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Der Jugendbund · 1931-06-01 · 3 (6.1931) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
3 (6.1931)
Date
1931-06-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Situation liegen nicht allein in der Proletarisierung der jüdischen Schichten, in der Arbeitslosigkeit der jüdischen Angestellten und in der unglückseligen Berufssehichtung der deutschen Judenheit, sie sind noch viel weittragender in der seelischen, jüdisch-geistigen Zerrüttung, in den /Verfallserscheinungen, die durch restloses Abfallen vom Judentum, durch Mischehe und vor allem durch eine Assimilation in Rosa-Farbe vorkommen. Diese Rosa-Assimilation führt unweigerlich ins Lager des Indifferentismus. L'm den jungen Juden den Sinn für einen Kampf zu geben, ist es erforderlich, das Judentum zu einer aktiven Kampffront zu gestalten. Ich erwähnte in diesem Zusammenhang die Ideologie von Hans K o h n, und weise auph an dieser Stelle noch einmal auf seine ganz hervorragende Schrift hin „Die politische Ideo des Judentums" (Verlag Meyer & Jessen, München). Strauß (Bielefeld) erwähnte ganz richtig, daß man auch im Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht mit bloßer Abwehr und Aufklärung, sondern mit einer besseren Idee auftreten müsse. Genau dasselbe gilt auch in dem Vorgehen gegen die ..Gottlosenverbände". Proteste, Resolutionen und Predigten sind wertloses Zeug — ändern kann nur die praktisch vorgelebte, religiöse Tat! Joe Israel (Hannover) hielt dann noch eine Stunde Diskussion Uber die Vcrbandsideologic. Das war nötig. Ks darf eben nicht vorkommen, daß es noch Vcrbandsfreunde gibt, die den Tendenzparagraphen unserer Satzungen nicht genau so fließend hersagen können, wio die ersten Abschnitte der lieichsverfassung. Die Aussprache ergab ein Bild von dem großen Aufgabenkreis des Verbandes innerhalb der jüdischen Zeitgeschichte. Mit dieser Arbeitsgemeinschaft war der Führerschulungsicursus von Verden offiziell beendet. Vollgepfropft mit neuer Begeisterung und Arbeitsfreude standen die Delegierten da; einige mußten unmittelbar nach der Beendigung der Tagung zu den Koffern greifen — am anderen Morgen rief die Berufspflicht. Ein paar Glückspilze, die gerade Ferien ii-itten, konnten am Abend noch einen Rundgang durch das Städtchen oder durch den dezenten Stadtpark machen. Ein paar gau/. Kifrige baten C. Fried mann um eine Bibelstunde — die übrigen, die weder zu C. Friedmann, noch den Weg in dio wetterleuchtende Nacht fanden, verabschiedeten sich von den gastfreundlichen Verdenor Familien, mit denen überhaupt eine überaus rasche und herzliche Verbindung zustande geknmmau war. Kein Wunder — die jungen Verbindungs-Menschon von Verden waren auch außergewöhnlich liebenswürdig! * * Die letzte Nacht in Verden war unruhig. Ein Unwetter tobte sich aus. Curt Friedmann, mein Zimmernachbar, kam spät nach Hause. Am anderen Morgen stand man sehr früh auf dem Bahnsteig; elogisch; einige der kommenden Führer um sich herum; wieder auf dem Sprung in den Alltag, in die von Christian Morgenstern apostrophierte bewegte Zeit. „O, ich möchte wütend an der Turmuhr beide Zeiger fressen . . .", denkt man ingrimmig mit dem Kater Hiddigeigei des Dichters Jos. Viktor v. Scheffel, und ist ganz deprimiert darüber, daß solche anderthalb Tage mit jungen, noch vor dem Chimbor*sso ihrer Aufgaben stehenden, wartenden Menschen so unheimlich schnell vergangen sind! Nun, vergangen vielleicht; aber nicht verloren. Und der Wunsch dos besinnlichen Reporters ist: Daß aus dem Rannen tefe Mottos: „Mir ist beinah, ich wäre wer", aus d«r Ueberschrift dieser Tagung, das klare, unmißverständliche Reden einer Generation der Erfüllung vernehmbar werden möge. J. Raphael. Religiöser Sozialismus Die weitverbreitete Gegnerschaft des Proletariats gegen die Religionsgemeinschaften hat zwei Hauptgründe. Einmal liegt hier ein ideologischer Grund vor. Die Kritik, die im 19. Jahrhundert an der Religion schlechthin