Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 5 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Um aber eine vollkommene Anhäufung des Kapitals und damit die Verarmung eines Volksteils zu vermeiden, hat die heilige Schrift die Einrichtung des Jobeljahres getroffen. Wenn jemand durch irgendwelche Wechselfälle des Lebens verarmt ist, und gezwungen wird, sich Barmittel zu verschaffen, so ist jes ihm nach jüdischem Recht nicht gestattet, seinen Agrarbesitz zu verkaufen, sondern, da der Boden Eigentum Gottes ist, kann er nur den Wert der Ernten bis zum nächsten 50. Jahr (Jobeljahr) veräußern, worauf der Grund und Boden wieder in den Besitz der Familie des Eigentümers zurückkehrt. Durch diese Institution ist eine vollkommene Verarmung einer Familie vermieden, da dem Besitzer des Bodens, der dem Gottesstaat gehört, lediglich die Nutznießung erlaubt ist, ferner aber jede einseitige Kapitalanhäufung auf der einen, eine vollkommene Verarmung auf der anderen Seite verhütet wird. Die Forderung des Sozialismus des gleichen Rechts für alle, war der Leitgedanke, der das gesamte jüdische Recht beherrschte. Nicht nur dem freien Mann wird sein Recht zuteil, sondern auch in gleicher Weise dem Sklaven, sogar dem Fremdling, der nicht zum Volke gehört. Jeder, selbst der Sklave, behält seine Menschenwürde. Der Sklave ist nicht der freien Willkür seines Herrn ausgesetzt, wie bei den übrigen Völkern, sondern sein Leben ist geschützt, ja, er muß sogar freigelassen werden, wenn seine Dienstzeit vorüber ist. Es gibt keine sog. Oberschicht, keinen Adel, der Sonderrechte genießen würde, selbst der König steht unter dem Gesetz. Die Zedakah, die strenge Richtschnur, ist in allen Teilen des jüdischen Rechts wiederzuerkennen, die für jeden Menschen gilt, ob' arm oder reich, eine Gerechtigkeit, die gepaart ist mit Kacharnim. Barmherzigkeit und Mildel ■ Die Knechtung des Menschen im Zeitalter der Maschine veranlaßte den Sozialismus, seine dritte Forderung nach dem Ruhetag in der Woche aufzustellen. Auch hie? steht die soziale Ethik des Judentums in engster Beziehung zum Sozialismus. Der Ruhetag ist die ureigenste Schöpfung dei Judentums. Alles soll an ihm ruhen, auch der Sklave und der Fremdling, und sogar das Vieh. Der Mensch soll sich seines Menschentums bewußt werden, er soll sich erheben über die Tretmühle des Lebens, das Edlere in sich pflegen. An diesen wenigen Beispielen, da es im weiteren Rahmen hier nicht möglich ist, soll gezeigt werden, in welch enger Beziehung die soziale Ethik des Judentums und der Sozialis« mus zueinander stehen, ja, man darf ruhig zugeben, in seinen sozialen Ideen ist der Sozialismus die Fortführung, ein Versuci die Verwirklichung der sozialen Ethik des Judentums in unserem Zeitalter. Fritz Kahn stellt in seinem Buch „Die Juden als Rasse und Kulturvolk" mit Recht die Behauptung auf, daß es die Aufgabe des jüdischen Volkes ist, die großen Menschheitsgedanken der Welt zu verkünden. „Die genialen Repräsentanten dieser spezifisch jüdischen Begabung sind die Propheten- und Apostelgestalten, aus deren Reihe als höchste Inkarnation des jüdischen Wesens und Willens der Erlösertypus hervorragt, wie ihn das jüdische Volk der Menschheit in den drei Epochen ihrer Gesciiichtc dreimal geschenkt hat: Moses, Christus, Marx." Marx ist in seinem Sozialismus also der Künder der ewigjüdischen sozialen Ideen, dessen Verwirklichung unsere eigene jüdische Aufgabe ist. Wir jungen Juden müssen, um unserer Menschheitsaufgabc gerecht zu werden, Sozialisten sein, um die Ideen, die unsere jüdische Religion uns lehrt, die die jüdische Ethik von uns fordert, zu realisieren. Mag auch Religion im Sozialismus abgelehnt werden, so ist das lediglich etwas zeitbedingtes: wir haben nur auf die . sozialen Ideen zu achten, die der Sozialismus lehrt, und diese zu verwirklichen. Denn damit kommen wir der Grundatifgabe unseres Judentums näher: dem Messianismus. Erika Elkan, Speyer, cand. theol. Kurt Mctzjjer, Nürnberg. Verband der sozialistischen jüdischen Jugendbünde"? »» Einen flammenden Aufruf zur Aenderung des Yerbandszieles hat Max 'Sehweißheimer veröffentlicht. Er hält die bisherige Tendenz für überlebt und hindernd und sieht dio , einzige Rettung in einem „Verband der sozialistischen jüdischen Jugendbunde Deutschlands". Schw. bemerkt in 6einer Begeisterung nicht, daß er in denselben Fehler verfallt,- wie andere