Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 3 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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gegen die Juden richtet, gibt ihnen ihren Lebensmut und den \ultrieb zu neuem unermüdlichem Schaffen. Es ist deshalb nichts Böses, was die Antisemiten den Juden antun, sondern <chicksalsnotwendig zur Erhaltung des Judentums, nur durch Jen Schmerz können wir leben. Eine vom Judenhaß befreite Welt wäre der schlechteste Dienst, den das Schicksal dem Judentum leisten könnte. „Sic hassen uns auch nicht aus Hochmutsinteresse und aus der Suggestion der Jahrhundertc, u ic Konstantin Brunncr vermutet, nicht wegen ihres „Differcnzaffektes und Zcntralitätsaffcktes", wie Arnold Zweig geistreich psychoanalysiert. Sie hassen uns nicht, weil es uns anscheinend besser geht als ihrren, wie sie behaupten, sie hassen uns nicht, weil sie im Krieg unterlagen, wie wir selbst glauben wollten: sie hätten uns als Sieger noch übermütiger gehaßt. Nein, sie hassen uns allein um unseres Anderssein- und Bleibcnwollcns. das auch der Krieg um ke>in Haar geändert hat, sie hassen uns mitten ins Wesen hinern als Juden." So Lieblich auf Seite 37 »eines Buches. Was in seiner Nachbemerkung anders ist als in der „geistreichen Psychoanalyse" Zweigs, vermag ich nicht zu erkennen. Trotz Lieblich* ironischer Apostrophierung Zweigs sehe ich in seiner Nachbemerkung nur eine Schlußfolgerung Zweig-cher Gedankengänge. .Um dieser erschütternden Erkenntnisse willen hätte uns kein neues Buch beschert zu werden brauchen, um u&s zu beweisen, daß Judenhaß keine böswillige Angelegenheit irgendeiner Clique, sondern eine lief im Gruppenda«eifl wurzelnde Angelegenheit ist, dürfte nach Bernsteins und Zweige grundlegenden Arbeiten, ia -elbst nach der Meinung ihres Gegenspielers Brunner so sonnenklar sein, daß es sich nicht mehr darüber zu reden verlohnt. Ueber die trotz aller Erfolglosigkeit notwendige Abwehr der antisemitischen Obernächcncrscheinungcn sind sich heute alle Juden einschließlich Karl Lieblich einig. Hier ist also keine neue Erkenntnis festzustellen. In dem zweiten Aufsatz. „Wozu?" soli das Problem jüdischer Gegenwart erörtert werden. Was er hier sagt, ist rficht neu. weil Dubnow. dem auch das Bändchen gewidmet ist, vor ihm diese Gedanken formuliert hat. aber vielleicht kommt Lieblich das Verdienst zu. als Westiude in dieser Prägnanz diesen Gedanken erstmalig ausgesprochen zu haben. Er lehrt nämlich die nationale Autonomie der Juden in ihren Wohnländern. Er Will betonen, daß die Juden in allen Lädern, in denen sie wohnen, ein Eigendasein führen, als Sondergruppe deutlich erkennbar sind und bleiben sollen, unbeschadet ihrer staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, aber eben mit der besonderer. Betonung, daß alles, was der Jude auch in den Wohnländern, tut, als Jude und nicht als Deutscher. Franzose oder Engländer tut, im Rahmen der ihn umgebenden Kultur «cir.e lüdischc Kultur pflegt und so die Welt kulturell bereichert, daß er innerhalb der einzelnen Kulturkreise bewußt mit -einer jüdische Nüance mitschafft. Er beiaht die Existenz de- .I jdcn in den einzelnen Ländern der Welt und lehnt die zionistische Lösung der Judenfrage mit aller Schärfe ab. Den Vorzug der Zionisten vor den nichlzionistischen Juden sieht er lediglich in der Anerkennung und Förderung der Volkheit der Juden. Er wiH aber riebt die Juden an e i n Territorium binden, sondern die Zerstreuung verewigen, da sie schicksalhaft ist und dem Menschen es nicht gestattet ist, das Schicksal zu revidieren, sondern nur sinnvoll zu verwirklichen. Des Menschen Will.