Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 2 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
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inen haben, tiolite das wirklich alles ernsthafter Protest Uber „englischen Verrat" sein? Gab es Uberhaupt einen Realpolitiker von Format, der da nicht wußte, daii in England nur englische Politik gemacht wird? _ Völkerbund? Ja, wenn der britische Machteinfluß nicht wiire! Und wenn uiaii keine anderen, größeren Sorgen hätte! L'nd nun ist dem britischen Faß, in welchem der ganze Brei politischer Aspirationen angehäuft liegt, der Boden ausgeschlagen worden. Der Sachwalter englischer imperialistischer Interessen, ein als sehr »achkundig gerühmter Regie rungSbeamter, Sir John Hope Simpson, eine ..Autorität auf dem Gebiet des Kolonisationswesens" (sagt die judische Zeitschrift dos Palästinafonds Keren Hajessod), sollte die Möglichkeiten der jüdischen Einwanderung und der Bodenbowirt schaftung untersuchen. Diese Arbeit ist beendet. Der Bericht Simpsons, von dem man längst vorher wußte, daß er zunächst britische Pnlästinainteressen zu wahren haben wird, liegt vor. Gemeinsam mit einem Weißbuch der Londoner Regierung enthalt er trotz mancherlei platonischer Floskeln and Anerkennungen positiver jüdischer Leistungen so ziemlich die unm i hüllte Abkehr vom ersten Teil des Palästinnmandats, das -ich mit der Schaffung einer jüdischen Heimstätte heraßt. Der Bericht will jede weitere Einwanderung ausschalten, -'dünge die arabische Arbeitslosigkeit besteht. — wer die Verhältnisse unter den Fellachen einigermaßen kennt, weiß, daß diese Bestimmung des Berichts die Fortführung zionistischer Aufbauarbeit auf den St. Nimmerleinstag vertrustet. („Es kann als klar erwiesen gelten, daß die Aufstellung der Arbeiter-Einwnnderungsliste abhängig sein muß von der Feststellung der Zahl der Arbeitslosen in Palästina.") Außerdem soll nach der Erklärung der britischen Regierung kein Moden für neue Absiedlung zur Verfügung gestellt werden. Gründliche Untersuchungen hätten ergeben, daß sich bei dem gegenwärtigen Stand der arabischen landwirtschaftlichen Methoden kein Bodenüberschuß für neue Ansiedlungszwecke ■rgibt. Mit dieser Art der Behandlung der praktischen Fragen des zionistischen Palästinawerkes sind die Grundlagen er- -c liüttert worden, die vor einem Jahrzehnt zu jener unheilvollen Begeisterung für England und dessen Politik im nahen Orient geführt haben. Jetzt machen sich alle im politischen Leben der Völker sattsam bekannton Symptome der Enttäuschung bemerkbar: Rücktritt führender Männer. Demissionen. Kundgebungen, Telegramme anallen Ecken, an allen Stammtischen, pathe- •i-che Resolutionen, die über die Strünke erlaubter politischer Schlüsse schlagen (so sagte z. B. in Whitechapel im Rahmen einer Protestversammlung der zionistische Führer Nahum "Nikolow in reichlicher l'ebertreibung: „Ich fräse Sie — ist lieser Vertrag, die Balfourdeklaration. ein Fetzen Papier? Wenn er es ist, dann ist die Bibel ein, Fetzen Papier!"--). in den Kreisen der jüdischen Arbeiterschaft findet man scharfe, fast chauvinistisch erhitzte Worte gegen die britische Regierung der I abour-Party, ja, es fehlen sogar in dieser Psychoso nicht die eingeschlagenen Fensterscheiben englischer Konsulate und die Niederrufe von Demonstrantenscharen, die inscheinend die zynisch-imperialistischen Gleise englischer Aus dem Leben I>as „Israelitische Familienblatt'" veröfentlicht in Nr. 9 toin 26, Februar 1931 in seiner Sprechsaal-Ecke unter der 1 eberschrift „Jüdische Jugend bei Judenfeinden" eine Mit- 'eilung, daß Teilnehmer der Langenschwalbacher Tagung in einem judenfeindlichen Hotel Unterkunft gefunden hätten, und knüpft daran eine nach Form und Inhalt wenig erfreuliche redaktionelle Notiz. Zur Sache selbst haben wir lediglich zu bemerken, daß dem mit den Vorbereitungen für die Tagung beauftragten hessischen Landeeverbandsvorstand das zur lTnterkunft gefühlte Hotel von jüdischer Seite empfohlen worden ist. Nachdem der Vertrag mit dem Inhaber abgeschlossen