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Der Jugendbund · 1931-06-01 · 3 (6.1931) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
3 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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die der Kampi ums tätliche Leben nun einmal mit sich bringt, leise und milde \crbundeu und verschleiert werden. Es ist nur eine letzte Konsequenz aus dieser Anschauung» eise, wenn der Bolschewismus in praxi den Kampf gegen die Religion auf seine Fahne erhebt. Die Religion steht der Ausbreitung der proletarischen Wcltrevolution hindernd im Wege. „Religion ist Opium für das Volk" dies W ort, das bei Karl Marx steht, will nur sagen, daß Religion die realen Verhältnisse auf Erden nie recht sehen kann, oder was noch schlimmer wäre, nicht recht sehen will. Folglich muß Religion verschwinden, damit Gerechtigkeit auf Erden werden kann. — Es ist hier nicht der Platz, in eine ausführliche Kritik dieser aggressiven Religionskritik einzutreten. Zum ideologischen Teil soll nur gesagt sein, daß hier ein konstitutives Moment aller Religion übersehen ]sk. Alle echte Religion gründe! sich ,iui Offenbarung, d. h. alle Religiösen der Welt Bühlen sich von Gott angesprochen, ehe sie etwas über Gott aussprechen können. Der Weg der Religion geht „von oben" nach unten, wenn er auch „von unten" nach oben geht. Es ist eine Verkennung der fundamentalsten Erlebnisse, deren religiöse Persönlichkeiten gewürdigt wurden, zu meinen, sie hätten sich Gott nur eingebildet, wenn sie ihn anbeteten. Go'.t manifestiert sich in der Welt, ob der Mensch damit einverstanden ist oder nicht — ja meistens sogar gegen seinen Willen. W:is die praktische Seite des Problems anlangt, so muß offen zugestanden werden, daß die Kirchen gemeinschaflen, insbesondere in Deutschland, nicht immer eine glückliche Hand in ihrer Stellungnahme zur modernen Arbeiterfrage hatten. Selbst wenn man auf dem Standpunkt steht, daß das Neue Testament vor allem auf die Bereitung der Seele fürs Jenseits zentriert, so darf man doch nicht vergessen, daß zur kirc'ivlichen Verkündigung gleichzeitig das Wort des Alten Testaments gehört. Daß aber dort das Soziale, nicht nur in der Theorie, sondern hinsichtlich des tatsächlichen Lebens, mit der Religion in engster Beziehung steht, ist eine so offensichtliche und weithin bekannte Tatsache, daß darüber nicht noch ausführlich gesprochen zu werden braucht. Sicherlich hat die materialistische Geschichtsauffassung, die mit der marxistischen Lehre gegeben ist, der Kirchenlehre manch harte Nuß aufgegeben. Anderseits kann aber nicht geleugnet werden, daß die sozialen Forderungen der Arbeiterbewegung in vielem mit den Forderungen der Religion weitgehend übereinstimmen. Offenbar hat at>er die starke Zusammenkoppelung von Staat und Kirche in der Vorkriegszeit ein Wesentliches dazu beigetragen, Jä"ß die Feindschaft zwischen Thron und. Proletariat manche Geistlichen dazu, verleitet«, den eigenen Lehren entgegen, als Gegner des Sozialismus aufzutreten. So ganz aus der Luft gegriffen sind die Klagen und Anklagen der Sozialisten!jhrer gegen die Flallung der K'rchcrigcmeinschaiten keineswegs. An diesem Punkt will der „Bund der religiösen Sozialisten" helfend eingreifen. Er will dem Proletariat zeigen, daß sich Religion und Religionsgemeinschaft nicht immer decken. Er ist bereit, Seite an Seite mit dem Proletariat gegen die ialschen Maximen" der Kirchen zu kämpfen, um der wahren Religion zürn Sieg zu verhelfen. Seine" Anhänger wollen durch ihr Verbleiben in der Kirche und durch ihren Beitritt in eine der sozialistischen politischen Parteien beweisen, „daß Sozialismus und Kommunismus ihrem Wesen nach nicht religionsfeindlich sind". Dabei sind sie sich bewußt, daß ihr Kampf nach zwei Seiten hin geführt werden muß: einmal gegen die „alte"' Kirche und dann gegen die Parteibonzen im sozialistischen Lager, di. nicht wissen, daß der Marxismus eine Bewegung, d. h. wandlungsfähig und nicht ein Katechismus mit unabänderlichen Glaubenssätzen ist. Der „Bund der religiösen Sozialisten" ist ursprünglich eine e\angelische Gründung. Eine katholische Sektion hat sich jetzt angeschlossen. Zweigniederlassungen des Bundes gibt es in verschiedenen Ländern Europas. Es ist über allem Zweifel erhaben, daß diese Bewegung uns Juden zu tiefst angeht! Jüdische Religiosität hat sich stets in der sozialen Tat bewährt. Es ist also unsere ureigenste religiöse Idee, die hier in neuer Form aufgenommen und verwirklicht wird. Wenn es trotzdem bisher zu keinem engeren Kontakt zwischen Juden und dem „Bund der religiösen Sozialisten" gekommen ist, so liegt die Ursache nicht nur in der Tatsache, daß die Juden in Deutschland aus Gründen ihrer geschichlichen Entwicklung bisher vor allem den groß- und kleinbürgerlichen Bevölk?