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Der Jugendbund · 1931-03-01 · 2 (3.1931) · p. [Seite]

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Journal
Der Jugendbund
Volume
17 (1931)
Issue
2 (3.1931)
Date
1931-03-01
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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holt zufolge, den Gemeindevorstand ein. Diese Einladung wurde von dem Vorsitzenden in den Papierkorb geworfen. \n clen Pranger! Warum «las alles?" Warum diese Bereitschaft bei einem Teile der deutschen Juden, den Ostjudcn zu vemcbten und ihm Unrecht zu tun? Einer der Gründe mag die naiv? Hoffnung sein, den Antisemitismus auf diese Weise ableiten zu können. Pas dürfte — ganz abgesehen von der Moral — eine Täuschung sein. Hitler betont, daß er alle Juden unter Sonderrecht zu stellen wünscht. Ludendorff beweist, daß wir alle an der Vernichtung Deutschlands beteiligt sind, unil die „Weisen \on Zion" (womit ich bestimmt nicht die zionistische Exekutive in ihrer augenblicklichen Zusammensetzung meine"), -ind ebenfalls nicht nur Ostjuden. Und singt Deutschlands erwuehende Jugend: ..Wenns Judenblut vons Messer läuft. -.. gehts iiorlmi.il M sut." so meint sie unser aller Blut. Abel es gibt andere Gründe. Betrachten wir diesen Innenantisoiiiitismus genauer; so finden wir. daß er in seiner Konstruktion viel Aehnlichkeit mit dem Antisemitismus der VuBenwett hat Mit dem Judenhaß des Durchschnittsantiseiniten tc'ilt er auch noch die Unkenntnis vom Wesen iles Bekämpften. Erlittene Verachtung und Krankung erzeugen Minder vvertigkoitsgofühle. l»aß diese durch Weiterleiten der Krankung abreagiert werden, ist eine Tatsache. Tausendfach ist nun heute die Agressionslust gegen den deutschen Juden in der deutschen Außenwelt gewachsen. Nur selten hat der -o viel lach Angegriffene die Möglichkeit! seinen Angreifer zu stellen. Und so nimmt er seine Wut auf diesen ins Haus mit und — entladet sie gegen die Ostjuden. Damit tut er genau dasselbe, was der Antisemitismus vielfach tut und was vielleicht die Wurzel des Antisemitismus ist: Das Ventil seines Hasses nach einer Seite hin öffnen zu können, wo wenig Widerstand vorzufinden ist. So. wie der Subalternbeamte seine Frau schlägt, wenn ihm.in der Amtsstube etwas in die Quere gekommen ist, wogegen er nichts machen kann Hinzu kommt folgendes: Der deutsche Jude erblickt in dem Ostjuden eine längst vergessene Phase seines eigenen Seins. Er wird durch ihn an eine Vergangenheit erinnert, au die er nur ungern erinnert sein will, denn sie ist für ihn mit der Erinnerung an Demütigungen und Zurücktetzungen verbunden. Hierfür den Ostjuden entgelten zu lassen ist aber, ebenso wie das oben angeführte, ein Trick des Unbewußten in ihm. Und um uns .von dieser Instanz nichts betrügen zu lassen, dazu haben wir unsere Vernunft. Ich erwähnte schon, daß der Ostjudenhaß des deutschen Juden mit dem Antisemitismus die Unkenntnis des Haßebjektps teilt. Ueber die Zahl der bei uns lebenden östlichen Volksgenossen herrschen die absurdesten Vorstellungen. Wenn man das ihrer Agitation dienende tieschrei der Nazis lie=t. könnte man meinen, es gäbe bei uns viele Hunderttausende. Tatsächlich sind es nicht mein als etwa tXlOOU. Also kann von einer Belastung des Arbeitsmarktes kaum die' Hede sein. Die polnischen Wanderarbeiten sind es mehr. N hon im Jahre 1900 gab es 40 000 Ostjuden in Deutschland, idie v-ielfach Träger des Handels zwischen dem kaiserlichen Deutschland und dem Zarenreich waren. Durch ihren Gemeinschaftssinn entstanden Siedlungen und so kam es zu •len Konzentrationen in der Grenadier- und Dragonerstraße usw. Wenn diese Straßen einen schlechten Klang haben, so liegt das nicht an den fleißigen und nüchternen Leuten, die -ie bewohnen. ' Mit diesem schlechten Ruf war das Scheunenviertel schön vor den Absiedlungen behaftet, als