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Der Jugendbund · 1931-09-01 · 5 (9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
5 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Material für die Winterarbeit in den Vereinen Da3 deutsche Judentum befindet sich in einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwandlungsprozeß. Der einzelne wird davon ergriffen, mit oder gegen seinen Willen. Instinktiv erkennt er oft, worum es sich handelt, lehnt es »her dennoch ab, auch nur die kleinste Folgerung aus dieser Erkenntnis zu ziehen. Der alte Trost des „gam seh letauwoh", der die Juden im Läufe der Geschichte das Furchtbarste hat ertragen lassen, ruht auch heute wie ein Gespenst auf ihnen und versetzt sie in den Glauben an den gottgewollten Ablauf der Geschehnisse. Kampf gegen mangelnde Erkenntnis im Judentum konnte daher der Untertitel des jüngst erschienenen Buches von. Dr. Alfred Markus sein: „Die wirtschaftliche Krise des "deutschen Juden." Es ist ein Gradmesser fUr die Existenz des deutschen Judentums. Markus untersucht dio wirtschaftliche Lage der deutschen Juden, stellt auf Grund eingehender Studien ihre Anteilnahme am deutschen Wirtschaftsleben dar und kommt zu dem Ergebnis einer notwendigen, beruflieben und gesellschaftlichen Umstellung, soll nicht in absehbarer Zeit die Töllige Auflösung eingetreten sein. Die wirtschaftliche Position der deutschen Juden wird an Hand der vier, großen Berufszweige aufgezeigt, an denen sie In der Hauptsache beteiligt sind: 1. der Metallhandel, 2. das Bankwesen, 3. die Textilwirtschaft, 4. der Getreidebandel. In allen vier Kreisen treten die gleichen Erscheinungen »uf: Starke Pioniertätigkeit, Schaffung neuer Wirtschaftspositionen. Die weitere Folge der Entwicklung« Rückgängige Anteilnahme, .die fast zur völligen Ausschaltung führt, durch das Anlernen nicbtjUdisher Menschen. Juden sind die Schöpfer wirtschaftlicher Großtaten (Konzernierungen, Warenhäuser), die in ihren Auswirkungen sich dann katastrophal gegen den einzelnen Juden richten. An Hand von Zahlen wird z. B. nachgewiesen, daß trotz leitender jüdischer Kreise der wirtschaftliche Einfluß der Juden von Jahr zu Jahr geringer wird, daß sogar der Nicbtjude in Häusern, die von Juden geleitet werden, größere Aufstiegsmöglichkeiten hat, als der jüdische Kaufmann. — „Man darf die Verschlechterungen der Juden nicht Immer mit Antisemitismus entschuldigen, sondern muß die Ursachen tatsächlich sehen." Diese Feststellung führt zum Problem der gesellschaftlichen Umstellung. Die Juden wünschen beute noch immer jene Zeit des Vorkrieges zurück, In der sie infolge eines aufsteigenden Wirtschaftslebens reüssieren konnten. Sie erkennen nicht die veränderte Entwicklung vom individuellen zum kollektiven Handeln und legen daher falschen Maßstab bei der beruflichen Entscheidung Ihrer Kinder an. Der Verfasser gibt „objektive Voraussetzungen" nnd stellt „zwangsläufige Folgerungen" fest. Die Individualistische Tätigkeit im deutschen Wirtschaftsleben hat enge Grenzen bekommen, Organisierung, Konzernierung sind die neuen Ausdrucksformen. Folgerung: Die führende Tätigkeit in dieser Wirtschaftsform ist an sich bereits beengt, daher bewußte Proletarisierung, wobei dem Wort gleich jener herabsetzende Beigeschmack, der ihm in jüdischen Kreide* noch anhaftet, genommen wird. Das Buch bietet ungeheuren Stoff, der trotz der starken Durchtränkung mit statistischem Material nicht ermüdend wirkt und leicht verständlich ist. Jeder unbefangene Leser findet Erhebungen über seine eigene Situation und darüber hinaus auch die Konsequenz, die sich aus derselben ergibt. Die Arbeit ist ausgezeichnetes Material für die Arbeit— gemeinschaften unserer Vereine. Wo junge Juden zusammenkommen, muß dieses Werk Mittelpunkt ihres Interesses werden. Eine weitergehendeTJchandlung der Situation des Judentums Uber das deutsche Judentum hinaus finden wir in den beiden Bänden von Dr. Artur Ruppin: Soziologie der Juden. Hier werden Untersuchungen jiber Juden angestellt und der Begriff jüdischer Mensch — judisches Leben von der Betrachtungsweise des Gesamtjudentums aus behandelt. Im ersten Band gibt