vor ihm, daß er nämlich eine Teillösung propagiert; wenigstens geht er Uber diese Tatsache mit wenigen Worten hinweg. Wie sieht es denn mit den „Vorteilen" aus, die mnn uns so bereitwillig zugesteht? Gewiß, Forderungen stellen kann man an einen Verband, der sich für eine Idee einsetzt, und der nicht ein halbes Dutzend entgegengesetzter Richtungen in sich beherbergt. Schw. bemüht sich sehr k r a in p f - haft, die Erfüllung des Verbandsprogramms durch den Soziiiiismus zu beweisen. Was haben (um auf das Beispiel von Schw. einzugehen) die sozialistischen Studentengrnppen bei den Universitätsunruhen getan? Was taten sie z. B. in München, wo man eines ihrer Mitglieder im Hür-unl zu Boden schlug? Gar nichts! Steht es mit den iihritrcn 90 Beispiel >n von Schw. ebenso?! Wo sind die jüdiViciien Geschäftsinhaber, die Nationalsozialisten als Personal be-.;hiiftlgen? Gibt es keinen anderen Weg, dem abzuhelfen, aldaß sich der Verband auf Sozialismus umstellt? Wo haben wir denn heute Jugend in den Gemeindestuben? Z. B. in Hamburg: der Mann kam, ohne Sozialist zu sein, durch eifrige Wahlarbeit der „Deutsch- Jüdischen Jugend" ins Repräsentantenkollegium. Für mich war und ist der Verband noch heute eine Organisation, welche vor allem die indifferente -jüdische Jugend aller Kreise erfassen und zu jüdischen Dingen zurückführen soll. Hier soll ein jeder Mensch an die verschiedenen Fragen herangebracht werden, um sich dann zu entscheiden, wem er sich anschließt. Das ist m. E. Zweck des Verbandes; eine politische oder andere Tendenz daneben ist Unfug. Dieser Ansicht scheinen auch einmal andere Leute gewesen zu sein, denn ich erinnere mich noch sehr wohl einer Aufforderung Herbert Felsenthals, es möchten sich die Verbandsmitglieder einer allgemein- oder jüdischpolitischen Organisation anschließen. Das wäre doch damals (Pfingsten 1930) Unsinn gewesen, wenn der Verband seinen eigenen Weg hätte geben sollen. Das Verbandsprogramm ist bisher von den einzelnen Bünden ihrer jeweiligen Ein-tellung und den technischen Gegebenheiten entsprechend mehr oder minder aktiv durchgeführt worden. Die Menschen, die durch die Bünde gegangen sind, sind zum allergrößten Teil irgendwie beeinflußt worden. Das kann nicht weggeleugnet werden. Kür viele ist die Arbeit in den Bünden nur eine Etappe, sie entscheiden sich und schließen sich einer politischen Organisation an. Es ist wohl klar, daß sehr viele Leute, die im Sozialismus nicht die Wirtschaftsform der Zukunft sehen, einem Verband, wie Schw. ihn will, den Kücken kehren werden, sehr viele, die heute nur auf dorn Boden der Neutralitat mitarbeiten; wo bleiben aber dio Bündei die eine sozialistische Tendenz nicht mitmachen wollen? Eine Reichsdelegiertentagung braucht nicht immer den Willen der Mitglieder wiederzugeben. Sollte ■ ine Delegiertentagung die Tendenz ändern, so würde man ■ rieben, wie binnen kurzem ein Verband entsteht, der mit dein alten auoh nicht mehr das geringste zu tun hat. Das will Schw. ja gerade; aber wie würde denn solch ein Verband Hissehen? Schw. hofft, daß er die Jugend, die — ich verkenne die Situation durchaus nicht — heute vielfach zum Sozialismus überschwenkt, dem Judentum erhalten könne. (Welchem Judentum? Denn wenn schon einmal eine Schel- 'dung herbeigeführt werden soll, dann bitte auch Klarheit über die Frage: „Deutsch- oder Nationaljudcntuin?"! Mit Worten wie „jüdische Gedankengänge" oder „jüdische Interessensphäre in ihrer Gesamtheit" ist hier nichts getan.) Ich halte diese Hoffnung für viel zu optimi-tisch, als daß sie' jemals Wirklichkeit werden könnte, und erinnere dabei nur an die Worte von Hans May (9. Juni 1930), die ungefähr folgendermaßen lauteton: „Wal nützen uns jüdische Geschichte und Hebräisch lernen; über" den Talmud will ich nicht sprechen, den kenne ich nicht." Ich weiß, daß war nicht nur in eigenem Namen, sondern für viele gesprochen, deren Zahl bis beute gewiß nicht kleiner geworden ist. Aber ich glaube, sehr viele unserer Verbandsfreunde würden sich sehr dafür bedanken, aus dem Verband eine Art von Gewerkschaftsbetrieb zu machen. Ein Verband im Sinne Schweißheimer9 wurde einheitlicher und kleiner sein, darum auch straffer organisiert werden können. Er würde seine eine Idee haben, auf die seine Menschen eingeschworen sind. Seinen Sinn, Sammelbecken jüdischer lugend zu sein, hätte er verloren. Edmund J a c o b s o b n , Güstrow.