es noch der Tummelplatz der Dirnen und Zuhälter war. Die Riesensiedlungen in New York, Cincinatti, Washington usw. werden von der amerikanischen Öffentlichkeit gedulde! und gerecht beurteilt, ohne als ..Eiterbeulen" bezeichnet zu werden. I'nd wie ist es mit den während des Krieges zu uns gekommenen Juden? Wenn Herr Goebbels alle seit 1914 eingewanderten Ostjuden ausweisen will, möge er und jene («den, die „nichts dagegen hätten"? das folgende bedenken: Kriegsgreuel werden zwar bekanntlich nur immer von der Gegenseite verübt. Wer aber wissen will, wie Ii,- deutsche Okkupationstrup|>e in der polnischen Etappe speziell gegen die jüdische Bevölkerung gewütet hat, der lese z. u. \on Julius Berger „Ostjüdische Arbeiter im Kriege". Wer wirklich auf die Ehre des deutschen Namens etwas gibt. S, darf sich nicht zum Anwalt machen für eine Verwaltungpraxis, die es zumindest duldet (wenn nicht gar guiheißt), daß Webstuhl auf Webstuhl, Wohnung auf Wohnu: zerstört, wird und wütender Judenhaß f sich in brutal-! Mißhandlungen austobt. Ich will hier keine unnützen An klagen mehr erheben, aber zusammenfassend sagen, daß ein gerechtes Deutschland sich nicht so ohne weiteres der moi : lischen Verantwortung für die Vernichtung lausender n-t jüdischer Existenzen entziehen dürfte. Man griff auf der Straße auf, was man fand und bilde aus diesen geraubten Menschen sogenannte „Ezaks", Eisen bahn-Zwangsarbeiter-Kolonnen, die nur aus Juden bestanden und der Willkür meist gemeiner Soldaten schutzlos unter -teilt waren. Später wurden diese Kolonnen zwangswei-r nach Deutschland transportiert und mußten dort in den Beiwerken und Munitionsfabriken arbeiten. Inzwischen macht' der Krieg der polnischen Wollindustrie völlig den Garaus es erfolgten die Katastrophen von Lodz und Kaiisch und die Hungerjahre von 1910 und 1917. (Man lose. Gronemann Hawdoloh und Zapfenstreich.) Um dieser furchtbaren Hunger helle zu entrinnen, ließen sich viele Juden „freiwillig" nach Deutschland schicken. Auf Kollektivverträge, die in deut scher Sprache abgefaßt waren, bei niedrigstem Gehalt, nu< tj Monate. Sie alle, es waren insgesamt 30 000, behielt man trotz Ablauf des Vertrages bis Kriegsende zwangsweise in Deutschland. eso sieht die „nackte Profitgier" aus, die angeblich die Ostjuden während des Krieges nach Deutschland trieb.' Und als 1919 die Demobilmachung kam. entfernte man sie natiir lieh von" ihren Arbeitsstellen, weil man sie' nicht mehr brauchte. Und Polen — dessen erwachter Chauvinismus eihnen nicht verzeihen konnte, daß sie für Deutschland Arbeit leisteten, wenn auch unter dem Druck der Gewehrkolben, ließ nur wenige wieder zurück, und auch von diesen trieben die Pogrome den größten Teil wieder nach Deutschland Faßt diese Situation der Zehntausende ins Auge, und dir ganze Tragödie eines Volkes ohne Heimat, die Judentragüdir steht vor euch. i Wer diese Tatsachen alle ernstlich beachtet, wird den Quatsch von den ..galizischen Schmarotzern" nicht mehr nach sprechen. Es ist Uberhaupt ein Unfug und ein Unsinn, das Wort „Galizier" als Schimpfwort zu gebrauchen. Kaum ein andere- Land hat unter dem Kriege so gelitten wie Galizien, Uber das der Kriegssturm von allen Seiten her wehte. Eine besondere Rücksichtslosigkeit ist es, wenn von deutscher Seite augetehmäht wird, wie aus oben Gesagtem hervorgehen dürfte Nebenbei wird dieses Wort noch unsinnig gebraucht, deii'i nur 11 Prozent aller bei uns lebenden Ostjuden sind au- Calizien. Und wenn alle Deutschen unil speziell alle deut sehen Juden wüßten, was sie Galizien zu ver lanken haben würden sie diesem Lande mehr Respekt entgegenbringen. Wißt ihr, was Theodor Fontaue sagte? ..Wirkliche Liebe zur deutschen Literatur gibt es nur in der Karl-Emil-Franzos- Gegend." .Das ist Galizien. chaM fo%yjU»U%Ufal i

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