- ist nicht frei. Die Assimilation ist nicht aufzuhalten. Wer sich assimilieren will, mag es tun, er ist eben eine faule Frucht am Baume des Judentums, nicht zu mehr taugend, als abgeschlagen zu werden. Die Lebensfähigen aber werden im Kampf ums Dasein obsiegen und sich als Judenvolk, als interterritoriale Nation bekennen. Die Judenvolkschaften der einzelnen Länder werden sich auch organisatorisch zu einer Welt judenheit, eben dieser interterritorialen Nation, zusammenschließen. „Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit." Aus dem dritten Aufsatz geht etwas deutlicher hervor, wohin das sicherlich ehrliche Wollen Lieblichs zielt, Er teilt mit vielen heutigen Juden das Gefühl, d;iß es zutiefst dem Juden verhaftet ist, nicht nur in jenem negativen Sinn des unglücklicherweise ins Judentum Hineingeborenseins, sondern in dem glückhaften, stolzen Bewußtsein. Glied kämpferischer Gemeinschaft zu sein, jedoch eines zu entbehren, das bislang zum Wesensnotwendigen des Judentums gehört hat, einer lebendigen Bezienung zur jüdischen Religion. In einem „Bund für neues Judentum" will nun Lieblich dem jüdischen Volk in religiöser, politischer und ethischer Hinsicht eine neue Grundlage geben, da ihm die alten morsch und überlebt zu sein scheinen. Er ist ein Feind jeder traditionellen Form, da sie an den persönlichen Gottesbegriff anknüpft, der moderne Mensch aber nur an eine ewige, unnahbare, unansprechbare Mncht außer uns glauben könne. Im Bereich des Ethischen weist er alle Gebote zurück, die irgendwie gegen „Naturlatsachen" sprechen. Der Mensch sei ein Naturvorgang ohne Schuld und Sühne. Die Forderungen seines „Bundes für neues Judentum", von dem wir nicht wissen, ob er außer' Lieblich schon über Mitglieder verfügt, ist auf den ersten Blick bestechend, weil er im Negativen der Haltung vieler Juden, vor allem auf religiösem Gebiete, entspricht. Und doch haben wir in unserem gegenwärtigen Judentum schon alle möglichen Spielarten von der Breuerschcn Orthodoxie bis zur Berliner Reformgemeinde. Abc gerade alle Versuche formloser Vergemeinschaftung jüdischer Menschen hat im letzten Jahrzehnt zu der Erkenntnis geführt, daß der Weg zum Jüdischen irgendwie gerade über die Forn; führt. Wer das Ringen in den Kreisen jugendbewegter jüdischer Jugend um religiöse Gestaltung kennt, weiß, daß der Ausgangspunkt immer die Verneinung der Form, der Weg immer die Rückkehr zur Form und gar traditioneller Form war, weil sie immer viel volksnäher war als alle konstruierte Form intellektueller Jugendlicher. Man denke daran, welchen Einfluß auf die beregten Kreise Rosenzweigs Bauleute mit ihrer starken Heraus-tellung des Formprinzips gehabt haben und noch haben wie aus der Bindung an das Alte und in der Verbindung mit der Vergangenheit Gegenwart und Zukunft gestaltet wird. Wir haben der Organisationen wahrhaft genug und bedürfen zur Erneuerung des Judentums keiner neuen. Vieles Richtige über die Volkhaftigkeit des Juden, vieles Gute über seine Stellung zu Gott enthält das Buch, aber bedurfte es darum der Verwirrung der Gefühle, der Verherrlichung der Schrift bei ihrer gleichzeitigen Entthronung? Alfred Philipp. Menschlichkeit Das Säugetier „homo sapiens" hat eine lange Entwicklung hinter sich. Ursprünglich war es nackt, körperlich und seelisch. Es verspürte seine Nacktheit und umgab sich mit Kleidern, zu denen als schönstes Feiertagskleid das Kleid „Menschlichkeit" zählte. Dieser Anzug war schlicht, im Stoff und Schnitt bei jedem Träger gleich und saß wie angegossen. Allmählich wurde dieses Kleid auch an den Alltagen angezogen, aber es zeigte sich, daß der Stoff durch die Verschiedenheit der Träger sehr litt. Der Jute Anzug bekam Risse und Löcher, die man verdecken mußte. Der Kaufmann „Indi\iduilismus" empfahl als hierfür besonders geeignet den glänzenden „Nationalismus", ein präch- 16 tiges Gewebe, das durch die Vielheit seiner Muster die Gewähr bot, stets persönlich -zu wirken. Auch die Webart „Konfession" sei sehr vorteilhaft, um sich von der Umwelt abzuheben. Schließlich brachte der Kaufmann seine Spczialmarke „Individuell", die außerordentlich bestechend wirkte. Im Laufe der Jahre wurde das Kleid „Menschlichkeit" so sehr mit Flicken besetzt, daß der Urstoff fast nicht mehr zu sehen ist. Hier und da schimmert er wohl noch durch, aber der Träger schämt sich dessen und versucht krampfhaft, die'se peinlichen Reminiszenzen zu verstecken. Menschen! So sieht euer Kleid aus, das von euern Urvätern hoch und heilig gehalten wurde. Ein Maskenkostüm,