Mannheim
Compact Memory

Der Jugendbund · 1931-09-01 · 5 (9.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
5 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492456-6352312-6352579--1075-4929207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sienulmt an Suren Beiern und &esten der innerjüdischen Zerrissenheit. In jedem Bund sind die Vorstellungen einer jüdischen Gemeinschaft andern. Doch einmal treffen die jüdischen Menschen aller Bünde in einem Kreise zusammen. Dann passen sie nicht zueinander, weil sie sich nicht verstehen, weil ihre Vorstellungen l nn ihrer Gemeinschaft grundverschiedene sind. Das jüdische Moment ihrer Erziehung reicht nicht aus, um gemcinschaftäbildend zu wirken. Das Attribut zum jüdischen Uberwiegt, liberal, orthodox, zionistisch, sozialistisch, und jeder dieser Begriffe noch geteilt in zwanzig I'nterbegriffe und verbunden durch alle möglichen Kombinationen. Und den jungen Menschen, In den der großo Gemeinschaftsbegriff gepflanzt Ist, stößt die Zersplitterung ab, er sucht seinen Lebenskreis außerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die nach seiner Anschauung keine is't. VIII. Die jüdische Jugendbewegung klagt über den Mangel an Führern. Führende Menschen finden sich dort ein, wo es Aufgaben zu erfüllen gibt. Die jüdische Jugendbewegung hat sich keine Aufgaben mehr gestellt. Sie hat den Höhepunkt überschritten, Ihr Leben Ist heute nur noch ein Abklingen. Sie lebt von den Idealen ihrer Vergangenheit IX. Die jüdische Jugendbewegung ist wirklichkeitsfremd geworden. Aus engen Bandesideologien heraus entsteht ein Erziehungsprogramm, das nicht mehr den Menschen der Bünde gerecht wird. Mit Idealen allein erzieht man nicht znm Leben. Die Wirklichkeit ist heute schwerer denn je. Den jungen Menschen bewegen die Fragen seiner Umgebung, die Fragen seiner persönlichen Lebensgestaltung. Die kann sich nicht, wird sich nicht nach jugrndbewegter Vorstellung richten können. Der Bund verlangt von seinen Menschen Bandestreue. Der Band muß/ seinen Menschen treu sein. Diesen Hingen Menschen, die sich entwickeln und in ein Leben hineinwachsen, das hündische Gedankengange nicht kennt. X. Die jüdische Jugendbewegung hat zwei Möglichkeiten. Entweder sie geht den alten Weg weiter. Dann gibt sie sich selbst auf und wird keine Rolle mehr für die Zukunft des deutschen Judentums spielen. Odpr aber sie erkennt, daß sie am Scheidewege steht. Dann wird sie die Konsequenz aus dieser Erkenntnis ziehen müssen. Iiier gibt es nur einen Weg. Sich freimachen von der Vergangenheit, der Gegenwart gerecht werden. Bejaht die jüdische Jugendbewegung die Zukunft des deutschen Judentums, dann muß sie ihre Menschen zu einer neuen jüdischen Gemeinschaft erziehen. Dann muß sie zum entscheidenden Moment ihrer Erziehung das Gemeinsame, und nicht das Trennende machen. ■ Und dieses Gemeinsame kann -ie nicht in der Enge hündischer Ideologien suchen, nicht in den Programmen der Gruppen t und Parteien, deren Nachwuchsbewegung die Bünde heute sind. Die jüdische Jugendbewegung muß den Mut zur RevoiIiuq haben. Muß den Mut haben, einmal von neuem mzufangen. Die Führer der jüdischen Jagend aller Rich- 'itigen sollen zusammenkommen. Sie sollen das Gemeinsame loser Bundesvorstellungen, das Gemeinsame Ihrer Lebens- ■ i-tellungen für ihre Menschen suchen. Sie müssen sich .1 iriiber klar werden, ob dieses Gemeinsame ausreicht, um zu piner jüdischen Gemeinschaft zu kommen. Sonst müssen sie lire Ziele revidieren. Wenn sie die Gemeinschaft bejahen. XI Das Gemeinsame ihrer Vorstellungen müssen die jüdischen Iliinde vervollkommnen, müssen es in Einklang bringen, mit den Möglichkeiten eines jüdischen Gemeinschaftslebens. Der Krzichungsweg mag verschieden sein, manche Ziele mögen differieren, aber ein Ziel muß allen gemeinsam sein: die 'tidische Gemeinschaft. Die hündische Bewegung ist für den einzelnen zeitlich begrenzt. Aber die Arbeit an dem einzelnen, sein engeres jdie SpendenheHe Gemeinschaftsbedürfnis hört damit nicht auf. Die Aelterenbünde müssen geschaffen werden. , XII. Dort, wo es heute Gruppen ehemaliger Jugendbewegter gibt, ist eins festzustellen. Das Gemeinschaftserletmis dieser Menschen stützt sieh nur auf das gemeinsame Erlebnider hündischen Vergangenheit, nicht der realen Gegenwart. I nd Menschen leben nicht nur von der Erinnerung'an das (iewesene, von mehr oder weniger sentimentalen RUekblii k.