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Der Jugendbund · 1931-09-01 · 5 (9.1931) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
5 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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das ist sozusagen meine erste Begegnung im heutigen Polen; und das ist gewiß symbolisch. '.. IL In Praga, der interessanten Vorstadt Warschaus, besitzen die jüdischen Studenten ihr „Akademisches Haus". Das Ist nicht bloß so eine Art Heim oder Klublokal, sondern ein sehr weitläufiges, sechsstöckiges Gebäude, modern und hell und mit großen Sälen. Am 2. August, an dem heißen Sonntag, reißt der jüdische Besucher, der aus Westdeutschland kommt, die Augen auf: vor dem Akademischen Haus, Im Vestibül, in den Gängen und Zimmern wimmelt es von „Braunhemden". Die Hitlerpsychose hat uns etwas verwirrt; natürlich. Aber man reißt jetzt außerdem die Ohren auf, — diese „Braunhemden" sprechen ein wundervolles Hebräisch. Der polnische Landesverband dos „Brith Trumpeldor" hat seine Delegiertentagung. So ist man zu einem Ereignis gekommcnl Das sind prächtige Jungens und Mädels, stramme Kerle. Man begreift, daß so ein Aufzug der Stolz weiter judischer Kreise in Polen ist Als ich mein „Verbandsabzeichen" zeige, passiert ein drolliges Mißverständnis. Erfreut schüttelt man mir die Hand, empfängt mich mit einer Flut hebräischer BegrUßungsworte. Da merke ich erst, daß die Trumpeldor- Jünglinge an den Mutzen ebenfalls die „Menorah" als Abzeichen tragen. . . . Sie halten mich fUr einen Gesinnungsgenossen aus dem fernen Deutschland. Sie sind nicht böse, als leb einen mir sehr wichtig erscheinenden Aufklärungsvortrag halte. Um 12 Uhr mittags soll die Tagung beginnen. Im großen Saal, der den Namen von Albert Einstein führt. Um 11 Uhr erhalte ich im TagungsbUro, in dem es ungefähr so zugeht wie bei uns vor einer Delegiertentagung (nur etwas strammer i— Ich riskiere kaum das Wort, etwas militärischer, zum Beispiel: Finger an die Mützetl), meinen Ausweis zur Teilnahme an den Verhandlungen, die zwei Tage in Anspruch nehmen sollen. Kurze Zeit darauf habe ich Glück: der Führer der polnischen Organisation des Brith Trumpeldor, oder wie er genannt wird, der Kommandant gewährt mir, mitten In der letzten Vorbereitungsarbeit, eine Unterredung. Herr Propes ist ein Typus. So ungefähr habe ich mir immer einen prominenten Anhänger Jabotinskys vorgestellt: sehr sachlich, sehr korrekt, sehr ruhig. Er hat stahlharte Augen. Er muß einen starken Willen haben. Auch er ist in Uniform. Die Achselstücke zeigen drei „Mögen Dowid", dos Ist das Abzeichen des Kommandanten. Man muß nicht bloß die „Jüdische Rundschau" lesen, wenn man sich Uber den Brith Trumpeldor informieren will —, sagt er. Die Bewegung sei in den letzten zwei Jahren, seit der verflossenen Delegiertentagung, und besonders im Hinblick auf den Zionistenkongreß sehr im Aufstieg begriffen. In Polen zählt man 16000 Mitglieder. Mit dem Revisionismus stehe man lediglich in einem „vertraglichen Verhältnis", und zwar solange dort die Forderung nach dem hundertprozentigen, konsequenten Zionismus aufrecht erhalten bliebe. Ich frage, ob es zutreffe, daß der Bethar militärisch aasgebildet werde. Die Antwort Ist ein eindeutiges „Ja"! Aber diese militärische Erziehung Ist nur ein Teil der Gesamterziehung, der Hacbscharah. Die Erziehung Ist dreifacher Katar: Ideologisch, fachlich, sportlich-militärisch. Dieser „Militarismus" ist nie Selbstzweck. Er soll ein Schutz für die Aufbauarbeit in Palästina sein. Solange die Legion Im Lande war, hat es keine Pogrome gegeben, sagt Herr Propes. Und als ich den Einwand riskiere, daß England diese „militärische" Einmischung nicht tolerieren würde, erhalte ich die Entgegnung: Die zionistische Exekutive hat noch nie die Forderung des militärischen Selbstschutzes bei England oder bei dem Völkerbund erhoben. — Ich komme aus Deutschland, kein Wander, daß mir noch eine Frage auf den Lippen brennt: Man sagt, der Brith Trumpeldor sei faschistisch und würde mit den Methoden des Faschismus arbeiten. Das Lächeln, mit dem Herr Propes diese Bemerkung quittiert, werde Ich nie vergessen. .So wird wohl auch Herr Mussolini lächeln. „Nein!