Ruppin Aufzeichnungen über die Juden als Rasse, eingehende Statistiken über Bevölkerung, Verteilung der Juden auf Stadt und Land, Geburten, Ehe, Mischehe, Vererbungen, Krankheiten. Es ist eine Fundgrube für den, der sich über die Eigenarten jüdischer Menschen und jüdischen Lebens orientieren will. Der zweite Band trägt das Unterthema: Kampf der Juden um ihre Zukunft. Hier bleibt Ruppin nicht allein der Sammler . von Material, hier spürt man den Willen, auf Grund der Erkenntnisse für die wirtschaftliche und. politische Lage des heutigen Judentums einen Weg des Aufstiegs zu finden. In seinem Vorwort sagt Ruppin: „Als Jude, der mitten im Leben steht, hielt ich es nicht für mein Recht, sondern für meine Pflicht, zu allen Fragen dieses Buches, die eine verschiedene Deutung zulassen, Stellung zu nehmen." Das Bild des heutigen Judentums entsteht plastisch in all seinen auf« strebenden und zerstörenden Kräften. Besonders beachtenswert ist der Artikel Uber den Zionismus, weil hier der Mann der Praxis in sachlicher Weise den Aufbau Palästinas darstellt und die wirtschaftlichen und politischen Gegensätze offen gegenünanderstellt. Diese Bücher sind die große Bereicherung der letzten Jahre In der Literatur über das jüdische Volk. Material, bis Ins Kleinste zusammengetragen, objektiv gewertet. Mehr über den jüdischen Menschen wisscp, diese Bücher studieren und dann urteilen. E. A. Optimismus in der Man hat mir schon viel vorgeworfen. Jetzt wirft man mir vor, ich sei optimistisch — Ich würde von der jungen jüdischen Generation, die heute In Kniehosen wandert und hinterher Eisschokolade schlürft, etwas ganz Grandioses erwarten. Außerdem soll man als Jude einen besonders fanatischen Hang zum Optimismus haben. Aber damit hat es eine eigne Bewandtnis. An sich wird heuto jedem Optimismus ein Strich durch die Rechnung gemacht. Teils mit dem Lineal der diversen Notverordnungen, teils mit dem seltsamen Getne, In das sich gerade der jüdische Indifferentismus gegenwärtig hineingeschwindelt hat Die falsche Rechnung mit der jüdischen Spielart des Optimismus geht für unserelnen, der den Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands nicht bloß kennt, sondern obendrein Hebt and an ihm aus lauter Liebe kein gutes Haar läßt, bis auf die denkwürdigen Tage von Dresden zurück, anno 1928, als jene Reich.itagung mit dem Motto „Unser Weg in die Wirklichkeit" d«n~Beginn einer Epoche des Dauerlaufs auf der Stelle eingeleiteTnat. Man paradierte, damals mit dem Odium der Zwölftausend. Zwölftausend Kämpfer im Verband — es lebe die Massel Das ganze deutsche Judentum glaubte man aus den verrosteten Angeln zu heben. Dieser Glaube war eine Niete. Ein Chemnitzer Freund sagte mir damals: Glauben heißt zweifeln. jüdischen Jugend? Selbst verrostete Angeln halten länger, als man glaubt. Darin steckt kein direkter Optimismus; wohl aber eine bittere Erfahrung für jeden Revolutionär. Wer in Dresden gegen die Parole vom Weg in die Wirklichkeit nur einen schüchternen Zweifel abschoß, galt als Querulant. Und so endete dieser Weg, ehe er begonnen hatte. — Der Optimismus trägt daran keine Schuld. Am wenigsten der jüdische. Der setzt nämlich eine gewisse Art der Besessenheit vom Wesen und von der Dynamik der politischen Idee des Judentums voraus. Man muß zunächst einmal Jude sein. Ohne diese Realität, in der man sich wie in einem Schmelzofen vorkommt, wird aus dem Optimismus jeno Fasson von jüdischer Vogel-Strauß-Taktik, die gerade während des letzten Jahres wie eine Karikatur durch alle Entschlüsse und Aeußerungen des deutschen Judentums geisterte. Jüdischer Optimismus verlangt das Bewußtsein, daß das Judentum in seiner Totalität immer eine revolutionäre Opposition gegen alles Unrecht von Raum und Zeit bleibt. Der Masse der jüdischen Jugend gegenüber ist man kaum Optimist. Selbst der große Verband der Jugendvereine, der das Zentralnervensystem der deutschen Judenheit darstellen will, hat den Windmühlenkampf gegen seine zahllosen Mitläufer sn fuhren — ein Kampf ohne strategischen Sinn, ein Aufreiben der positiven Kräfte. Und sonst nichts. Von den

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