur vernichtet werden durch ein einiges Judentum. Dieses ist auf dem bisherigen Wege unerreichbar. Daher revoltieren wir gegen ihn! Revolutionär sein hoißt, einem längst dem Untergang