Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 3 (6.1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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wir ja alle keine Vertreter des Proletariats, aber schließlich aach keine des Bürgertunis — oder sind wir etwa Jugendgatde des jüdischen Bürgertums? Xothilfe jedenfalls ins Programm aufzunehmen, dort, wo Folgerungen der tragenden Idee stehen sollten, erzeugt eine für die Jugend schlimme und verhängnisvolle Fiktion. Ganz ahnlich ist es mit dem Antisemitismus. Es kommt ja gar nicht so sehr auf Abwehr an für uns Jugend. (Audi sie ist eine Selbstverständlichkeit, wo sie getan werden muß.) Wiedjrum käme es auf Ueberwindung an. Wir können aber den Antisemitismus nur in uns -elber überwinden. Dieses Uiiileiten zur leberwind u n g müßte getragen sein von einer Idee, müßte eine der Wirkungen dieser gelebten Idee sein. Unseres Bundes „Idee" freilich vermag solches nimmer. Sie in 'j ß sich notwendigerweise überall mit Pr&ventivma^uahmen genug sein lassen, auch im Jüdi.-chen. D*ißit sind wir bei der Verbandsidee. Ich gehöre zu den wenigen, die nicht aufhorten zu predigen, die sogenannte Verbandsidee, die möglicherweise vor dem Kriege eine war. sei heute eine gefährliche Fiktion. (Per sichtbare Vertreter dieser Idee, der seinerzeit der Einigung große. Dienste tat, war Löffler. Frankfurt. Man hat mich zumeist an meinen Bemühungen verhindert, ich konnte sie nur :'.i!ia kleinsten Teil ausführen. Entsprechend hatte ich wenig Resonanz: I>ie mir Recht gaben, stehen entweder außaihalb Aes Verbandes oder,.soweit =ie noch im Verband sind, zum größten Teil resigniert abseits. Dennoch will icli es noch einmal versuchen. Umfassende Neutralität lautet unser erster Prosranitnpunkt im ..Tendenzparagraphen" unserer Statuten. Die im Laufe der Jahre hierzu gegebenen Kommentare (Hölzer, i-öffler. Klein u. a. m.) erklären diese Neutralität als neutrale Gesinnung, als positive Neutralität, als positive Form u. a. m. * Nun! | Neutralität kann ihrer Natur nach weder positiv noch negattiv sein. Sie ist immer der Punkt zwischen Positiv und Negativ U1><1 ihr Symbol ist daher die Null, was man durchaus ' nicht rein mathematisch zu verstehen braucht. Neutralität umfaßt nichts und besronzt nichts. Sie ist der K'jl.epunkt. der Ort des Stillstandes in der Bewoiriinson Flucht. Sie kann daher auch niemals Ausdruck einer Gesinnung sein. Es gibt keine neutrale Gesinnung und keine neutrale Rewecunc das ist Widersinn. Es iribt keine positive, keine negative Neutralität, das ist Un-Sinn. Es sribt kein«? umfassende, keine besrenzende Neutralität, das ist Begrif fsiongliererei. Neutral kann allenfalls ein vom I.ehen abirr^mngener Kompromiß sein. Wie sollte ein Bund lebendiser Jugend auch nur der Form nach neutral sein können, ohne eben netwendig versagen zu müssen? An dieser Stelle sei übrigens auch nachdrücklich der Jugendv.Tein^L'odanke abgelehnt. (Hahn sagte doch in München, der (Jegensatz der damaligen Leitung zu manchen Strömungen im Verband sei eben der, daß die Leitung an die Richtigkeit des Vereinsgedanken im Creiren-atz zum Rnndessedanken glaube.) Dieser entstammt den christlich religiösen Jugendvereinen und hat noch überall die ihm angeschlossene Juscnd dem lebendigen Leben entfernt. Im übrisren soll man nicht so tun. als oh wir in Deutschland eben "in Versleichbarrs jenen religiösen Jugetdvereinen seien, die sich übrigens zum Teil neutral nennen, ohne es vor allem im Politischen auch nur im ♦ mindesten zu sein. In diesem Sinne scheint mir auch der Parigraph, der den Bund als solchen auf die Reliirionsgesetze verpflichtet, bedenklich. Er ist auch nicht ganz ehrlich. (Wie sollen z. B. sehr viele zur Pfingsttaguns oder Vorstandssitzung zurechtkommen, ohne Sehabhos zu fahren, und zu dieser Fahrt veranlaßt sie doch der Bund als solcher?) Würde man in Hinsicht der Uebertretung der Religionsgesetze sageu: „soll tunlichst vermieden werden", statt ..darf nicht geschehen", das wäre wesentlich tragbarer. Und nun zum Gesamtjudentum. Gesamtjudentum will doch offenbar sagen: das gesamte über die ganze Erde zerstreut« Judentum. Fühlt ihr nicht, daß dieser Begriff ein leiges. ein ..neutrales" Ausweichen bedeutet, daß er jegliche Entscheidung im Sinne des Judentums umgebt? 