worden war. kirnen dem L andesverbandsvorstand Gerüchte über die judenfeindliche Haltung des Inhabers zu Ohr. Er hat daraufhin ilen Hotelier sofort interpelliert und von ihm eine schriftliche. Macht- und luteresseupolitlk mit den zuverlässigen Wogen Gottes verwechselt haben. Man schreit: Englands Verrat! Englande neue Politik! — wenn es wenigstens neue Politik wäre!! Und doch guckt aus allen Falten dieser Politik und dieser neuen Dokumente „englischen Wortbruchs" (wie das Hamburger Israelitische Familienblatt diese logische Fortführung einer kriegstechnischeu englischen Notwendigkeit nennt!) das alte Albion. Alter Stil. Alte Schule. Und man sollte am wenigsten in jüdischen Kreisen mit alten Mitteln, die an die unselig aufgeplusterte Zeit von vor 1914 erinnert, reagieren. Nicht genug, daß man sich schon über das Parlamentchen aufregt, das der englische „Großmut" der Einwohnerschaft Palästinas jetzt zugestehen möchte! Juden protestieren gegen tin Parlament? Das ist einzigartig in aller Welt! Der Jude hat zu protestieren gegen diese Karikatur eines Parlaments, — heute im Zeitalter der Gleichberechtigung der Hassen und Völker! Der Völkerbund wird sich in seiner Mandatskommission damit zu beschäftigen haben, ob England mit seinen nackten Weltmachtinteressen fähig ist, den Frieden in Palästina und die demokratische Entwicklung des Landes zu garantieren. Muß denn England die Mandatarmacht sein? Und es wird in jüdischen Kreisen des Paliistinaaufbaus noch ein deutliches Wort darüber zu sprechen sein, warum man noch immer keine direkten, unmittelbaren Wege zum arabischen Volk und seinen Vertretern gefunden hat! Ganz andere Völker haben sich an einen gemeinsamen Verhandlungstisch gesetzt! Ganz andere Gegensätze sind überwunden worden! In Palästina gibt es eine Bevölkerungr mit der man sich, auch ohne britische Kolonialbeamte und Fronvögte, zu verständigen hat, wenn man dort eine Heimstätte oder ein kulturell wertvolles Siedlimgswerk ernsthaft zu schaffen gewillt ist. Englands Spuren in Indien sollten schrecken! Divide et impera, — diese Richtschnur besteht nicht erst seit 1917 für die Leiter der britischen Weltpolitik. Die Juden, die in irgend einer bestimmten Einstellung zu dem Aufbau Palästinas mit wahrhaft neuer Politik vor die Oeffentlichkeit der Welt und vor den Richterstuhl der Geschichte treten wollen, müssen sich grundsätzlich und eindeutig aus der Verbindung mit einer Macht lösen, deren sogenannter zivilisatorischer Aufstieg mit dem Blute und mit dem unsäglichen Leid kolonialer und halbkolonialer Völkerschaften belastet ist. Den Männern der jüdischen Politik in Palästina, und insbesondere den Managern, die da meinen, im Gewässer englischer Methoden geruhsam fischen zu können, sei gesagt, daß Diplomatie nicht mehr das Maß aller Dinge ist. — sondern daß die Politik dazu da sein muß, den Frieden in der Welt zu vermehren und den Prinzipien der Gewalt, der Unterdrückung in jeder Form aufs schärfste zu begegnen. In Palästina beginnt diese neue Politik an jenem Tisch, an dem die Juden und Araber des Landes sitzen, und an dem die englischen Sachkenner, die linrierungsbeamten und all die kleinen Despoten kolonialer Vergansenheiten — — fehlen! J. R. des Verbandes in unserem Besitz befindliche Erklärung erhalten, daß er nicht judenfeindlich gesinnt sei und stets gern Juden zu seinen Gästen zähle. Durch Vorlage des Gästebuches hat er diese Behauptung bestätigt. Im übrigen gab es außer einem zweiten, von einem jüdischen Inhaber geleiteten Hotel, welches mit Verbandsmitgliedern voll besetzt war. keine weitere Unterkunftsinöülichkeit für uns. Von einem Entgegenkommen der Mitglieder der Synagogengemeinde Langenschwalbach, die Uber die Tagung hinreichend unterrichtet war, haben wir leider vor und während der Tagung nichts bemerken können. Die Tatsache, daß die Schriftleitung des „Israelitischen Familienblattes", ohne uns vorher eine Gelegenheit zur Aufklärung oder einer Entgegnung zu geben, im „Sprechsaal" eine redaktionelle Kritik an unser angeblich unrichtises Ver- 11