Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 5 (9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Judentum und Sozialismus Vorbemerkung. Wir haben eine Anzahl Verbandsfreunde aufgefordert, •ich zu folgenden Themen zu äußern: 1. Muß der junge Jude unserer Tage Sozialist sein? 2. Ist der iunge Jude unserer Tage verpflichtet, in sozialistischen Gruppen zu arbeiten -nd wie ist das Verhältnis zu seiner jüdischen Arbeit? 3. Wie denke ich mir einen jüdisch-sozialistischen Jugendverband? 4. Welche Möglichkeiten sozialistischer Arbeit innerhalb des deutschen Judentum» gibt es? 5. Führt die soziale Ethik des Judentums zum Sozialismus und wie "denke ich mir die Verwirklichung im jüdischen Kreis? Wir veröffentlichen im folgenden eine Anzahl der uns auf obige Fragen zugegangenen Beiträge und bedauern, daQ es uns nicht möglich war, sämtliche Zuschriften zu berücksichtigen. Einige Verbandsfreundc haben allgemein gehaltene Antworten auf die Artikel Friedberg und Schweisheimer gegeben, die wir ebenfalls unter obigem Titel eingeordnet haben. Hände weg vom Verband! Wenn mir an dem Artikel von Max Schweisheimer in Nr. I <:• - ..Jugemlbundes" etwas imponiert hat, so ist es die '. jnuutc Beredsamkeit und die sprühende Leidenschaftit, die sich hier auswirkte. Das macht den Artikel in i. "ii Augen aber nicht etwa wertvoll, sondern im Gegenteil gefährlich. Ja, es ist mehr als gefährlich, wenn in einer (eitschrift, die sieh an Jugendliche richtet, brennendste und umstrittenste Zeilfragen mit lawinenartig erdrückender |Jeberredungskunst so dargestellt werden, als sei die alleinfceligmachende Lösung bereits gefunden und überall wider- •piuchslos anerkannt. * j ScbweisbeiBer geht davon aus, daß die bisherige Zielsetzung des Verbandes falsch sein müsse, weil es ihm nicht gelungen sei, die jüdische Jugend in Begeisterungsflammen zu versetzen. Wenn das das Kriterium sein soll für die innere Berechtigung einer Idee, dann möge Freund Schweisheimer sich schleunigst zum Nationalsozialismus schlagen. Hat dieser nicht die deutsche Jugend, besonders die akademische, in einer fast beispiellosen Weise zu sammeln, zu begeistern, ja zu fanatisieren verstanden?' Erfolg bewei-t Bichls für, Mißerfolg nichts gegen eine Idee. Die Neutralität des Verbandes hat es Schweisheimer angetan. Nun, Neutralität ist gewiß keine schone Vokabel. Ich kann mir' schönere denken. Neutralität ist auch kein Selbstzweck. Aber sie ist ein verflucht unentbehrliches Mittel, feindlichen Brüdern zu zeigen, daß es — abgesehen von ihrem Parteihader — Großes, Wesentliche-'. Gewaltiges gibt, das sie eint, daß sie vor Gott und Welt die I'flicht haben, dieses Gemeinsame gemeinsam zu pflegen Wie man die Wertlosigkeit eines solchen Grundsatzes leugnen und ihn ,lls überlebt hinstellen kann, ist mir und vielen anderen unfaßlich. Was Freund Schweisheimer mit seinem Artikel ver-in lit zu haben scheint, ist eine Bankrotterklärung des Verband' -. Das ist eine Ungerechtigkeit, gegen die laut und eindringlich protestiert werden muß. Es kann vielebesser «erden im V' rbänd, muß sogar, aber die Idee, die ihm zugrunde liegt. ' ist unangreifbar. Daß es unheimlich schwer ist. die gesteckten Ziele zu erreichen, wird niemand be-treiten. Daß die Ziele eines Interessentenhaufens handgreiflicher und näher gesteckt sein werden, liegt ebenso klar auf der Hand. Seien wir stolz darauf, daß wir höher stehen! Stärken wir an der Größe der Aufgabe unsere Kraft und unseren Mut! Aber laßt uns doch nicht die Flinte ins Korn werfen! Wh kann uns 5chweittieiiuers „Verbuud der sozialistischen jüdi.-ehen Jugendbünde.