Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 5 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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\ Wir wissen alle, daß es vielen unserer jungen Glaubensgenossen wirtschaftlich sehr schlecht geht. Zudem versperren zum Teil der antisemitische Boykott, zum Teil jüdische Arbeitgeber selbst ihnen den Weg zu neuen KxUtcnzmöglichkeiten in ihren Berufen. Denn es gibt auch einen sogenannten jüdischen Antisemitismus. Juden boykottiere» ihre jüdi-chwcltanschaulicben Gegner, halten aber selbst Antisemiten und geben ihnen Stellung und Brot. Was bleibt vielen jüdischen jungen Menschen anders übrig, als sich von diesen Menschen abzuwenden und sich gleichgesinnten Andersgläubigen anzuschließen! Wie leicht kann es vielen von uns genau so ergehen. Deswegen nfitton wir jungen Juden andern weiden! Wir müssen uns gegen diese verkalkten Juden wenden. Nur, wenn wir einen wahren jüdischen Weg gehen, können wir die gesamte jüdische Jugend sammeln. Der Jugcmlbund darf keine Durchgangsstation oder ein t'nterhaltungsklub werden, sondern iniif» ein fe-tes tatkräftiges Gebilde sein. Nur wenn wir eine gemeinsame jüdische Weltanschauung besitzen, können wir etwas erreichen. So kommen wir dem Sozialismus, den einige von uusern Freunden in unserer letzten Zeitung hervorgehoben haben, näher. Wenn wir jüdisch-weltanschaulich gefestigt sind, können wir an das große Problem, den Sozialismus, gehen. Sonst kommen wir in die Gefahr, viele junge Menschen aus unseren Bünden zu verlieren. Judisch sein^ heißt nicht nur in alten Büchern zu blättern, sich darin zu vertiefen und sich vor der Welt zu verstecken, sondern jüdisches Leben ist warmes pulsierendes Leben, das sich der Zeit anpaßt, in der wir leben. Jüdisch sein heißt Mitkämpfen für Menschenrecht und Freiheit. Deswegen gehen wir mit dem Sozialismus zusammen, wenn wir das Verkalkte aus unserin Judentum ausmerzen und allo Menschen als Menschen anerkennen. .-i Julius Fried mann, Dortmund. Muß der junge Jude unserer Tage Sozialist sein? \ i Ist der junge Jude unserer Tage verpflichtet, in sozialistischen Gruppen zu arbeiten und wie ist das Verhältnis zu seiner jüdischen Arbeit? Gleich hinter der Frage „Muß der junge Jude unserer Tage Sozialist sein" steht in der Aufforderung des Verbandes dazu Stellung zu nehmen, die in der Ueberschrift angeführte Frage. Wer die erste Frage mit einem uneingeschränkten „Ja" beantwortet, der sieht in der zweiten Fragestellung keine Frage mehr, denn wer sich zur Massenbewegung zur Klassenbewegung des Sozialismus bekennt, kann sich nicht damit begnügen, über Sozialtsmus in jüdischen Kreisen zu sprechen. Mit der Bejahung der ersten Frag^Iibernehmc ich die Pflicht, sozialistisch zu arbeiten, und war so wie jeder andere Genosse, nach besten Kräften, ohne Rücksicht auf das Judentum. Wenn wir beginnen, so sozialistisch zu arbeiten, und diese Arbeit nicht nur getan wird, um sich sozialistisch politisch zu betätigen, sondern wenn diese Arbeit Lebensaufgabe wird, verliert das Judentum in uns an Bedeutung, es wird aus seiner primären Stellung verdrängt. Wir kennen es nicht mehr als Idee, als Ziel an. Trotzdem wir nun das Judentum, sagen wir einmal das dogmatische Judentum, a-ls Ziel und auch als Weg ablehnen, können wir nicht zur unbeeinflußten sozialistischen Arbeit kommen. Wir haben etwas Jüdisches, wenn auch kein Ziel, so doch manche Hemmung. Wir sagen uns, wir haben auch noch jüdische Arbeit zu leisten. Welche jüdische Arbeit, für was jüdische Arbeit, wenn kein jüdisches Ziel mehr vorhanden ist? Wir haben unsere Eigenart und sind gehaßt wegen dieser Eigenart. Wir selbst aber glauben, die Eigenart sei etwas, was unter allen Umständen erhalten werden müsse, weil sie einen besonderen ethischen Wert habe. Wir arbeiten eigenartig für diese Eigenart und nennen das jüdische Arbeit. In welcher Beziehung steht nun diese jüdische Arbeit zur sozialistischen Arbeit? Wir haben erkannt, daß der Sozialismus das Primäre ist. Wir müssen es nun versuchen, diese jüdische Arbeit dem Sozialismus