von naturwissenschaftlicher und philosophischer Seite geübt wurde, faßte in ihrer popularisierten Form sehr bald FuQ in den breiten Schichten der Arbeiterschaft. Wegbereiter dieser religionsfeindlichen Entwicklung waren vor allem Ludwig Feuerbach und Friedrich Engels. Feuerbach, dessen Lehre hier natürlich nicht ausführlich behandelt werden kann, stellt es in seinen Büchern etwa so dar, als ob alle Religion nichts anderes als eine .lustbetonte Phantasieschöpfung des Menschen sei. Zwei sich ergänzende Wunschgebilde erfüllen nach seiner Meinung das Sehnen und Wollen jedes Menschen. Jeder Mensch, so meint er, strebt nach seinem persönlichen Glück. Da dieser Wunsch auf Erden in den seltensten Fällen restlos in Erfüllung geht, so projiziert er sein Wunschgebilde in den Himmel und versetzt dorthin ein von ihm erhofftes und erträumtes Wesen, Gott genannt, das ihm die auf Erden vorenthaltene Glückseligkeit garantieren soll. Die Notwendigkeit eines solchen höchsten Wesens wird aber auch als Erfordernis empfunden im Hinblick auf die Tatsache, daß jeder Mensch irgendwie Furcht hat. Die gewaltigste Furcht, die uns beherrscht, ist die Todesfurcht. Für jeden normal empfindenden Menschen ist der Gedanke, daß es mit ihm einmal ganz aus i nd vorbei sein soll, unerträglich und grauenhaft. Der Wunsch zu leben, hat den Menschen dazu bestimmt, ein ewiges Wesen /u erfinden, das die Fortsetzung des persönlichen Lebens auch nach dem Tode sicherstellt. Egoismus ist also nach dieser Lehre die Ursache der Religionsentstehung. Friedrich Engels und seine mehr oder weniger bedeutenden Nachfolger haben nun diese Feuerbachsche Theorie ins Soziale geweitet. Die Religion muß nach ihrer Auffassung in demselben Augenblick verschwinden, in dem das Fürchtend Unsicherheitsgefühl, unter dessen Druck sich der Mensch innerhalb der heutigen Wirtschaftsverhällnisse dauernd gestellt sieht, überwunden ist. Wäre das Glücksstreben des Menschen bereits auf Erden zu befriedigen, so brauchten wir nicht mehr den Himmel und keinen „lieben Gott''. Ausbreitung der sozialistischen Wirtschaftsordnung über alle Länder der Welt ist so gesehen gleichbedeutend mit dem Abbau der Religion. Der „Himmel" ist gerade gut genug für Hungerleider und Untertanengestalten, die das Bestehende auf jeden Fall zu erhalten sich berufen fühlen. Das klassenbewußte Proletariat kann mit einer solchen Lehre nichts mehr anfangen. Es schreit nicht nach Gott, sondern nach Brot. Es kennt keinerlei Furcht, wenn es gilt, die gerechtere Verteilung der Lebensgütvr auf Erden zu erkämpfen. Es weiß mit Weill und Brecht: . Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Und jetzt ist die Kehrseite der Medaille zu erblicken: der praktische Grund der Gegnerschaft zwischen den sozialistischen Parteien und den Religionsgemeinschaften. Ist es jetzt auf einmal nicht sonnenklar geworden, warum gerade die Besitzenden sich als die Schirmherren der Religion aufspielten? war ihr Glaube an das Uebersinnliche denn in Wirklichkeit stärker, als der des Proletariats? Davon kann keine Rede sein. Die Nutznießer des bestehenden Wirtschaftssystems haben natürlich den „Schwindel" der Religion ebenso durchschaut wie das Proletariat. Aber sie fühlen sich als die Verteidiger Golfes, als die Stützen der Religionsgemeinschaften, deren Gotteshäuser sie übrigens in den meisten Fällen ebensowenig besuchen, wie die klassenkämpferisch eingestellten Proletarier, weil sie zu genau merken, daß die Religionslehre sich gut dazu benutzen läßt, den immer unverschämter laut werdenden Ansprüchen der Arbeiterbewegung entgegenzutreten. Was der kapitalistische Wirtschaftsführer auf Erden verweigert, das soll der Geistliche dem Arbeiter in der Sphäre der „ewigen Seligkeit" in Aussicht stellen. Da die Religion nicht von dieser Welt ist, so soll sie die andere Welt im Ausgleichverfahren dem Kapitalismus zur Verfügung stellen. So sollen die Wunden. 3

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