« Deutschland*'* bringen? Wenn im Wirtschaftsleben eine Finna in Bedrängnis gerät, so erlebt man oft, daß sie sich mit einem stärkeren Unternehmen fusioniert; Hinterher i-t keine ^pur mehr von ihr da. Sie ist „verschluckt", sagt der \ olk-mund. Meint Ihr, mit unserem Verband würde <- ander- -ein? Soviel steht für mich fest: ein sozial ist i-eli-niili-i Ii, <■ Verband wird ausgezeichnete sozialistische, aber keine in ii-. Iic Arbeit leisten. Ein junger Verbandstrennd bekannte mir kürzlich, daß er zum Judentum kaum noch ein positive* Verhältnis habe, er betätige sich nur in seinem Jagendbund, um für den Sozialismus werben zu können!! Als Aus Dal......fall ist etwas derartiges harmlos. Aber 'organisiert? Wer will es wagen, ein solches Verhängnis heran! 'zubeschwören? Man möge mich nicht mißverstehen. leb stehe durchaus auf dem Standpunkt, daß der Sozialismus ebensogut seine Existenzberechtigung hat, wie jede andere Weltanschauung. Ich bin durchaus der Ansicht, daß eine gründliche Verbandsarbeit über „Judentum und Sozialismus" tu begrüßen ist, wenn sie objektiv bleibt Manches Vorurteil würde dabei seliwiiiden, und der Verband könnte sich rühmen, das Blickfeld seiner Schutzbefohlenen wesentlich geweitet zu hüben. Ich gestebe durchaus zu, daß der junge Jude das Recht hat, Sozialist zu sein. Aber ich bestreite, daß er dazu verp f i c Ii t e t ist, ich bestreite, daß der Verband das Recht hat, sich zu einer sozialistischen Filiale zu machen, selbst wenn sieh erweisen sollte, daß die Mehrheit der Verbandsmitglieder SOZiaHsti. Ji denkt. i Das Zentrum unserer Verbandsidee Ist das Judentum. Die weitherzige Neutralität des Verbandes gibt jeder jüdischen Richtung Lebensraum. Wer daran rüttelt und glaubt, an Stelle dieses Prinzips etwas „Zugkräftigeres" setzen zu müssen, wer sich gar nicht scheut, diesen seinen Absichten die demagogische Macht des humischen Schimpfwortes dienstbar zu machen (ich zitiere Sehweisheimer: „bedauernswertes Konglomerat", ..I >urcheinander", .Joviale Gemeindobonzokratie". „organi-ierter Lehrbausbetrieb", „Religiosität und Frömmigkeit auf dem laufenden Bände", „Ncutralilätsduselei"), der hat nicht nur viel vom Nationalsozialismus gelernt, der leistet ihm auch die besten Dienste. Freunde, laßt euch nicht beirren, geht euren Weg weiter, auch wenn er beschwerlich ist, dient dem Ideal unseres Verbandes in stiller, aber verbissener Arbeit. I'nd wenn einer dieses Ideal verfälschen will, dann ruft mit mir: Hände weg vom Verband! Otto L o e b , Neuwied. Zeitprobleme Auf den heutigen jungen Menschen stürzen Probleme verschiedenste5r__A4it ein. Besonders der junge Jude schaut in ein Kaleidoskop vcai Problemen. Antisemitismus Wirtschaftsnot, Sozialismus, Kapitalismus und dann noch die Lösung der Judenfrage spuken in den Hirnen der jüdischen jungen I Menschen herum. Diese Probleme bringen manchen denkenden jungen Juden oft zur Verzweiflung. Denn auf einmal überfallen uns diese Dinge und stellen uns vor die Frage: Wio löse ich diese Probleme? Es ist klar, daß viele Menschen von der Fülle dieser Probleme überwältigt, in einen Pessimismus verfallen, .der nicht gerechtfertigt ist. Wir müssen aus der Fülle der Probleme das behandeln, was für uns am wichtigsten ist Danach kommt die Lösung der anderen Probleme. Wir Juden können und müssen nur zuerst alles rom jüdischen Standpunkte aus sehen, und so kann für mich als wichtigstes Problem die Lösung der Judenfrage, die noch verschiedene andere Probleme in sich birgt, in Betracht kommen. Wir sehen, daß hei uns Juden der verschiedensten jüdischen Weltanschauungen vertreten sind. Das Judentum zeigt sich den einzelnen jungen Juden in den mannigfachsten Variationen. Pisten steht der heutige junge Jude, da die ■eisten vom reinen Judentum nichts wissen, meistens verständnislos gegenüber. Die einzelnen Bünde hätten die Pflicht gehabt, die Jugend, die sich in den Bünden organisiert Int, darüber aufzuklären. In dem Chaos dieser Weltanschauungen ist es nämlich sehr leicht möglich, daß man sich als junger Men-ch darin nicht zurecht findet, und schließlich andere Wege für eine bessere Weltanschauung sucht. Es wäre sehr schade, wenn diese jungen Menschen uns verloren gehen sollten. Dazu kommt die Frage der jüdischen Solidarität.