Der Jugendbund
- Journal
- Der Jugendbund
- Volume
- 17 (1931)
- Issue
- 2 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Das Judentum auf dem Maskenball der Begriffe Entgegnung an Jack Raphael. Die „Neutralität"' unseres Verbandsprogramms beginnt in Zeigenden) Maße von Mitgliedern ausgenutzt zu werden, die alle, andere Verhalten zeigen, nur kein neutrales und die aui-h gar »kein Hehl daraus machen, daß sie keine Lust haben, weiterhin neutral zu sein. Sie glauben, man müsse sich „radikal" gebärden, um die schwachen jüdischen Lebensgeister anzufachen — bei sich und bei anderen. Oberflächlich gesehen ist das verständlich, wenn man sieht, wie groß noch immer die Zahl derjenigen ist, die der großen Not, den vielen Auh-ufen zum Trotz ihre Neutralität auf alle Gebiete des jüdischen Lebens im Verbände ausgedehnt haben und von denen man gelegentlich mit solchen „Berichten der Arbeit" Überrascht wird, wie: der Student X referierte vor einem gespannt lauschenden Publikum über ..Unsere Stellungnahme zur Technik" — man lächelt —, ein anderer Verbandsfreund, gleichfalls Student, erzählt über ,.Das Werk von Colin Roß". — Man versucht noch immer zu lächeln —. Liest man aber jls drittes Referat von den „Aufgaben des V erbandes", dann glaubt midi, einen Bund vor sich zu liaben, dessen Ziel es i.-'. uns möglichst lächerlich zu machen. Denn soweit kann man als Jude in Deutschland heute doch nicht mehr politischer Analphabet sein, daß man noch in aller Unbefangenheit Belletristik treiben und sich an den Fortschritten der Zivilisation erwärmen kann? Ich stelle mich gejten „Allgcmeinbildung" durch den Verband, solange in iiulaicinoch allgemeine Unbildung herrscht. Ich sage da nichts Neues. Die Verbandsleitung zeigt ernsten Willen zur Aenderung des bc.-tehenden Zustandes und viele ihrer eifrigen Anhänger •:ind bereit, ihr' Verständnis für die Notlage durch die Tat xu beweisen. — Jedoch beschreiten sie dabei Wege, die für Jen Bestand des Judentums — dessen ungekürzte Erhaltung für mich außer Diskussion steht — gefährlich sind und schon deshalb aufs schärfste bekämpft werden müssen, weil sie in der Maske eines „wahren" Judentums beschritten werden, das liier in Wahrheit Kntjudung ist. Vor nicht allzuvielen Wochen verteilt igte ich das Verbandsprogramiu gegen Angriffe Hau- Friedberg-. Ich würde das auch heute noch Hin. weil ich überzeugt bin. daß wirtschaftliche Not und \ntisemitismus in nächster Zeit weiterhin unsere Sinne und Schritte beherrschen werden. Wenn nun Friedberg statt des Programms dessen — Vollstrecker angriffe, würde ich ihm folgen. Ich komme ihm da wohl zuvor. Möge er diesen Aufsatz als Quittung für den Anstoß betrachten, den er mir gab. — Als ich vor kurzem Raphaels Keferat (vor der Laudesverbandstagung in Bremen gelialten) las. war ich anfangs überzeugt, viele meiner Anschauungen Wiederaufinden, als ich las: „Politische Arbeit Notwendigkeit unserer Zeit", ferner, daß bei unsern Menschen der „politische Horizont aufgerissen" weiden müsse, daß man „Aussprache- Abende" über verschiedene Parteien inszenieren solle — aber dann: „Wir müssen unsern Menschen hergeben". Da wußteich, daß sieh unsere Wege schon wieder trennten. „Der letzte, tiefste . . . Sinn wirklich aktiver politischer Arbeit" solle sein, den neuen „Abraham" abzugeben und unsern „Sohn" — die jüdische Jugend — dem Gotte Politik auszuliefern! So habe man die Neutralität aufzugeben, habe „innere Konsequenzen" zu ziehen, unser „Ja" müsse ..Ja" werden, unser „Nein" ein deutliche- „Nein". Also, weil wir neutrale Judenjungen Schlafmützen waren (das stimmt!), wird man uns jetzt „hergeben", damit wir uns bessern und in welchem Internat? — Beileibe nicht im jüdischen (der Naive könnte ja deflken, wir würden einfach das „nejitral" uns unserm Titel streichen und wären fortan nur jüdisch, in erster Linie Juden, konsequente Juden!), nein, im politischen. Die Medizin, die uns heilt, heißt jetzt: „Für i>der gegen radikale Aenderung der gegenwartigen Gesellschaftsformen": (Jeder Apotheker würde sich hüten, ein so doppelschneidiges Schild auf ein Präparat zu kleben!) Ach -10, bisher lief unser Zug auf neutral jüdischen Schienen — aber immerhin auf