** sagt Herr Propes und wild wieder ernst, „Faschismus ist eine Regierungsform, die nur dort zu realisieren ist, wo bereits ein Staat existiert Wir haben keinen Staat. Vir können daher keine Faschisten sein. Die Erörterung über den Faschismus Ist erst möglich, wenn einmal der Indisch« Staat besteben wird." Herr Propes, der aus Riga stammt und ein fließendes Deutsch spricht, übergibt mich dann einem jungen revisionistischen Journalisten, und dann erst setzt so eine regelrechte Debatte ein. Unsern Verbandsfreunden, die zu den Besuchern unsere' großen Tagungen gehören, wäre das Erlebnis zu gönnen, d.ts man als neutraler Teilnehmer auf einer derartigen Landeskonferenz des Brith Trumpeldor hat. Die politischen Ideengänge mag man ablehnen, aber das äußere, in straffe Rahmen gespannte Bild einer derartigen jüdischen Kundgebung ist eine Freude mitten in dieser Epoche des Zerfall«, der Lauheit und der notorischen Meckerei. III. Da ist eine Not im Osten, gegen die unser Elend fast wie eine Attrappe anmutet. Die zusammengepferchten jüdischen Massen, insbesondere die Riesenzahl jüdischer junger Menschen, stehen mitten In Auseinandersetzungen von gigantischen Ausmaßen. Aber diese Menschen haben einen seelischen Elan, den man beinahe nicht mehr versteht Unglück und Ideale grassieren wie Epidemien. Viele Ideale sind bizarr und grotesk, — aber die Epidemie des Indifferentismuist nicht zu finden. Da ist noch unverfälschter Enthusiasmus. Am Abend nach meinem Besuch im Brith Trumpeldor halte ich In einem überfüllten Räume (in Deutschland würde man so viele Menschen 1q einen derartigen Versammlungsraum nicht transportieren können) vor den jungen Men-chen des religiös-sozialistischen Bundes „Dat-Wcawoda" einen Vortrag über die Situation der jüdischen Jugend in Deutsehland. Ich kenne das Publikum nicht, und auch das Jiddisch* beherrsche Ich, trotz der 14 Tage, erst geringfügig, und dennoch Ist es unglaublich, wie diese Menschen zwei Stunden zuhören können. Und charakteristisch sind die Anfragen am Schluß; denn ich habe sehr viel von unserem Verband erzählt. „Wie bereitet Ihr für Ercz Israel vor?" fragt ein Mädel. Und: „Worin bestehen die Erfolge Eurer religiösen Arbelt?'* >— „Wie kämpft Ihr für den Schabbos?" — Ganz schüchtern kommt zuletzt die Frage: „Und wie ist e9 mit den O-tjud.-n?'' — Ich bin der Ansicht, daß wir mindestens über einen Teil der Fragen noch lange und eingehend innerhalb unserer Reihen werden nachdenken müssen. IV. Mit einigen Talmudschülcrn unterhalte ich mich über den Sinn von Rausch-Haschonoh. Oben in Wilna war es. Da weiß man noch etwas zu sagen. „Es gibt für Rau-c h- Haschonoh eine feine Stelle in der Gemoroh", sagt mir einer. „Als der König David die Grundfesten für den Altar in Jerusalem legen wollte, da wallte das Chaos der Unterwelt empor, kochte und zischte und wollte an die Oberfläche du Erde. David sah einen Scherben, nahm ihn auf, schrieb den „Schern", den unaussprechlichen Gottesnamen, darauf und schleuderte den Scherben in die aufgewühlte Unterwelt. Und das Chaos wurde ruhig. Und die Grundfesten des Altars konnten in die Erde gerammt werden." Am Rausch-Haschonoh tobt auch das Chans unserer Unterwelt gegen uns. Wir wollen einen neuen Altar bauen. Waa tun wir? Es genügt ein Scherben, um die Unruhe der Zeit zu bändigen. Aber der „Schern" muß auf diesem Scherben gezeichnet sein. Und wir dürfen nicht lange überlegen Sondern müssen rasche Entschlüsse fassen, „schnell wie ein Hirsch . . .", sagte mein junger Freund. — Und da wußte ich auch, warum jener tote Rabbi den „Golem" ous Lehm in9 Dasein wecken konnte. Und warum der „Schern" in einem holzgeschnitzten Hirschkopf aufbewahrt worden ist. J. Raphael. Diskussion über die Todesstrafe Keinen Stillstand in der Debatte! Selbst, wenn nicht Todesstrafe vom jüdischen Standpunkt aus In Angriff gegerade die Hinrichtung eines Peter Körten vor der Tür steht, Bommen wissen wollte. Iari Bayer, Bingen, reibt sich an dieser •wie damals, als ich — in Anlehnung an die Ausführungen „Haltung". Der Inhalt scheint ihm zu passen, aber die „Haieiner rabbinischen Autorität — das gewaltige Problem der trog"! Das ist typisch. Erfreulicherweise geht in jüdischen 13

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