dienlich zu machen. D. h., wir müssen diese Eigenart nicht mehr nur für die Gleichartigen erarbeiten und verwenden, sondern wir müssen mit dieser Eigenart wertvolle sozialistische Arbeit tun. Dieses sozialistische Arbeiten unterscheidet sich, ganz abgesehen von dem, was man tut, dadurch vom jüdischen, daß man mit dem ganzen Einsatz seines Eigenartigen einem Andersartigen dient, ohne egoistische Hintergedanken für «eine Eigenart. Dadurch wird sich zwar die, jüdische Eigenart bald nicht mehr so abheben von der Eigenart der anderen, weil wir von den anderen und die anderen von uns nehmen. Darum müssen wir in sozialistische Gruppen gehen und uns bewußt in die Reihen des Proletariats stellen, denn Arbeit für den Sozialismus nur unter Juden ist keine sozialistische Arbeit. Das ist die problematische Seite der Frage. Aber es zwingt uns noch etwas anderes zum Eintritt in sozialistische Gruppen. Wir Juden stehen vor der Gefahr, vom Faschismus überrannt zu werden und müssen uns unserer Haut wehren. Wir müssen in sozialistische Gruppen gehen und dort mit den Feinden des Faschismus gemeinsam den Kampf aufnehmen, als Masse gegen Masse. In diesen Gruppen können Wir jedoch nur dann wirklich mitarbeiten, wenn wir dieselbe nicht dazu benutzen, für uns die Kohlen aus dem Feuer zu holen, sondern wenn wir außer dem Kampf gegen den Faschismus gleichzeitig den Kampf für den Sozialismus führen. Eugen Seligmann, Düsseldorf. II. Warum muß der Sozialismus unsere Verbandsidee werden? Die Menschheit hat sich in ihrem Streben und Denken niemals entscheidend, oder besser, dauernd geändert. Wenn wir die Geschichte der ältesten Kulturvölker kritisch betrachten, werden wir bereits bei ihnen die gleichen Ideen und Gedanken antreffen, wie sie heute auftreten, wenn auch in einem anderen Gewände. Aber eines hat doch eine grundlegende Aenderung im Vergleich zu früheren Zeiten erfahren: Das Tempo, in dem die Menschen diese verschiedenen Ideen und Wege erlebten und heute erleben. Unsere Jugend durcheilt in wenigen Jahren eine Entwicklung, zu der einst ein ganzes Menschcnalter erforderlich war. Ein verlorener Krieg, seine Reaktion in Form der Revolution, Sozialismus, Faschismus, Kapitalismus, Aufstieg, Krise und Zusammenbruch — und wie diese Schlagwörter alle noch heißen mögen — beleuchten die ungeheure Vielseitigkeit und Schnelligkeit der Entwicklung, die die Jugend vor ein Labyrinth entscheidender Fragen stellt. Mancher zieht sich vor diesen Fragen ins Schneckenhaus zurück und geht ihnen aus Bequemlichkeit und verkehrtem Egoismus aus dem Wege. Andere aber stürzen sich, erlebnisfreudig und begeistert, in den Strudel jener Probleme, um sich aus ihm durch erhöhte, gründliche Arbeit zu retten. Leider sind die Indifferenten in unserem Verbände infolge falscher Auffassung des Neutralitätsgedankens weit in der Lieberzahl. Wir wollen keine Auseinandersetzungen mehr darüber. Festzustellen ist nur: Ein Punkt, der von vielen völlig falsch aufgefaßt wird und so eine gedeihliche Arbeit hindert, muß endlich fallen. Also fort mit der vagen Neufralitätl Uns jungen Menschen ist mehr denn je Gelegenheit gegeben, zu kämpfen und stark zu werden, denn die Zeit hat die Anforderungen an uns genügend hochgeschraubt. Wir können nicht an der Idee des Sozialismus vorübergehen. Geboren aus der tiefwurzelnden Sehnsucht des Menschen nach einer Zeit, die' keine Reibungen kennt oder sie doch auf das Mindestmaß zurückführt, kehrt er zu allen Zeiten wieder und beginnt heute wiederum praktisch in Erscheinung zu treten. Warum soll nun gerade der Verband den Sozialismus aui seine Fahne schreiben? Wir haben doch in Deutschland eine Sozialdemokratische Partei? Warum kann sich dort nicht jeder, sofern er das Bedürfnis hat, in sozialistischer Richtung betätigen? Es ist richtig, daß die Sozialdemokratie heute in der Oeffentlichkeit als einzige Vertreterin des Sozialismus gilt. Aber diese Partei nimmt heute eine derart schwieri£F~Zwitterstellung ein, daß sie, zumindesten auf kurze Sicht, gezwungen ist, auf die Durchführung sozialistischer Progranmipunkte zu