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Der Jugendbund · 1931-09-01 · 5 (9.1931) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
5 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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verzichten. Dort findet die sozialistische Idee nicht den nötigen Halt. Wir können nur zur Ergänzung der Sozialdemokratischen Partei angehören. Aber die Diskussion über den Sozialismus im Verbände muß uns Anregung für unse're Arbeit in der Partei geben und nicht umgekehrt. Denn außerhalb des Parteikampfes vermögen wir eine Idee stets mit reineren Augen zu sehen und zu erfassen. Der Sozialismus kann nicht mit einem Schlage die Welt erobern. Er muß zunächst in kleinen Kreisen durchgeführt werden und kann erst durch deren Vereinigung zur Menschheitsidee aufsteigen. Hier erwächst uns eine neue Aufgabe als Juden. Leider stehen einige Teile, namentlich das kapitalistische Judentum, sozialistischen Forderungen mit einer Vcrständnislosigkeit gegenüber, die in Anbetracht der Situation des Gesamt judentums höchst unbegreiflich erscheinen muß. Der einzelne kann hier zwar manches verbessern, aber nicht allzu viel. Man bedenke: Der Verband d. j. J.-Vereine Deutschlands" legt das Bekenntnis zum Sozialismus ab. Der größte Teil I der deutschen, jüdischen, organisierten Jugend verpflichtet sich damit zum Kampf für sozialistische Ideen. Erst durch diesen Schritt wird den {eilweise allen humanen Forderungen hohnsprechenden Verhältnissen in den Gemeinden (wir brauchen nur an das überhebliche "und abstoßende Protzentum und das behäbige Spießbürgertum in unseren Reihen zu denken) ein wirkungsvoller Widerstand entgegengesetzt. Jeder Jugendbündler weiß, daß der Verband seine Tätigkeit unterstützt und die bloße Angst vur den neuen Bestrebungen wird viele, die sich bisher nie um die Jugend kümmerten, zum Verhandeln und zu Aer.der in^en geneigt machen. Freilich kommt uns hierbei die Not zustatten. Sie veranlaßt nicht wenige, ihre veralteten, Gedanken aufzugeben und sich mit dem „Uebel "aller Uebel" von ehedem, dem Sozialismus zu befreunden. In den Gemeindeverwaltungen müssen junge Menschen sitzen, die nicht dulden, daß gewissermaßen aus Gnade Stiftungen für Notleidende gewährt werden, sondern mit Wort und Tat sozialistische Ideen zu vertreten und durchzusetzen wissen. Durch Kleinarbeit und Bearbeitung des einzelnen soll dieses Ziel ferner erreicht werden. Groß und schwer zu brechen werden gerade innerhalb des Judentums die Widerstände sein. Nur durch harte Arbeit sind sie zu überwinden. Selbstverständlich ist eine erfolgreiche Arbeit in dieser Hinsicht nicht ohne große Opfer möglich. Viele Bünde widrigen sich — es ist traurig in einer so schlechten Zeit wie heute, aber nur allzu wahr — fast ausschließlich geselligen Veranstaltungen. Dies muß völlig aufhören. An die Stelle dieser Gepflogenheit muß ernste, opferbereite Arbeit für den Sozialismus treten. Wer lieber allein seinem Vergnügen leben will,', auf den werden wir gerne verzichten. Es ist nicht der Zweck dieser Ausführungen, das Wesen und die Wege des Sozialismus zu analysieren. Alles andere Soll der Bundesarbeit in den nächsten Monaten vorbehalten sein. Wir. fordern, daß die nächste Delegiertentagung sich mit dem Thema Sozialismus auseinandersetzt. Inzwischen toll in jedem Bund möglichst eine Arbeitsgemeinschaft über den Sozialismus eingerichtet werden. So sollen alle Verbandsfrtunde geistig gerüstet und vorbereitet zur Tagung kommen, damit wir in ernster Arbeit beraten, alle Einwände anhören und den Weg, die Verbandsidee einig und vereint wählen können. Der Skeptiker wird wohl einwenden: Du sagtest vorhin selbst, daß der Sozialismus schon uralt sei. Warum hat er sich nicht bereits durchgesetzt? Eben, weil die Menschheit sich nie ändert und keinerlei Fortschritte macht. Wir antworten ihm darauf: Nenne mir einen besseren Weg als den Sozialismus! Wofür kämpfst du? Denn, sollte nur ein geringer Bruchteil der gewaltigen Idee verwirklicht werden, so ist es wahrlich der Mühe wert gewesen. Unsere erste Pflicht ist es, zu den großen Ideen der Menschheit eine Einstellung zu gewinnen und sie von ihr aus möglichst günstig zu beeinflussen! Deshalb wollen wir für den wahren Frieden der Menschheit auf dem We^e des Sozialismus kämpfen! Seppl Garai, Nürnberg. llf. Muß der junge Jude unserer Tage Sozialist sein? Wir