10 Dem gesamten über die Erde zerstreuten Judentum eignet ein Name, der sich findet in seiner ihm eigenen Religion, in seinem ihm eigenen Lied, in seiner ihm eigenen Literatur. Dem gesamten über die Erde zerstreuten Judentum eignet ein Name, der ihm von der gesamten Umwelt gegeben wird (sehr oft auch als ein Störungsbefund): Jüdisches V o' lt. Dieses jüdische Volk zeichnet sich durch verschiedenes aus unter den Völkern dieser Erde. Es hat kein eigenes Land. Es lebt zerstreut und doch erkennbar unter den Völkern der Erde. Es schuf in der Vergangenheit, als es noch ein Land hatte, eine eigene Religion und religiöse Kultur, die grundlegend wurde für die übrige Welt, soweit der Monotheismus Anerkennung fand. Es selber lebte seine' Religion in all ihren volksmäßigen B<«dingtheiten solange os im Ghetto noch vereint war, und die Aufklärung es noch nicht erfaßte. Aber'nicht nur dies alle« zeichnet das jüdische Volk aus. Es hat noch mehr an sich, was auch kein anderes Volk kennt. Ein beträchtlicher Teil des jüdischen Volkes will sein eigenes Volk nicht mehr kennen und verleugnet es. hie ginze Welt kennt das jüdische Volk. Es ist für sie eine Selbstverständlichkeit (warum sollte sich der Antisemitismus dieser Selbstverständlichkeit nicht bedienen), nur für die Juden selber ist es keine'Selbstverständlichkeit mehr! Die Erde wird heute noch von verschiedenen Völkern bewohnt. Der einzelne wurzelt bewußt oder unbewußt in seinem Volke. Mit dem geistigen Rüstzeug seines Volkes, mit der seinem Volk gemäßen Art zu denken, geht er an die Fragen der großen Menschheitsbewegungen. Ja, die Möglichkeit zu den Fragen der gesamton Menschheit vorzudringen, scheint erst gegeben zu sein, wenn der Mensch sich seiner Wurzel bewußt ist, wenn sie für ihn zur Selbstverständlichkeit wurde. Er-t von hier aus ist ein menschheitliches Denken möglich. Fleute ist es noch eine Aufgabe, den Juden zum selbstver-^. ständlich-bewuUten Angehörigen seines Volkes zu machen. Man kann heute darüber streiten, ob etwa die territoriale Lösung der Judenvolksfrage, der Zionismus, wirklich eine Lösung bedeutet. Man kann glauben, daß eine wirkliche Lösung nur durch den Sieg'des Sozialismus möglich ist, der gleichberechtigte Völker nebeneinander stellt, statt in Klassen gespaltene gegeneinander hetzt. Kein strittiger Punkt i.-t es aber meines Erachtens. daß Palästina heute in pro und contra eine Frage des jüdischen Volkes ist. «laß der Antisemitismus dasselbe ist. Wir hätten eine ganz unnentrale. wenn auch überparteiliche -Aufgabe: Erziehung zum jüdischen Volksbowußtsein. zum Bewußtsein, daß unser menschliches Sein erst recht eigentlich bestimmt wird durch unser spezifisches jüdisches Sein. Man komme uns zu dem bisher Gesagten nicht mit: ..Nationalismus". Wir wissen zu sut, daß dieser Nationalismus eine den Bürgerklassen geeinter Völker eigene imperialistische Idee ist. als daß wir nicht über diesen Vorwurf lächeln wollten. Aber ich möchte euch doch sagen: Zehnmal mehr Achtung vor jenem nach außen und innen ehrlich räuberischen Nationalismus, als vor jenem Liberalismus unserer Judenbourgeoisie, die in den Nationalismus der ganz Großen nur deshalb nicht einstimmen und ihn nur deshalb bekämpfen, weil man da oben eben antisemitisch zu sein pflogt, weil man die Juden von der „Regelung" dos Besitzes eben ausschließen will. Deshalb ist der jüdische Besitzer eben nolens-volens liberal-demokratisch oder neuerdings, da von dieser Partei keine „sozialistische Gefahr" mehr droht, sogar sozialdemokratisch. Unsere Aktion zum Bowußtwerdenlassen des jüdischen Volkstum im einzelnen hat damit nichts zu tun. Wir sollten Menschen erziehen, die in sich eine feste Grundlage haben, auf der sie arbeiten können, die Grundlage des jüdischen Volkes. Erst auf dieser Grundlage sind sie wirklich fähig, sich fruchtbringend zu entscheiden in den Fragen der Menschheit. Vorher schweben sie quasi im Raum ewig abgestoßen — angezogen — abgestoßen u. s. f. zwischen den Polen. Keine Forderung, sich zu entscheiden in den Fragen der \\ irtschafts- und Gesellschaftsordnung, keine Forderung des Eintritts in eine Partei hat einen Sinn. Gebt euren Menschen