jüdischen. Jetzt wirft wer die Weiche u::j und wir laufen in biirzerlichr oder rote Bahnhöfe ein. Wir bleiben immer noch neutral, selbstrodend, jeder dar: aussteigen, wo es ihm paßt. Aber man hängt uns Säcke Uber den Kopf, wie Kühen, die nicht zur Heimat zurückfind, ■ sollen — und wenn man uns später die Augen freigibt, sin I wir in Politisch-Neutralia, Regierungsbezirk Paneuropa ode, ähnlich. Politische Parteien sollen uns Juden darüber Auskunft geben, wie w i r unsere „angestrebten Gesellschaft-- formen" finden? Wir sollen glauben, der Antisemitismus sei nur bei Hitlers Leuten, die andern aber würden uns gern aufnehmen, damit wir uns bei ihnen den passenilen Lebensstil aussuchen können? Wir sollen gar „radikale Aenderung" bei unsern rotgestrichenen nichtjudischen Brüdern (halten sie uns dafür?) proklamieren? Ich bin zwar überzeugt, daß sie da3 ohne uns erledigen werden, wäre ich aber nicht davon überzeugt, soll ich bei all dem uralten geistigen und wirtschaftlichen Boykott der Juden daran glauben, jene täten es auf unser Anraten oder gar mi; unserer Hilfe — wenn wir dabei Juden bleiben wollen? Allerdings, Raphael ist kein Zionist, die Juden sind nach ihm kein Volk, sondern eine ,.Religious"gemein schalt. Diese „andere Möglichkeit" kannte ich und erwartete immerhin, daß er etwas Geschlossenes unter der Judenheil versteht, so wie uns die nichtjüdische Welt zusammensteht. Was empfiehlt er aber den „jüdisch-religiösen Menschen"? — sich einen „politischen Platz" zu suchen. Das ist mir neu. Es würde mir nicht gelingen, die jüdische Keligionsgemcin schaft zu definieren, ohne daß die Begriffe „Thora". „Synagoge", „jüdische Familie" dabei umschreibend wirkten! Der Begriff „Politik" ist mir hier unverständlich, es sei denn, man hätte darunter das Bestreben verstanden, einen starken inneren Zusammenschluß der Judenheit zu schaffen Da lese ich aber: „Religion ist uns nicht mehr ein synago galer oder privat-häuslicher Begriff." Also hier finde ich die Juden auch nicht? Da stand doch aber was von „jüdischreligiös!" — Ks wird mir in steigendem Maße unverständlich, wenn ich nun lese: „Der Jude in uns fordert . . .' Harmonie zwischen Lehre und Leben." Ja, also hält man wnhl wieder den Sabbath, liest die Bibel nicht mehr als „schönstes Buch der Welt", sondern als Lebensleitfaden! Man hält die ..unkirchlichste" Form unserer Religion wieder für die „wahrhaftigste"? Man hört demnach auf, die Synagoge nur noch am Join Kippur zu frequentieren, wie Menschen, die ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen gegen den lieben Gott nachkommen! Denn sonst ,ist das Wort „Kirche" in diesem Zusammenhang doch eine Gehässigkeit, da das Juden tum nie die Beichte verhört, Inquisitionen eingerichtet. Uabbiner durch Ablässe bereichert hat, sondern den einzelnen, jeden Juden seinen eignen Priester hat sein lassen — aber unter stillschweigender Voraussetzung der Anerkennung und Ausführung des Inhalts der Thora. Oder wart Ihr etwa „unter Aufsicht"? Nein, man hat Euch offensichtlich sogar so viel Freiheit gelassen, daß Ihr jetzt diese Gelegenheit benutzt, davonzulaufen! ( Was der katholischen Kirche nicht j passiert!). Die Thora unterband wohl das aktive Eintreten „für Gerechtigkeit und Friede", daß Ihr es nun anderswo neu erfinden zu müssen glaubt? „Juden, das heißt Kämpfer für Gott." Freilich, aber wer für Golt kämpft, muß sich binden, nicht lösen! Wollen .wir den Kampf als Juden kämpfen, dann in dem Gewand, das man bisher als jüdisch bezeichnete — sonst finden wir uns nie mehr zusammen. Es ist übelste Demagogie, bei der Verkündung der aufneu gearbeiteten „Religion" die Worte „synagogal". „kirchlich . „Heidnisches im heutigen Eigenturasbegriff" und „unauf richtige Betriebsamkeit ehrsüchtiger Diplomaten" so ein zuschieben, daß der Unbefangene das beliebig zusammen ziehen kann und erfährt, was also dieses alte Judentum an Gemeinheiten versteckt hielt! So schlägt man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: dfe bürgerliche Gesellschaftsordnung und — die jüdische Religion! Zur Einschläferung =agt man dann rasch noch: „wir Juden" bekämpften das il|pjetzt! Die Ratte sitzt in der Falle. Mit einem kühnen l