leben heute in einer Krise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die größte Krise, die dieses System je durchgemacht hat. Wir wissen vor Not und Elend nicht ein noch aus. Millionen von Menschen sind arbeitslos, sind dem Verelendungsprozeli zum Opfer gefallen, bilden das Heer der Ausgestoßenen der Wirtschaft. Die jüdischen Menschen leiden naturgemäß in dieser unabsehbaren Krise am meisten. Sie, die zum größten Teil dem Mittelstand angehört haben, müssen konstatieren, daß der Mittelstand keine Lebensberechtigung mehr hat, daß es keinen Mittelstand mehr gibt. Sie sind unbewußt zu Proletariern geworden. Wenn ein großer Teil auch noch nicht die Ideologie des Proletariats anerkennt, so geht trotzdem der Weg dahin, daß diejenigen, die dies nicht einsehen, von Jahr zu Jahr geringer werden. Das Heer der bewußten jüdischen Sozialisten wächst beständig. Der junge Jude, der in diesen Zeiten lebt und wirkt, kann sich diesen Tatsachen nicht verschließen. Er ist eben in dasselbe Joch gespannt wie seine Mitmenschen, seine Umwelt. Er ist größtenteils Angestellter. Die Aussichten, sich selbständig zu machen, werden von Stunde zu Stunde aussichtsloser. Er sieht ein, daß er sein ganzes Leben Angestellter bleibt. Er sieht ein, daß schon jetzt sein Lebensniveau niedriger ist als das seiner Eltern. Er weiß, daß es noch mehr sinken wird. Er sieht das Gespenst der Arbeitslosigkeit, diese ungerechte Maßnahme des bestehenden, verfaulenden kapitalistischen Systems täglich vor Augen. Die Chancen für das spätere Leben sind gleich Null. In einem Worte gesagt: der jüdische Angestellte, der größte Prozentsatz der jungen Juden, ist Proletarier und wird es im kapitalistischen System bleiben. Dem jungen jüdischen Akademiker dürfte es nicht besser gehen. Auch er weiß nicht, was seiner in Zukunft harrt. Er kann sich nicht absondern von der großen Masse. Auch er gehört in das große Heer der Proletarier« Also der junge Jude muß seiner wirtschaftlichen Lage nach Sozialist sein. Aber auch aus rejigiösen Gründen muß der junge Jude sich zum wahren Sozialismus bekennen, sind doch die mosaischen Gesetze nach diesem Gesichtspunkt aufgestellt und fordern doch sämtliche Propheten soziale Gerechtigkeit. Mögen auch die sozialistischen Wirtschaftstheoretiker das Judentum abgelehnt haben, so werden sie doch niemals be-i streiten können, daß ihre Forderung nach sozialer Gerechtigkeit auf der Erkenntnis unserer Propheten fußt .... (Auszugsweise.) Manfred Jastron, Forst (Lausitz). Führt die soziale Ethik des Judentums zum Sozialismus? Sind Judentum tmd Sozialismus durch ihre religiösen Gegensätze an 'sich unvereinbar, so war das Judentum 'die erste Religion, die von ihren Anhängern, vom Sinai an, die Anerkennung, und nicht das allein, sondern auch die konsequente Durchführung der sozialen Gedanken, die 3.'s Jahrtausende später der Sozialismus in sein Programm aufnahm, forderte. Es ist auch hier nicht die Aufgabe, in groß angelegten Ausführungen zu* zeigen, wie die sozialen- Gedanken im Judentum zu den Ideen des Sozialismus hinführen, sondern nur an wenigen klassischen Beispielen soll dargelegt werden, daß der Sozialismus in seinen sozialen Forderungen eine Folgerung der sozialen Ethik des Judentums ist. Der Anfang des Sozialen ist im Judentum die Anerkennung des Menschen durch den Menschen. „Dein Bruder soll m i t Dir leben", ist das Prinzip, das Beziehung von Mensch zu Mensch in der heiligen Lehre beherrscht. Der andere ist derselbe wie ich, er hat dieselben Rechte, dieselben Pflichten, die gleiche Würde; diese Gedanken führen dann zur Grundlehre des Judentums: Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst. Das sind die Grundlagen des Sozialismus und der sozialen Ethik des Judentums, in der reinsten Forderung. Einer der obersten Punkte, die der Sozialismus fordert, ist die Verhinderung der einseitigen Kapitalbildung, wodurch der Gegensatz zwischen arm und reich nur noch verschärft wird. Die Erkenntnis, daß der Dürftige nicht aufhörenwird im Lande (5. B. M. 15, 11) treibt die Bibel dazu, Maßnahmen zu treffen, um wenigstens der vollkommenen Verarmung vorzubeugen. Das Stehenlassen der Ecke des Feldes, des Zehnt an die Armen, das Gebot, den Lohn des Tagelöhners nicht über Nacht zu behalten, tragen dazu bei, den Aermsten der Armen das Auskommen zu sichern.

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