- rungsschichten angehörten, sondern da liegt noch ein anderes, viel ausschlaggebenderes Hindernis im Wege. Der „Bund der religiösen Sozialisten" trägt seinen Namen nicht ganz zu Recht. Er, der mit viel Bravour gegen so manche veraltete und ungehörige Rcligionsbegriffe kämpft, hat doch in seiner ganzen Haltung eine Uebcrzcugung aus dem vorigen Jahrhundert übernommen, die ausbesserungsbedüritig ist. Auch in den Krc'sen der religiösen Sozialisten stellt man es so hin, als ob, wenn von „echter" Religion die Rede ist, nur das Christentum gemeint sein könne. Das Wahrzeichen des Bundes, das über jeder seiner Versammlungen weht, ist ..die rote Fahne der proletarischen Revolution mit dem schwarzen Kreuze Jesu Christi ", wie es weiterhin als selbstverständlich erachtet wird, daß in allen Verlautbarungen des Bundes das „Evangelium" als letzte seligiöse Instanz angerufen wird. Für Christen eine selbstverständliche Sache. Aber wie sollen wir Juden bei dieser Sachlage uns verhalten? Es gibt nur einen Ausweg. Entweder die Vereinigung ändert ihren Namen und nennt sich „Bund der christlichen Sozialisten", oder sie macht ihrem jetzigen Namen Ehre und weitet ihre Tore auch für diejenigen religiösen Menschen, die keine Christen sind. Die Möglichkeit, daß sich dann auch eine jüdische Sektion innerhalb des Bundes konstituieren könnte, halte ich für durchaus gegeben. Man darf nicht vergessen, daß der Verproletarisicrungsprozeß unter den deutschen Juden in der letzten Zeit riesige Fortschritte gemacht hat. Die Gefahr, daß wir immer mehr junge Menschen aus unseren Reihen, die sich den sozialistischen Parteien anschließen, verlieren werden, ist außerordentlich groß. Es sind nicht die schlechtesten Elemente, denen wir durch eine Mitarbeit am Bund der religiösen Sozialisten einen Halt geben könnten. Ob dieser Weg gangbar ist, hängt von der weiteren Entwicklung des Bundes, aber nicht zuletzt von unserer eigenen Entscheidung und Aktivität ab. Dr. H u g o H a h n , Essen. Religiöser Sozialismus und Marxismus!)a< Schlagwort „Marxismus" ist heule in aller Munde. Die allermeisten von. denen, die es gebrauchen, wissen nicht um seine Bedeutung. Es ist wie eine Oase in der Wüste, wenn ein Gegner des „Marxismus" wirklich Marx kennt, den Marxismus studiert, und ihm gerecht wird. Das Wort ist zu einem der billigsten Schlagworlc geworden, und wenn irgendwo ein Etat überschritten wird oder ein Sparkassenrendan! unter-schlä.gt, so ist das „Marxismus". Und indem man diese angeblichen Folgeerscheinungen ablehnt, lehnt man zugleich viel mehr ab: die Arbeiterbewegung als solche, die Kollektividee, ein ernstes Eingehen auf die geistige, seelische und leibliche Not der Arbeiterschaft. Ahgrundtief offenbart sich gerade in der Behandlung des . Marxismus" die Oberflä^hLchkeil de» Zeitgeistes, der auf der anderen Seite wieder so viel Starkes, Großes, Verantwortungsvolles zeitigt. Wie sollen wir dieser Situation Herr werden? Wo sind die Kräfte, die so frei und überschauend zugleich und in der Sache, dem Anliegen des „Marxismus ', stehend sind, daß sie die Dinge zurechtrücken könnten? Wir glauben sagen zu können, daß — neben anderen, ehrlichen Kräften, die etwa von der Wissenschaft herkommen mögen — die religiösen Sozialisten in Deutschland, Oesterreich, Schweiz. Frankreich, England in die Bresche springen. Sie wollen zugleich den Geist des Materialismus bannen und zugleich dem tieferen Sinn der Arbeiterbewegung und der Kollektividee die Wege bahnen. Sie kämpfen nach zwei Seiten: gegen die, die aus der Arbeiterbewegung ein unverbindliches

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