-i. Und die durch die Forderung gemeinsamer Vergangenheit gegebene Verengung ihrer Kreise bringt sie auch Bichl zu neuen Erkenntnissen, zu neuen Ausblicken. So werden -ie nicht aktive Gestalter, bleiben Triiuiuer. Diese Aelteren müssen den Mut zu neuen Formen ihrer Gemeinschaften gewinnen. Sie müssen die Vorstellung der hündischen Gemeinschaft ersetzen durch die Vorstellung eines Kreises im Rahmen der gesarntjüdisehen Gemeinschaft Ihre Aufgaben liegen auf dem fJebiet des wirkliehen Lebens. Sie müssen ihren Menschen neben dem geistigen einen mensen» liehen und, was mir entscheidend seheint, auch einen wirtschaftlichen!'ilt geben. In einer — it in der das Leben des einzelnen mit am stärksten von seiner wirtschaftlichen Stellung bestimmt wird, kann er nicht in einer Gemeinschaft wurzeln, die ihn mit schönen Theorien und geistigen Genüssen füttert. Aeltereitkreise müssen auch den persönlichen Forderungen ihrer Menschen gerecht werden können, oder sie halien heute keir.e Existenzberechtigung. Literaturzirkel und politische Versammlungen gibt es genug. XIII. Der Trennungsstrich zwischen Erzicbuiigsbiiiiden und Aeltcrengruppen muß ganz klar gezogen werden. Jode formale Verbindung belastet die einuu wie die anderen. Aber die Erziebungsbünde uutcieinander müssen ebenso wie die Aelterengruppen in engen Konnex stehen. Heute ist die jüdische Jugendbewegung mit der stärkste Trennungsfaktor. In Ihr werden die Gegensätze zum Bewußtsein des einzelnen gebracht ohne daß der Ausgleich durch die Erziehung zur jüdischen Gemeinschaft gegeben wird. Die jüdische Gemeinschaft ist da. Sie mag vielen unvollkommen scheinen, ist es bestimmt auch. Aber sie wird nicht geändert, wenn jeder Bund seine Menschen zu einer anderes Vorstellung erzieht. Sie kann nur von innen heraus geändert werden, durch Menschen, die in der klaren Erkenntni.- der Gegenwart zu einem klaren Wollen für die /Cukunrt erzogen werden. Die jüdische Jugendbewegung wird ihre Aufgabe nur erfüllen können, wenn ihre Mon-ehen stark genug sind, die jüdische Gegenwart zu ertragen und die jüdische Zukunft zu gestalten. Der Gegenwartsged.inke fehlt in der Erziehung der Bünde. XIV. Noch lebt die jüdische Jugendbewegung, noch i-i -iezeugungsfähig. An den verantwortlichen Führern ist es. die ewige Idee einer Jugendbewegung, die Idee des Lebens und der Erneuerung, der Gestaltung der Gemeinschaft, deren lebendigster Teil sie ist, aus einem alternden Körper zu lösen und zu neuer Wirklichkeit zu erwecken. Nur müssen diese Führer sich selbst überwinden. Das deutsehe Judentum steht vor der Entscheidung. Seine Jugend hüll die Augen geschlossen und träumt. Sie muß aufwachen, ehe es zu spjM i-t. XV. Selten wohl ruhte auf einer jungen Generation eine \ erantwortung so ungeheuerlicher Art. Zwei Wege gibt es. Der eine ist bequem, führt aber ins Nichts. Der andere ist gewaltig schwer. Fordert den Mut zu wirklicher revolutionärer Gesinnung, den Mut zur Erkenntnis, zur Ueberwlndüng der Vergangenheit und zum Bekenntnis zur Gegenwart. Die jüdische Jugendbewegung steht am Seheidewege. Die Wahl des Weges liegt in ihrer Hand. Aber sie muß sich dessen bewußt sein, daß ihre Entscheidung nicht nur ihr Schicksal bestimmt, sondern das Schicksal des deutschen Judentunis. Kurt London. Tl

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.