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Der Jugendbund · 1931-06-01 · 3 (6.1931) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
3 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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NIäßt man sie einen Beruf ergreifen. Im Hintergrund steht trotzdem als allein Seligmachendes die „gute Partie". Während also die Proletarierin mit dem Gedanken vertraut ist, im Beruf zu bleiben, stellt der Beruf für die „höhere Tochter" immer noch ein Uebergangsstadium zur Ehe dar. Diese Bedingungen treffen besonders auf die Jüdin zu, da die Juden zum größten Teil dem Mittelstand angehören. Mit anderen Worten ist die Grundlage für das Berufsleben bei der Jüdin die Erziehung des Mittelstandes trtit allen Forderungen und Ueberheblichkeiten dieser Klasse. Hieraus ergibt sich im einzelnen eine Einstellung zum Beruf und zu der Arbeit, die die Jüdin benachteiligt, sofern sie sich nicht am ersten Arbeitstag darüber klar ist, daß sie sich umstellen muß. Es geht nicht an, mit Haustöchterallüren hinter der Schreibmaschine zu sitzen: auf den Schlips getreten zu sein, wenn der Vorgesetzte ein hartes Wort sagt, mit Abscheu oder gar nicht ,,niedrige" Arbeiten zu verrichten. MH dem Beruf stellt man sich in eine neue soziale Klasse und muß die Hemmungen der Erziehung abstreifen. Die Jüdin darf nicht verlangen, gesondert behandelt zu werden, darf sich aber auch selbst nicht eine Sonderstellung unter ihren Kolleginnen schaffen. Durch die Erziehung ist die Jüdin im großen und ganzen mit dem Instrument der sog. „Allgemeinbildung" versehen. Diese Allgemeinbildung berechtigt nur dazu, höhere Forderungen an sich" selbst zu stellen, nicht dazu, auf die Umwelt herabzusehen. Sic hat die Verpflichtung, mehr zu schaffen, da sie mehr gelernt hat. Wil| die Jüdin im Beruf tatsächlich etwas leisten, muß sie auch den Gedanken an die „gute Partie" restlos aufgeben. Solange dies Hirngespinst noch in den Köpfen spukt, hat man seine soziale Einschichtung noch nicht begriffen. (Dies gilt auch für die männlichen Berufstätigen!) Es ist unmöglich, heute den Berufskampf erfolgreich zu bestehen, wenn man die Berufsarbeit als Uebergangsstadium ansieht. Franz Heymann. Bielefeld. II. 'S Der Beruf kann den jungen Menschen nicht ganz für sich in Anspruch nehmen, er darf es nicht. Wer auch noch so sehr glaubt, im Berufsleben zu stehen und von ihm voll und ganz abhängig zu sein, braucht Entspannung. Entspannung als Ausgleich, Entspannung als neue Energiequelle! Diese Voraussetzungen treffen für jeden im Beruf stehenden Menschen zu, ganz gleich, ob Jude oder Nichtjude, ob Mann oder Frau. Wir müssen nur berücksichtigen, daß für den jungen jüdischen Menschen, der als Angestellter lebt — und wir haben es am meisten mit diesen Menschen* zu tun —, diese Basis der Voraussetzungen zu klein ist. Der junge jüdische Mensch entstammt einem Milieu, das ihn in den meisten Fällen auf ein höheres geistiges Niveau gebracht hat. als seine nichtiiidischen Berufskollegen. Das Problem der Freizeitgestaltung besteht viel mehr für den jüdischen Angestellten, als für den nichtjüdischen. Gehen' wir noch einen Schritt weiter: Wir gelangen zum jüdischen Mädchen im Beruf! Wir müssen, um das Problem am klarstem zu zeigen, das jüdische, berufstätige Mädchen in der fremden Stadt herausgreifen. -Denn erst in der Fremde wird das Problem der Freizeit zum wahren Problem. Denn: Wie liegen die Dinge? Das jüdische Mädchen Jiommfin die fremde Stadt, ohne Anschluß, ohne familiäre Bindung. Sie wird hineingestellt in einen Betrieb, in dem ihr die Berufskollegen" sehr wenig „kollegial" gegenübertreten. Die Folge ist, daß der Beruf dem jüdischen Mädel in der fremden Stadt keine seelische Hilfe vermitteln kann, die sie aber gerade im Anfang dringend gebraucht. Alleinsein ist auf die Dauer untragbar. Das Bedürfnis, sich auszusprechen, wird von Tag zu Tag größer. Das jüdische Mädchen braucht Anschluß, braucht Gesellschaft. Aber — hat es schon der jüdische junge Mann schwer, in einer fremden Stadt den passenden Anschluß zu finden, so liegen die Dinge für die junge Jüdin noch bedeutend schwieriger, eben weil sie Frau ist. Eine Frau muß im „Anschluß—suchen" viel vorsichtiger sein als der Mann, die Gefahr, einen Fehlgriff zu tun, kann viel leichter vorkommen. So werden die Schwierigkeiten für 8 das jüdische Mädchen im Vergleich zum Mann verdoppelt! Ein kleines Beispiel zur Charakterisierung: Geht der Mann allein ins Cafe, so ist es eine natürliche Tatsache. Tut d:,-~ aber ein jüdisches Mädel, so muß es befürchten, daß die Umwelt aus seiner moralischen Einstellung falsche Folgerung-, zieht. Es heißt, „sie sucht gewaltsam Anschluß"! Das jüdische Mädel kommt aus seiner Heimat, heraus einem Kreis der Familie, aus' einem Kreis der Freupdschalt Gerade diese beiden Faktoren fallen in der fremden Stadt vollkommen weg. Familienanschluß bietet sich in den seltensten Fällen, das „Heimische", das gerade Frauen so angeborenatürliche Element, fehlt. Dies sind die Voraussetzungen, mit -denen das beru:' - lätige jüdische Mädchen in der Fremde zu kämpfen hat. Und dennoch fühlt es sich wohl! Das vollkommene Alleinsein, d>- „Auf-sich-angewiesen-sein" ist das schönste Gefühl in d<.r Fremde. Der moderne Frauentyp strebt ja nach völliger Eman zipation und Gleichberechtigung, die vollkommene Unabhängigkeit wird dann gern mit in Kauf genommen. Wie wird nun das Problem der Freizeitgestaltung gelöst? Von jedem jüdischen Mädel individuell! Das jüdische Mädch.-i sucht sich den Menschen, der zu ihm paßt, mit dem es gemeinsam den Lebenskampf bestehen will. In fast allen Fällen i«l der Mann der geeignete Partner! Leider greift das jüdisc'.e Mädel sehr oft zum christlichen Freund. Es liegt an ihm, die Grenzen zu ziehen, wie weit der' gemeinsame Weg zu gehi n hat. Das jüdische Mädchen geht seinen eigenen Weg, es kennt nur dje Verantwortung gegenüber sich selbst. Dann wird es auch seinen Lebenskampf meistern, selbst unter den schwierigsten Voraussetzungen als berufstätige Jüdin in der fremden Stadt. Sie ist sich darüber im klaren, daß sie nicht allein steht in ihrem Kampf, sondern mit ihr die gesamte jüdische Jugend kämpft. Das'Motto seines Lebens bleibt: „Jugend hilft der Jugend'' Erich Cohn, Bielefeld III. Die Zeiten haben sich gewandelt. Es ist sattsam Feitgestellt, daß die Frau heute in vielen Fällen aus Wirtschaft-, licher Not — und nur damit haben wir uns zu befassen — auch räch der Eheschließung dem Erwerb des Lebensunterhaltes nachgehen muß, weil die materiellen Erfolge, die aus der Tätigkeit des Mannes der Familie zufließen, nicht ausreichen, die Bedürfnisse des Lebens zu decken. Damit werden Grundfesten jüdischer -Auffassung von dem Aufbau der Familie berührt. Der Grundsatz, daß dem Manne alle Aufgaben des Lebens, des allgemeinen und jüdischen, .-'ußerhalb des Hauses zur Erfüllung überlassen werden und d:e Frau Hüterin des jüdischen Hauses im Innern ist, kann keine Geltung mehr haben. Damit unterscheidet sich diese, unsc -. Zeit von all den Jahrhunderten, in denen jüdisches Familie.-.- leben unberührt von allen wirtschaftlichen und historischi-n Ereignissen blieb und im biblischen Sinne — Sara im Zelte war. Die Aufgaben des Mannes und der Frau lagen — da* hatte man als ihrer Natur entsprechend empfunden — auf zw vollkommen verschiedenen Gebieten, und dort, wo diese beiden Arbeitsgebiete sich am harmonischsten ergänzten, blühu jüdisches Leben am höchsten. Welche Aufgaben bei dieser Arbeitsteilung es waren, die der Frau in dieser Arbeits-Ehegemeinschaft zugewiesen war-" bedarf nicht langer Ueberlegung, die Wahrung des spezifi--. jüdischen Gesichtes des Hausstandes, die Erziehung der Kind, auf jedem Gebiete, Mittelpunkt des geistigen Lebens in d- Familie zu sein, sind die hervorragendsten. Heute hat die Frau einen Teil der Aufgaben des Mannes übernommen — sie ist aus dem Zelt herausgetreten — unJ schafft draußen mit. Damit sind all die Probleme aufgetaucht, die uns heute so. sehr beschäftigen: Vernachlässigung der Aufgaben im Hause, die wir oben herausgestellt haben, mit den- Erfolg, daß wir befürchten müssen, in ,Ehen dieser Generation kein jüdisches Familienleben, keine Kindererziehung auf hohen Niveau mehr unter uns Juden zu den hervorragendsten unwertvollsten Eigenschaften unserer Gemeinschaft zählen z i können.

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